Ich habe von jeher einen Faible für tragische Frauenfiguren, deshalb war mir als ich im Laufe des Jahres 2012 zufällig mitbekam, das Leben von Linda Lovelace wird verfilmt, sofort klar, dass ich diesen Film anschauen würde.
Da ich einiges an Vorkenntnissen zur Person mitbringe, so habe ich autobiographische Bücher von ihr gelesen und auch den Film „Inside Deep Throat“ gesehen, der sich allerdings eher mit der Entstehung des Pornos, als mit dem Leben seiner Hauptdarstellerin beschäftigt, und außerdem über ein Auge für stilistische Details verfüge, kann ich „Lovelace“ eine außergewöhnliche Authentizität bescheinigen. Von den Klamotten, über die Frisuren, Einrichtungsgegenstände, Autos usw. hat man sich große Mühe gegeben; das sieht alles wirklich perfekt nach USA der 70's aus. Ebenso sind die nachgestellten Szenen aus „Deep Throat“ selbst bis ins Detail mit dem Original abgestimmt, da wurde mit der gleichen Liebe ans Werk gegangen.
So vergeht der Film sehr angenehm schaubar mit dem Weg der jungen Linda Boreman vom Kennenlernen Chucks über die Heirat der beiden und die Dreharbeiten zu „Deep Throat“ bis zum Aufstieg Linda Lovelaces', wie sie sich nun nennt, zum landesweit bekannten Star. Dabei werden die Eckpunkte des gemeinsamen Lebens allerdings alle nur mehr oder weniger kurz und recht oberflächlich angerissen.
An dieser Stelle fing sich bei mir ein gewisses Unbehagen an breit zu machen, denn an kritischen Zwischentönen fehlte es dem Geschehen bis dahin völlig. Hier verwendet der Film einen cleveren Kunstgriff, kommt es doch nach ziemlich genau der Hälfte der Laufzeit zum Bruch in der Handlung, der Film springt einige Jahre vor und wir sehen Linda bei einem von ihrem Verleger initiierten Lügendetektortest. Sie schreibt nämlich inzwischen eine Autobiographie, in der sie mit ihrem Ex-Mann Chuck Traynor abrechnet, und der Verlag möchte offensichtlich die Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte überprüfen.
Nun ja, man weiß ja aus vielen Fernsehkrimis, dass die Amis einen Tick mit ihren Lügendetektortests haben, aber wie es um die Glaubwürdigkeit der tatsächlichen Linda Boreman bzw. Linda Marciano, wie sie nach ihrer zweiten Heirat heißt, bestellt ist, wage ich nicht zu beurteilen, widersprechen sich doch einige Aussagen in ihren verschiedenen Büchern nicht unerheblich.
Der Kniff mit der Zweiteilung dieses Spielfilms ist indes gelungen, denn nun bekommt der Zuschauer in retrospektiven Einstellungen zusätzliche Details serviert, die auf den ersten Blick verborgen blieben. Wenn z.B. vorher durch aus einem Hotelzimmer dringenden Krach der Anschein erweckt wurde, Linda und Chuck würden gerade leidenschaftlich bumsen, sehen wir nun im Nachhinein, dass dem mitnichten so ist, sondern Chuck Linda als Strafe für eine „schnippische Bemerkung“ windelweich prügelt. Hier hat der Film seine stärksten Szenen, besonders gelungen etwa Lindas nächtlicher Besuch bei ihren Eltern, wo sie ihre Mutter unter Tränen anfleht, wieder dort einziehen zu dürfen, weil Chuck sie misshandle, diese aber nur kalt entgegnet, sie solle gefälligst zu ihrem Mann zurückgehen und ihm eine gehorsame Ehefrau sein, wie es ihre verdammte Pflicht wäre.
Leider spart „Lovelace“ das wie und warum der Wandlung Lindas vom grauen, unterwürfigen Mäuschen zur feministischen Kämpferin völlig aus, hier bleibt der Zuschauer doch mit einem ziemlichen Fragezeichen im Kopf zurück, aber vielleicht war dafür einfach keine Zeit mehr.
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Apropos graues Mäuschen, Hauptdarstellerin Amanda Seyfried macht ihr Sache ausgesprochen überzeugend und sieht umwerfend aus, direkt
zu hübsch im Verhältnis zur echten Linda Marciano, die doch die personifizierte Durchschnittlichkeit war, was aber auch zu einem nicht unerheblichen Teil ihren Erfolg begründete. Das perfekte Mädchen von nebenan eben gibt die Seyfried nicht ganz, es wurde wohl eher nach einem Hollywoodstar als Zugpferd geschielt.
Gelungene Unterhaltung mit ein wenig Anspruch, der es aber letztlich an der Fähigkeit, echte Empathie für das Leben und Leiden von Linda Lovelace zu wecken, fehlt. Hätte man nach meinem Geschmack noch deutlich mehr draus machen können.
7/10
Noch eine Nachbemerkung zur deutschen DVD-Veröffentlichung: Das Bild ist soweit in Ordnung, aber der Ton krankt an unterschiedlichen Lautstärkepegeln. So sind die Werbe-Trailer der weiteren Filme und das Bonusmaterial deutlich lauter auf die Disc gespielt als der Hauptfilm, bis auf die Pressekonferenz im Bonusbereich, deren extrem schlechter und leiser Ton dieses Feature völlig unbrauchbar macht. Dicken Punktabzug für solchen Nerv, ebenso wie für die lieblose Gesamtaufmachung der Verpackung.
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