Os Fuzis - Ruy Guerra (1964)

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Salvatore Baccaro
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Os Fuzis - Ruy Guerra (1964)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Os Fuzis

Produktionsland: Brasilien/Argentien 1964

Regie: Ruy Guerra

Cast: Átila Iório, Nelson Xavier, Maria Gladys, Leonidas Bayer, Ivan Cândido, Paulo César Peréio


Abt.: Nachlese 27. Bremer Internationales Symposium zum Film

Neben Nélson Peireira dos Santos VIDAS SECAS (1963) und Glauber Rochas DEUS E O DIABO NA TERRA DO SOL (1964) gilt Ruy Guerras OS ZUZIS (1964) als dritter wichtiger Gründungsfilm des Cinema Novo. Die beiden vorherigen Filme hatte ich vor Jahren schon einmal gesehen, als ich anfing, mich für die brasilianische Neue Welle zu interessieren, OS FUZIS selbst ist mir allerdings nie unter die Augen gekommen – und das, obwohl die Schlussszene sogar reichlich Potential dafür gehabt hätte, eingehend in meiner Promotionsschrift analysiert zu werden!

Aber der Reihe nach: Die wüstenähnliche Sertão-Region im Nordosten Brasiliens Anfang der 60er Jahre. Eine lang anhaltende Dürre hält das Land seit geraumer Zeit umklammert; die Bevölkerung hungert, und der wohlhabende Bürgermeister einer Kleinstadt fürchtet, dass die knurrenden Mägen seiner Untergebenen alsbald zur Revolte führen könnten. Konkret macht ihm sein Lagerhaus voll Lebensmittel, die eigentlich für den Export in die Großstadt bestimmt sind, Sorgen: Was, wenn die benachteiligten Bauern aufbegehren und sich einfach mit Gewalt nehmen, was man ihnen vorenthält? Zur Bewachung der Güter wird eine Gruppe Soldaten in das Städtchen beorder; sie sollen die Lagerhalle so lange bewachen, bis ein Konvoi Lastwagen eintrifft, von denen die Ware aus der Gefahrenzone transportiert wird. Tag für Tag sitzen die Männer, die nur ihre Waffen, Sex und fragwürdige Männlichkeitsübungen im Sinn haben, fortan auf dem Dach der Lagerhalle, vor den Toren der Lagerhalle, in der Lagerhalle, und warten auf einen Ansturm der draußen wie die Fliegen sterbenden Landbevölkerung, der einfach nicht kommen mag. Langeweile schleicht sich ein; man schießt aus Spaß auf weidende Ziegen; einmal verfehlt eine Kugel ihr angedachtes Ziel und sucht sich ein anderes: Plötzlich stehen die Soldaten vor die Frage, wie sie ihrem Arbeitgeber erklären sollen, einen arglosen Bauern niedergestreckt zu haben. Parallel dazu kanalisiert sich das Leid des Volks in religiöser Verzückung: Ein Wanderpredigt durchzieht die Gegend. Mit dabei hat er einen angeblich heiligen Ochsen: Alle, die vom Hunger gebeutelt sind, mögen ihm folgen, auf dass ihre bedingungslose Hingabe Gott dazu bewege, endlich etwas Regen fallenzulassen…

…wobei das die Story ist, wie ich sie nach Screening des Films mithilfe diverser Inhaltszusammenfassungen im World Wide Web für mich rekonstruieren musste. Anders gesagt: Im direkten Vergleich mit den ebenfalls nicht unbedingt nach gängigen westlichen Sehgewohnheiten funktionierenden VIDAS SECAS und DEUS E O DIABO NA TERRA DO SOL ist OS FUZIS der wohl sperrigste Vertreter des (frühen) Cinema Novo, der mir bislang untergekommen ist. Guerra arbeitet viel mit Handkameras, deren Linsen ganz dicht an den Figuren kleben, ihre verschwitzten Gesichter, ihre schmutzige Kleidung, ihren betrunkenen Atem regelrecht physisch erfahrbar machen, was dem Film nicht zuletzt einen semi-dokumentarischen Touch verleiht; die einzelnen Einstellungen sind lang, die Bilder betont schmucklos, die Geschichte entwickelt sich zäh und beinahe zufällig, was ebenfalls dazu führt, dass man oft weniger den Eindruck hat, einem Spielfilm beizuwohnen, sondern einer höchstens hauchzart mit Fiktion aufgeladenen Reportage; außerdem liebt es Guerra, uns eine Hand zu verweigern, von der wir Stück für Stück durch die fragmentarische Story geführt werden würden: Kontextwissen, das darüber hinausgeht, zu welcher Zeit an welchem Ort wir uns bei OS FUZIS befinden, erhalten wir zu Beginn des Films nicht; viele Plot-Volten erschließen sich erst rückblickend, sodass ich die gesamte Parallelhandlung um den Heiligen Ochsen tatsächlich erst im letzten Drittel überhaupt in Beziehung zum Hauptstrang um die Wachsoldaten habe bringen können; mancher Nebenschauplatz wirkt zudem, als habe er nur marginal mit dem zu tun, was OS FUZIS im Kern erzählen möchte: ein langes Interview mit einer blinden alten Frau zum Beispiel, bei dem offenkundig tatsächlich eine Einwohnerin des Sertão gebeten wurde, vor laufender Kamera aus ihrem entbehrungsreichen Leben zu berichten, oder die angedeutete Liebes- oder, nein, besser Leidenschaftsgeschichte zwischen einem der Soldaten und einer jungen Frau, die in einer bedrückenden mehrminütigen Szene gipfelt, bei der man (/ich/) nicht weiß, ob man gerade besonders ekstatischen Zärtlichkeitsbekundungen oder einer brutalen Vergewaltigung zusieht.

Überhaupt geizt OS FUZIS nicht mit hartem Tobak. Das Finale vor allem ließ mir den Kiefer herabklappen ob der in ihm visualisierten Brutalitäten: Als ein Lastwagenfahrer mitbekommt, wie einer der Bauern einen Ladenbesitzer um eine Kiste bittet, in der er seinen verhungernden kleinen Sohn beerdigen kann, reißt ihm die Geduldsschnur; er greift zur Waffe, versucht, den lange herbeigesehnten Aufstand anzuzetteln, dem sich indes jedoch niemand der restlichen Einwohnerschaft anschließt; es kommt zum Shoot-Out zwischen den Soldaten und dem Einzelkämpfer, bei dem ich die Formulierung, dass sich Menschen gegenseitig in Fetzen schießen, ausnahmsweise einmal nicht für übertrieben halte: Stellt euch die Gewaltexzesse Peckinpahs vor, nur viel traumatisierender, da völlig unvermittelt über diesen bis dato eher schleppenden Film hereinbrechen. Die Grundstimmung zuvor ist freilich ebenso keine, die besonders zur Heiterkeit einlädt: Die kargen Schwarzweißbilder evozieren neorealistische Vorbilder, nur dass Rossellini, Visconti oder de Sica niemals zu der Hoffnungslosigkeit vorgedrungen sind, die Guerra zelebriert. Religion, Rebellion, Resignation – im Grunde nichts kann die von tiefen Klassengegensätzen, von einem immanenten Machismo und Militarismus, vom Mangel an den grundlegendsten körperlichen und seelischen Freuden geprägte Gesellschaft zum Positiven verkehren, in die unsere Figuren unweigerlich geworfen sind. Auch die Schlachtung des Ochsen, in der der Film kulminiert, stellt keine Erlösung dar, - einmal abgesehen davon, dass es natürlich ein Statement für sich ist, einen Film mit einer mehrminütigen Szene zu beenden, in der en détail zu sehen ist, wie ein Rind vor laufender Kamera ausgeweidet und (teilweise) roh verzehrt wird, puh.

Welch Brett!, rufe ich aus, und erfahre interessiert, dass OS FUZIS der Auftakt einer Trilogie ist, deren zweiten Teil Guerra 1978 unter dem Titel A QUEDA vorgelegt hat, und an deren dritten Teil der inzwischen weit über Neunzigjährige derzeit arbeitet...
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