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Bug - William Friedkin (2006)

Verfasst: Mi 22. Jun 2011, 00:42
von horror1966
Bild




Bug
(Bug)
mit Ashley Judd, Michael Shannon, Harry Connick Jr., Lynn Collins, Brian F. O'Byrne, Neil Bergeron, Bob Neill
Regie: William Friedkin
Drehbuch: Tracy Letts
Kamera: Michael Grady
Musik: Brian Tyler
FSK 16
USA / 2006

Agnes arbeitet als Kellnerin in einer Bar am Rande einer einsamen Landstraße und zittert vor den sporadischen Besuchen ihres um keine Gewalttat verlegenen Ex-Mannes Jerry. Um so erfreuter ist Agnes, als ihre lesbische Kollegin R.C. eines Tages den stillen Peter anschleppt. Peter ist eine einsame Seele wie sie, will nur plaudern, scheint an Sex kein Interesse zu haben und hegt eine diffuse Angst vor Käfern bzw. Leuten, die ihn mittels Käfer überwachen. Im Laufe der Zeit lässt sich Agnes von seiner Paranoia anstecken.


Regisseur William Friedkin, der ja bestens durch sein Meisterwerk "Der Exorzist" bekannt sein dürfte, hat mit diesem Werk ein wirklich erstklassiges Psycho / Drama geschaffen, das nicht spurlos an einem vorrüber geht und auch nachhaltig im Kopf des Zuschauers haften bleibt Dieses kammerspielartige Werk übt eine fast hypnotische Wirkung aus, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Zu faszinierend und auch fesselnd ist die hier erzählte Geschichte, die auf der einen Seite kaum fassbar ist, aber auf der anderen Seite doch sehr autenthisch und überzeugend dargestellt wird.

Die große Stärke von "Bug" sind hier ganz eindeutig die beiden Hauptdarsteller, die im Focus des Geschehens stehen. Und obwohl der Film extrem dialoglastig ist und auch keine großartigen Action-Sequenzen beinhaltet, so ist es der brillanten schauspielerischen leistung von Ashley Judd und Michael Shannon zu verdanken, das man hier absolut gar nichts vermisst. Hier überzeugt die Story an sich, es ist fantastisch und sehr interessant zu beobachten, wie es möglich ist, sich von Paranoia richtiggehend anstecken zu lassen.

Steht Agnes (A. Judd) den Geschichten ihres neuen Bekannten Peter (P. Shannon) über Insekten und militärische Manipulationen doch eher skeptisch gegenüber und tut seine Ansichten eher als Überreaktionen ab, so geschieht es mit der Zeit, das Peter sie immer mehr mit seinem Wahn infiziert und durch seine anscheinend logischen Erklärungen vollkommen überzeugt. Letztendlich kommt es sogar soweit, das beide vollkommen fanatisch werden, was am Ende zur unvermeidlichen Katastrophe führt.

Die darstellerischen Leistungen sind hier das absolute Sahnehäubchen auf eine sehr interessante Story, die Paranoia wird absolut autenthisch und mehr als nur überzeugend dargestellt. Auch der Wandel, der sich im Denken von Agnes vollzieht, ist hier absolut nachvollziehbar, teilweise ertappt man sich selbst dabei, das man den Ausführungen von Peter Glauben schenken möchte, da er seine Wahnvorstellungen so plastisch und auch logisch schildert. Wenn man nicht wüsste, das es sich hier um Paranoia handelt, dann würde man sich durchaus auch von diesem überzeugenden Redner bequatschen lassen.

"Bug" ist ein erstklassig inszeniertes Psycho / Drama, das zum Großteil aus Dialogen besteht. Wer Action erwartet, wird diese hier nicht finden, ganz davon abgesehen, das sie in diesem Film auch vollkommen deplaciert gewesen wäre. Ein absolut anspruchsvoller und sehr niveauvoller Film, der einem auf jeden fall ein sehr intensives Filmerlebnis beschert, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.


Die DVD:

Vertrieb: Ascot Elite
Sprache / Ton: Deutsch / Englisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bild: 1,85:1 (16:9)
Laufzeit: 97 Minuten
Extras: Director' Commentary, Interview mit dem Regisseur, Bug - eine Einführung / Behind the Scenes und Interviews


8,5/10

Re: Bug - William Friedkin

Verfasst: Di 2. Jul 2013, 21:28
von buxtebrawler
Warnung: Diese Filmkritik beinhaltet massive Spoiler, ohne die es mir nicht möglich erschien, den Film angemessen zu beschreiben. Das beste dürfte sein, mit so wenig Informationen wie möglich an „Bug“ heranzutreten. Wer ihn noch nicht kennt, ihn aber gern sehen möchte, sollte also besser nicht weiterlesen.

US-Regisseur William Friedkin („Der Exorzist“) meldete sich im Jahre 2006 mit dem Psycho-Thriller „Bug“, der Adaption eines Theaterstücks, zurück, sein erster Film seit „Die Stunde des Jägers“ (2003).

„Tote Rauchmelder bringen kein Unglück!“

Agnes (Ashley Judd, „Heat“) lebt zurückgezogen in einer Art Behelfswohnung irgendwo in einer wüstenartigen Gegend der USA. Dort lernt sie eines Tages den mysteriösen Peter (Michael Shannon, „Vanilla Sky“) kennen. Beide verlieben sich ineinander, zum Missfallen von Agnes‘ just aus dem Knast entlassenen Ex-Freunds Jerry (Harry Connick jr., „Das Wunderkind Tate“). Peter erzählt, er wäre Kriegsveteran, an dem die US-Armee geheime Experimente durchgeführt hätte. Er klagt über Ungeziefer an und in seinem Körper und schottet sich mit Agnes nach und nach komplett von der Außenwelt ab…

„Bug“ ist über weite Strecken zunächst einmal ein Unterschichtsdrama: Vom Leben benachteiligte Nachtclubarbeiterin, deren einziger Sohn seit langer Zeit spurlos verschwunden ist und die unter den Attacken ihres gewalttätigen Ex-Freunds leidet, trifft auf scheinbar fürsorglichen, schüchternen und verständnisvollen Desperado. Es kommt zu einer sehr erotisch gefilmten Sexszene, beide Hauptdarsteller geben sich freizügig und es macht Spaß, zuzusehen, wie beide sich näher kommen, meist leicht verpeilte Dialoge versehen den Film mit einer subtil-witzigen Note. Verwunderlich ist, dass Agnes vor zehn Jahren einen sechsjährigen Sohn gehabt haben soll, aber tatsächlich kommt das mit dem Alter der unheimlich jung aussehenden Ashley Judd hin.

„Denk nach: Wovon weißt du gar nichts?!“ – „Ich weiß es nicht!“

In schwül-sommerlicher Atmosphäre wird „Bug“ zum Kammerspiel – in dem sich nach 55 Minuten die Ereignisse zu überschlagen beginnen und ein unerwarteter Weg eingeschlagen wird. Die im Subtext des Films fest verankerten Verlustängste, die Paranoia, Hypochondrie und Isolation der Protagonisten befruchten sich gegenseitig und schrauben sich in ungeahnte Höhen. Die Kritik an Menschenversuchen der Armee und der Manipulation von Soldaten entpuppt sich als ausgesprochener Verfolgungswahn zweier psychisch derangierter Charaktere, von denen der eine einen Sog entwickelt, in den sich der andere aus Einsamkeit und Liebe in Selbstaufgabe bereitwillig hineinstürzt. Zwei mit dem normalen Leben abschließende Menschen, die beginnen, sich selbst zu verstümmeln – psychisch wie physisch. Eine erschreckende, explizite Szene einer selbst durchgeführten Zahnziehung ist vorläufiger Höhepunkt des zunehmenden körperlichen Verfalls Agnes‘ und Peters, die – nicht frei von Komik – irgendwann nur noch eine Verschwörungstheorie nach der anderen herunterrattern, sich in Rage und damit endgültig um den Verstand plappern. „Bug“ wird zu einer absurden Farce – und dies in seiner Eindeutigkeit zu einer, wenn man so will, kleinen Schwäche des Films. Die Königsdisziplin wäre gewesen, bis zum Ende offen zu lassen, ob sich das Paar in einem Wahnzustand befindet oder es sich um die tatsächliche Realität handelt. Ein negativer Aspekt ist, dass bewiesene, aber unfassbare Fakten wie Nazis, die nach dem zweiten Weltkrieg in US-Geheimdiensten unterkamen, Militärexperimente an Menschen etc. zum Teil der Verschwörungstheorien und damit unglaubwürdig gemacht werden.

„Ich bin die Supermutterwanze!“

Das letzte Drittel des Films wird komplett in blaues Licht getaucht, strahlt eine Eiseskälte aus und sieht aus wie im Iglu gedreht – der Kontrast zur Schwüle des Beginns ist perfekt, die aufgestaute Hitze fand ihre Entladung und mündet in einem desaströsen, vernichtenden Finale. „Bug“ entpuppt sich als zunächst subtile, später umso plakativere Psycho-Studie der Paranoia im Zweierkollektiv, als Kulturreport einer selbstmörderischen Parallelwelt, als Porträt der hässlichen Fratze des Wahnsinns, das im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Voll erschreckender Intensität spielen sich Shannon und Judd durch diesen wenig beachteten, unterbewerteten Film, der so gut in eine schnelllebige, komplexe, Orientierungslosigkeit provozierende Ära passt, deren Tribut immer mehr Menschen mit dem Verlust ihrer geistigen Gesundheit zollen. Angesichts eines Films, an den ich mit keinerlei Erwartungen heranging, blieb mir glatt die Spucke weg. Wer sich an harten, konsequenten Psycho-Thrill, der die Grenze zum Horror mehr als einmal übertritt, herantraut, kann auf „Bug“ einen Ritt in die manische Schizophrenie unternehmen und nur hoffen, anschließend nicht auch plötzlich so ein eigenartiges Kribbeln unter der Haut zu spüren...

Fazit: 8 von 10 Koksmücken.

Re: Bug - William Friedkin

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 14:55
von karlAbundzu
BUG (USA, 2007)
R: William Friedkin, D: Ashley Judd, Michael Shannon, Harry Connick Jr., Lynn Collins, Briane Byrne. M: Brian Tyler
Paranoia-Drama im Kammerspiel-Style.
Ashley Judd spielt eine Frau im White Trash Milieu (da ließ Friedkin ja auch Killer Joe agieren) zwischen Angst vorm Alleinsein, Alkohol, schmerzlichen Erinnerungen und Gewalt. Eines Tages taucht ein ehemaliger Soldat, gespielt von Michael Shannon, bei ihr auf. Sie lässt ihn bei sich wohnen, um ihre Einsamkeit und die reale Gefahr ihres Ex zu bekämpfen. Nur leider bringt der Fremde auch eine ausgewachsene Paranoia mit, in der sie immer mehr mitgerissen wird.
Hoi, was ein spannender Film. Beruhend auf einen Theaterstück, und auch ähnlich ausgestattet, es spielt fast nur im Motelzimmer, hat der Film eine starke paranoide Wirkung, der Wahnsinn und die Logik der Paranoia spiegelt sich auch im Zimmer im Licht und in der Dramaturgie wieder. Auch gut, dass immer wieder Fährten gelegt werden, die zum Teil nicht geklärt werden, passt zur Stimmung des Filmes.
Hervorragend gespielt von Ashley Judd, immer verunsichert, immer auf der Suche, und einen schön verrückten Michael Shannon (scheint ja so seine Rolle zu sein, wie in dem Werner Herzog Film), und seinen sich steigernden Irrsinn.
Visuell sehr beeindruckend, und es gibt eine unangenehme Szene mit Zähnen.
Empfehlung, der späte Friedkin dreht auf, jedenfalls gefallen mir BUG und KILLER JOE sehr.

Bei den Specials der DVD gibt es die übliche lobende Featurette und ein gutes Interview mit William Friedkin, der sich als kluger, angenehmer Typ mit Überzeugung entpuppt.

PS: Ich hab ja eine Nachbarin, die nicht aus dem Haus geht und auch alles Mögliche mit Alufolie auskleidet, vielleicht wirkt der Film dadurch bei mir noch mehr…

Re: Bug - William Friedkin

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 15:04
von Onkel Joe
karlAbundzu hat geschrieben:Bei den Specials der DVD gibt es die übliche lobende Featurette und ein gutes Interview mit William Friedkin, der sich als kluger, angenehmer Typ mit Überzeugung entpuppt.…

Mittlerweile, am Anfang seiner Karriere war das ja ein ziemlich zugedröhntes Kokser Arschloch! Am Set haben sie ihn nicht gemocht und es gab auch ständig Probleme mit seinen Schauspielern.

Re: Bug - William Friedkin

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 15:47
von jogiwan
karlAbundzu hat geschrieben: PS: Ich hab ja eine Nachbarin, die nicht aus dem Haus geht und auch alles Mögliche mit Alufolie auskleidet, vielleicht wirkt der Film dadurch bei mir noch mehr…
Wie mans nimmt... überwachst du die Dame? ;)

Re: Bug - William Friedkin

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 15:54
von sergio petroni
jogiwan hat geschrieben:
karlAbundzu hat geschrieben: PS: Ich hab ja eine Nachbarin, die nicht aus dem Haus geht und auch alles Mögliche mit Alufolie auskleidet, vielleicht wirkt der Film dadurch bei mir noch mehr…
Wie mans nimmt... überwachst du die Dame? ;)
Dagegen versucht sie sich doch mit der Alufolie zu wehren.... :kicher:

Re: Bug - William Friedkin (2006)

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 16:45
von karlAbundzu
da müßte sie schon Goldfolie nehmen ggg

Re: Bug - William Friedkin

Verfasst: Fr 26. Feb 2016, 17:10
von CamperVan.Helsing
sergio petroni hat geschrieben:
jogiwan hat geschrieben:
karlAbundzu hat geschrieben: PS: Ich hab ja eine Nachbarin, die nicht aus dem Haus geht und auch alles Mögliche mit Alufolie auskleidet, vielleicht wirkt der Film dadurch bei mir noch mehr…
Wie mans nimmt... überwachst du die Dame? ;)
Dagegen versucht sie sich doch mit der Alufolie zu wehren.... :kicher:
Der Karlschi ist ein IM? :shock:

Re: Bug - William Friedkin (2006)

Verfasst: Mo 26. Mär 2018, 16:26
von Arkadin
Basierend auf einem Theaterstück zaubert der große William Friedkin hier ein ziemlich intensives Kammerspiel, welches aufgrund der hervorragenden Darstellungen von Ashley Judd und vor allem dem unglaublichen Michael Shannon ziemlich unter die Haut geht. Wird oftmals als Horrorfilm beworben, ist aber eine Paranoia-Studie. Am Ende geht es vielleicht etwas sehr schnell, dass auch der Ashley Judd-Charakter von Shannons Wahnvorstellungen angesteckt wird, aber Friedkin hat das alles sehr gut im Griff und macht ein Maximum aus dem sichtbar geringen Budget und dem sehr eingeschränkten Handlungsort.