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Jean-Louis Leutrat - Mario Bava (1994)

Verfasst: Di 5. Mai 2026, 23:09
von Salvatore Baccaro
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Mit diesem 1994 von Jean-Louis Leutrat herausgebrachtem Bändchen, das bloß noch antiquarisch zu bekommen ist und das die Höllenhunde meiner Universitätsbibliothek dankenswerterweise für mich aufgespürt haben, dürfte ich nun die entscheidenden Veröffentlichungen zum vielleicht wichtigsten italienischen Horrorregisseur in Augenschein genommen haben. Das exakt 160 Seiten umfassende Büchlein setzt sich im ersten Teil aus mehreren kurzen Essays aus den Federn französischer Bava-Aficionados zusammen, darunter, neben Leutrat selbst, Personen mit Namen wie Jean-Francois Rauger, Suzanne Liandrat-Guigues oder Lars Helmstein, die mir allesamt zuvor rein gar nichts gesagt haben; im zweiten Teil wenden sich dieselben Leute dem Oeuvre Bavas zu und steuern knappe Kritiken zu jenen seiner Filme, die für sie besprechenswert erachten - all diejenigen, die in ihren Augen von geringerer Qualität sind, werden im Anhang pro forma und fast widerwillig abgehandelt (oder abgekanzelt). Die Hierarchie, die Leutrat & Co. bezüglich des Gesamtwerks des Maestros aufstellen, dürfte niemanden in Erstaunen versetzen: Sämtliche seiner Western und Komödien gehören selbstverständlich zu den unbedeutenden, wenn nicht sogar, wie es im Falle von RINGO DEL NEBRASKA hei0t, "todlangweiligen" Arbeiten; im Gegensatz dazu werden seine Horrorfilme von LA MASCHERA DEL DEMONIO bis OPERAZIONE PAURA kübelweise mit Lorbeerblättern überschüttet. Überraschend ist vielleicht, dass selbst der späte Gothic-Schocker GLI ORRORI DEL CASTELLO DI NORIMBERGA den Autoren nicht wert war, in den Hauptteil aufgenommen zu werden; bereits vertraut bin ich aus dem Wälzen der Bava-Sekundärliteratur jedoch mit dem Umstand, dass gerade LISA E IL DIAVOLO von Intellektuellen, Kritikern und Filmwissenschaftlern als Bavas heimliches Meisterwerk gehandelt wird. In vorliegendem Band nimmt diese Verehrung jedoch exorbitante Ausmaße an: In nahezu jedem einzelnen Artikel wird der Film zumindest kurz genannt, was teilweise fast schon etwas Gebetsmühlenartiges hat; an einer Stelle spricht Leutrat von Bava gar einfach nur als "der Regisseur von LISA E IL DIAVOLO", so, als ob sein restliches Werk im Grunde sowieso verblasst vor dem strahlenden Kometen, den dieser Film darstellt.

Auffällig ist, dass sämtliche Texte - abzüglich eines biographischen Abrisses ganz am Ende, der sich liest wie ein etwas ausführlicherer Wikipedia-Eintrag - in einem hymnischen Duktus verfasst sind, wie ihn schon Pascal Martinet 1984 in der frühsten mir bekannten Bava-Monographie anschlägt und der mir gerade für die französische Filmkritik Standard zu sein scheint: Was Leutrat & Co. vorlegen, das sind keine filmwissenschaftlichen Exegesen, das sind keine bloßen Inhaltsangaben und Faktensammlungen zu den einzelnen Filmen und Themen, nein, es handelt sich vielmehr um ganz persönliche Zugänge zu Bavas Oeuvre - sei es zu seinem Umgang mit Farben, zum Motiv des Meeres in seinen Filmen, zu technischen Aspekten wie (naheliegenderweise) seinen Umgang mit der Kamera -, die zugleich in einem Stil verfasst sind, der unbedingt anspruchsvolle Literatur sein will. Auf die Dauer kann das durchaus anstrengend sein, wenn die Autoren rein assoziativ und subjektiv durch Bavas Filme springen, und das, was sie eigentlich sagen möchten, oftmals hinter einem blumigsten Strauß Wörter verschleiern - zumal ich es auch schwierig finde, dass in einem Buch, das einem der entscheidenden Protagonisten des Filone-Kinos gewidmet ist, so gut wie gar nicht auf die konkreten Produktions, Distributions- und Rezeptionsbedingungen von Bavas Filmen eingegangen wird. Stattdessen werden die Autoren nicht müde, Bavas Status als Auteur zu betonen - und zwar auf die altbekannte Weise: Reputationsmaximierung wird betrieben, indem man in Bavas Filmen Referenzen an den Kanon detektiert. Es versprüht beinahe den Charakter von reinem Name-Dropping, wenn beispielsweise OPERAZIONE PAURA mit Ingmar Bergmans SMULTRONSTÄLLET verglichen wird; wenn Bavas Umgang mit Dekadenz und Verfall Erinnerungen wachruft an Luchino Viscontis LUDWIG oder LA CADUTA DEGLI DEI; wenn scheinbar willkürlich Schriftsteller wie Ernst Bloch, Tschechow oder André Breton in einem Atemzug mit Bava genannt werden - selbst wenn einige der Verbindungslinien nicht uninteressant sind, in dieser Fülle erweckt es doch einen äußerst bemühten Eindruck, Bava unbedingt in die Riege höchster Kunst erheben zu wollen.

Trotz einiger spannender Beobachtungen zum Beispiel zu Bavas Farbpalette hat mir diese Veröffentlichung letztlich nichts Neues an Erkenntnissen offerieren zu können, und bleibt unentschlossen in einem Zwischenstatus stehen zwischen Martinets euphorischem Langessay von 1984 und Alberto Pezzottas wunderbar Biographisches mit Interpretativem verbindender Monographie, die nur ein Jahr später in Italien erschienen ist.