Reflection - Valentyn Vasyanovych (2021)

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Salvatore Baccaro
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Reflection - Valentyn Vasyanovych (2021)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Vidblysk

Produktionsland: Ukraine 2021

Regie: Valentyn Vasyanovych

Cast: Roman Lutskyi, Nika Myslyts'ka, Nadiya Levchenko, Andriy Rymaruk, Oleksandr Danyliuk, Stanislav Aseyev, Ihor Shulha


Bei einer Autofahrt entlang der ostukrainischen Konfliktzone gerät Chirurg Serhiy zusammen mit einem Begleiter vom Weg ab, und findet sich alsbald im Kugelhagel russischer Milizen wieder: In Gefangenschaft geraten muss Serihy zunächst unmenschliche Folterungen über sich ergehen lassen, schließlich seine medizinischen Fertigkeiten in den Dienst seiner Peiniger stellen. Erst ein Gefangenenaustausch und seine Bereitschaft, ein Video-Statement einzusprechen, das inhaltlich ganz auf Linie der russischen Außenpolitik ist, schenkt Serhiy wider Erwarten sein früheres Leben zurück. Allerdings fällt es ihm nach Elektroschock-Sessions, nach der erzwungenen Arbeit in einem Krematorium, nach Tagen, an denen ihm die Todesangst permanent im Nacken saß, erwartungsgemäß schwer, sich in seinem Alltag einzufinden, - zumal es auch in seiner gutsituierten Existenz als angesehener Arzt unter der Oberfläche vor Problemen nur so wimmelt: Leere, Ennui, und vor allem das schwierige Verhältnis zu seiner Ex-Frau und ihrer gemeinsamen Tochter wären da zu nennen, Probleme, die Serhiy unter dem Eindruck seiner traumatischen Erfahrungen erstmals tatkräftig anzugehen versucht…

Puh, was für einem Meisterwerk bin ich hier bloß ansichtig geworden! Plakativ könnte es auf dem Papier ja anmuten, wenn man liest, dass Regisseur Vasyanovych eine Art Heilsgeschichte erzählt - zunächst ein mediokres Leben irdischer Monotonie; sodann einen Abstieg in die Hölle; schließlich eine Himmelfahrt ins Paradies, wo verlorengeglaubte Dinge wie Liebe, Freude über flüchtige Momente der Schönheit, mitmenschliches Vertrauen auf einen warten -, und dies dann auch noch historisch in den Russland-Ukraine-Konflikt einbetten möchte. Aber, herrje, einen Film, der derart stringent seine Ästhetik mit seinem Inhalt verzahnt, habe ich jenseits von Gaspar Noé lange nicht gesehen: VIDBLYSK besteht, (sofern ich mich nicht verzählt habe), aus insgesamt 26 zumeist tableau-haften Einstellungen, die allein durch ihre Strenge dafür sorgen, dass die Geschichte niemals in kitschige oder prätentiöse Fahrwasser gerät, (und die zuweilen in Plansequenzen ausufern, die schon mal bis zu zehn Minuten dauern können). Ansonsten tut der Film alles dafür, dass sich der Ausflug in die Hölle wirklich audiovisuell wie ein solcher anfühlt: Das Label "Torture Porn" wäre sicherlich unangemessen, aber harsch ist es durchaus, was wir während der ersten Hälfte zusammen mit dem Protagonisten in Folterkellern und Krematorien erleben, und dürfte das Potential besitzen, die Sehgewohnheiten von vielen Menschen, die nicht schon mehrere Löffel klassische Exploitation genossen haben, durchaus erschüttern zu können. Es mag einen Overload an Symbolen geben - gegen Fenster fliegende Täubchen; Jagdhunde, die arglose Jogger belästigen; eine Paint-Ball-Schlacht unter Teenagern gleich zu Beginn -, doch fügen diese sich, meiner Meinung nach, mit ihrem surreal angehauchten Understatement wunderbar in die restliche, stets eine angemessene Ausgewogenheit zwischen Distanz und Nähe wahrende Inszenierung ein. Die letzten vier, fünf Minuten haben mich dann endgültig umgehauen: So zugleich bizarr wie anrührend habe ich eine "Familienzusammenführung" tatsächlich noch nie in einem Spielfilm realisiert gesehen. Im Ernst: Das ist wohl eins der verrücktesten, zärtlichsten Finale in einem Spielfilm, die mir seit einer Ewigkeit untergekommen sind, und erhebt VIDBLYSK dann endgültig in den Status von etwas wahrlich Glorreichem: Eine humanistische Ode, umwabert vom Geruch verbrennender Leichen…
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