Mad Heidi - Johannes Hartmann, Sandro Klopfstein (2022)

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Salvatore Baccaro
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Mad Heidi - Johannes Hartmann, Sandro Klopfstein (2022)

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Originaltitel: Mad Heidi

Produktionsland: Schweiz 2022

Regie: Johannes Hartmann, Sandro Klopfstein

Cast: Alice Lucy, Caspar Van Dien, Max Rüdlinger, David Schofield, Kel Matsena, Almar G. Sato, Pascal Ulli, Katja Kolm, Kaspar Weiss


...und das kommt dann also dabei heraus, wenn zwei findige Schweizer Regisseure im Jahre 2022 den Plan fassen, eine allseits beliebte Heldin, die eher im betulicheren Sektor der Populärkultur verortet ist, in einen ostentativ das Grindhouse-Kino der 70er und 80er Jahre rezipierenden Pfuhl aus Gewalt, Sex und sonstiger Grenzüberschreitungen zu schmeißen...

In ihrem Essay über die "Camp"-Kultur schreibt Susan Sontag im Jahre 1964: "Pure Camp is always naive. Camp which knows itself to be Camp ("camping") is usually less." Diesselbe Definition kann man, meiner Meinung nach, auch auf das Phänomen "Trash" anwenden: In dem Moment, wo man gezielt darangeht, einen Trash-Film drehen zu wollen, bleibt einem im Grunde nicht viel mehr als ein kolossales Scheitern in Bezug auf all die Tugenden, die den "wahren" Trash auszeichnen. Dass beispielweise ein italienischer Zombiefilm à la Andrea Bianchis LA NOTTI DI TERRORE (1981) oder Bruno Matteis VIRUS (1980) mich derart innigst anspricht, hat sicher nicht damit zu tun, dass seine Hinterleute sich dachten: Lasst uns eine Romero-Parodie drehen! Vielmehr kommen bei einem solchen Streifen ganz andere Dinge zusammen: Kommerzielle Erwägungen (Sex und Gewalt als Verkaufsschlager), die etwaigen Schauwerte die völlige Dominanz einräumen; eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit etablierten Filmtugenden wie Montage, Dramaturgie, Handlungskohärenz etc., eben weil diese schlicht nicht im Vordergrund stehen und hinter den spekulativen Schauwerten zurücktreten (müssen); eine damit einhergehende, manchmal impulsiv hervorbrechende Experimentierfreude, eine Art Lust, sich austoben zu können, weil die eigene (derangierte) Kreativität eben von keinem psychologisch ausgefeilten Figurenensemble, keiner sinnvoll von A nach B und C führenden Story, keinem Übergewicht an technisch-ästhetischer Akkuratesse eingeschränkt wird (Stichwort: "Mama, Mama, schau mal! Das riecht so nach Tod!"); ein Pfeifen auf moralisch-ethische Korsette, da man ja sowieso einen Film dreht, der sich primär durch diverse Schweinereien konstituiert, was zu himmelschreienden Szenen führt wie beispielweise freudianisch interpretierbaren Brustbissen durch kleinwüchsige Darsteller, die minderjährige Buben verköpern sollen; allgemein ein ökonomisches Denken, das die gesamte Produktion durchzieht: Soundtrack? Lasst uns einfach den Score von Romeros DAWN OF THE DEAD nehmen, für den wir nicht mal die Rechte haben!, oder: Exotische Tiere? Hier ist doch noch eine alte Natur-Doku! Was, eine Springmaus gibt es in Papa-Neuginea gar nicht? Pfff, wer weiß das denn schon?!, - und, überhaupt, diese kombinatorische Überbietungsästhetik: Zombies allein reichen noch nicht! Es müssen Kannibalen her! Und Terroristen! Und Söldner! Und eklige Bestattungsrituale aus alten Mondo-Streifen!

Was Filme wie die oben genannten, und so viele mehr, quasi unbewusst realisieren, das heißt: in der Dämmerung, sprich, ohne bei hellem Verstand darüber nachzudenken, entwirft MAD HEIDI nunmehr am Reißbrett unter dem Licht steriler Deckenlampen: Die Schweiz als dystopisch-faschistoider Staat, in dem ein käse-fanatischer Tyrann herscht; der Ziegenpeter als dunkelhäutiger Dealer illegaler Käsesorten, der von der Geheimpolizei kurzerhand gelyncht wird; Heidi als Widerstandskämpferin gegen das Regime von Präsident Melli; Sequenzen im Frauengefängnis, wo Heidi, inzwischen verhaftet, auf der untersten Sprosse der Nahrungskette sitzt; ihre (metaphysisch grundierte) Ausbildung zur Elitekämpferin, die alsbald Melli und Konsorten den offenen Krieg ansagt; ein Grande Finale in einer Arena, wo Melli moderne Gladiatorenkämpfe veranstalten lässt, und Heidi als Amazone letztendlich den verdienten Sieg erringt. Das alles ist säuberlich aneinandergereiht wie die Glieder einer Kette: Man meint, den Drehbuchautoren beim Schauen des Films über die Schulter linsen und ihre Checklist studieren zu können, wo sie einen Punkt nach dem andern abhaken, der ihnen für einen schönen Retro-Exploiter unabdingbar scheint: Misogyne Exzesse im Women's Prison; naziähnliche Schergen; Splatter mit zersplitternden Schädeln und Eingeweidegekröse; eine Heldin, die im Verlauf der schematischen Handlung vom unschuldigen Bergmurmeltier zur reißenden Braunbärin mutiert, ganz so wie ihre Ahnherrin in THRILLER - EN GRYM FILM; letztlich sogar zombiehafte Gestalten, mit denen Melli eine Armee willenloser Krieger formieren möchte, um sein Imperium über die ganze Welt auszudehnen.

Es klingt nach einem großen Spaß und vor allem eine Verballhornung etlicher Schweizer Befindlichkeiten und Traditionen, wenn das Finale ein brutales Schwingfest darstellt, wenn Heidi in ihrer Gefangenschaft mit einer Art Doping-Käse zwangsernährt wird, wenn der Ziegenpeter unter seinem Mantel versteckt besonders exquisite Milcherzeugnisse zur lechzenden Kundschaft bringt - und dennoch zucken meine Mundwinkel kaum, bin ich irgendwann regelrecht enerviert von diesem Film, der mir krampfhaft eine Ästhetik bedienen zu wollen scheint, die längst ihre Naivität verloren hat, und deshalb nicht so einfach, und zumal nicht nach vorgefertigtem Plan!, reanimiert werden kann: Die Poetik der Unmotiviertheit, die Ästhetik der absoluten Kontingenz, die surrealistischen Collagetechniken des klassischen Trash-Kinos weichen bei MAD HEIDI kühlem Kalkül, einem selbstironischen Gestus, einer durchaus rational organisierten Collagetechnik, die nur nach außen hin so tut, als sei sie aus dem Unterbewussten geboren, - so wie bei all den Shark-Exorzisten, den Velocirapastoren, den Tornadohaien, den Kokainbären, den Lavantula-Spinnen, die seit einigen Jahren das US-amerikanische B-Movie-Kino bevölkern.
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