Strasek, der Vampir - Theodor Boder (1983)

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Salvatore Baccaro
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Strasek, der Vampir - Theodor Boder (1983)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Strasek, der Vampir

Produktionsland: Schweiz 1983

Regie: Theodor Boder

Darsteller: Oscar Olano, François Aubry, Simone Hänggi, Marianna Burger, Tanja Vogler, Theodor Boder, Michelle Hänggi, Klaus Stangler


Ich bin irritiert und ein bisschen auch schockiert darüber, was für ein Rating dieser Schweizer Arthouse-Vampirfilm auf der IMDB derzeit abgreift. Die beiden dort platzierten Reviews springen alles andere als vorteilhaft mit dem Streifen um – („,Nothing much happens‘ and ,hypnotic quality‘ would be far too generous“; „no substance whatsoever“) –, und bei 25 Bewertenden kommt er auch lediglich auf klägliche 4,9 Pünktchen auf der Zehner-Skala. Schuld an der Diskrepanz zwischen den beiden Review-Schreibern und meiner Wenigkeit, der ich von STRASEK, DER VAMPIR hin und weg bin wie schon lange von keinem Film mehr, mag möglicherweise einmal mehr eine unterschiedliche Erwartungshaltung sein, mit der man sich dem Werk nähert, denn, nein, einen herkömmlichen Genre-Streifen darf man hier beileibe nicht erwarten, und im Grunde auch keinen Film, der gängigen narrativen Mustern folgt.

Regisseur Theodor Boder stellt sich auf der eigenen Homepage als „autodidaktischen Kunstschaffenden“ dar. Neben STRASEK hat der Photograph, Schriftsteller und Verlagsgründer einzig im Jahre 2013 mit MORCEAUX CHOISIS noch einen weiteren Langfilm vorgelegt. Als STRASEK entsteht, ist Boder Anfang Dreißig und offenkundig ein großer Verehrer klassischer Arthouse-Blutsauger à la Murnaus NOSFERATU und Dreyers VAMPYR, (weshalb STRASEK auch die Widmung „Für Carl Theodor Dreyer“ vorausgeht.) Ebenfalls nicht weit entfernt scheint mir Werner Herzogs NOSFERATU-Remake zu sein, und gerade bei der Inszenierung einer alpinen Berglandschaft dürfte Boder sich vom post-VAMPYR'schen Frühwerk Dreyers inspiriert haben lassen (wie zum Beispiel vom wunderbaren GLOMDALSBRUDEN). Weitere Referenzen, die mir in Bezug auf die gottbegnadete Stummfilm-Ästhetik des Films einfallen, wären die spröden Schwarzweißkompositionen im Oeuvre Philippe Garrels, die audiovisuellen Elegien eines Jean Rollin oder die expressionistische Berg- und Heimatdramen Arnold Fancks (und deren Derivate, unter anderem, bei Guy Maddin.) Eine lange Passage, in der wir die weibliche Hauptfigur durch einen verschneiten Wald begleitet, nimmt wiederum direktemang die Aura skandinavischer Black-Metal-Videos der frühen 90er vorweg.

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Die Story, die angeblich keine Substanz besitzt, lautet wie folgt: 1898 wird Stefan Strasek in einem kleinen serbischen Gebirgsdorf zur Welt gebracht. Seine Mutter wurde von einem umherreisenden Grafen geschwängert, der sich nach der Geburt des Sohnes aus dem Staub macht, die ehemalige Geliebte jedoch immerhin mit regelmäßigen Geldzuwendungen vor der Armut bewahrt. Als Stefan 12 ist, erkrankt seine Mutter schwer. Auf dem Totenbett lässt sie ihn schwören, nicht mit seinem Erzeuger mitzugehen, falls dieser kommen sollte, um ihn zu holen. Zunächst lebt Stefan allein in dem großen Bauernhaus und hält zur Außenwelt einzig mittels seiner gleichaltrigen Freundin Dasenka Kontakt. Deren Eltern sind davon überzeugt, Stefan sei von Verwandten zu sich genommen worden, und glauben ihrer Tochter kein Wort davon, dass der Bub in Wahrheit seine tristen Tage im Mutterhaus fristet. Tatsächlich dauert es nicht lange und der Graf erscheint, um Stefan unter seine Fittiche zu nehmen. Doch der Junge ergreift die Flucht, so wie er es der toten Mutter versprochen hat, und entert als blinder Passagier einen Zug...

Jahre ziehen ins Land und eine französische Journalistin zieht es ins serbische Hinterland, wo sie Recherchen für einen Artikel über die osteuropäische Bergwelt zu betreiben beabsichtigt. Es ist Oktober, und damit, wie die junge Frau meint, der perfekte Monat, um der urwüchsigen Natur ohne nervtötende Touristen begegnen zu können. Es kommt, wie es kommen muss: Die Dame gerät vom Weg ab, verläuft sich im meterhohen Schnee, findet schließlich Zuflucht in einer Berghütte, die von einem verschrobenen Jüngling bewohnt wird, der anscheinend so gut wie keinen Umgang mit den Menschen im Tal pflegt, und seine Eremitage kaum einmal verlässt. Er bietet unserer Heldin sein Bett als Schlafplatz an, verzieht sich selbst in die angrenzende Scheune. Dass es sich um den erwachsen gewordenen Stefan Strasek handelt, begreift man auch ohne die Intervention eines nebulös bleibenden Erzählers, der sich immer wieder in die elliptisch-fragmentarische Geschichte einschaltet: Gebetsmühlenartig bekräftigt dieser, dass Strasek noch irgendwo lebe, „geschützt vor dem Zugriff der Welt“…

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Die (Laien?-)Darsteller agieren somnambul, seltsam entrückt, wirken wie Bresson’sche Automaten mit ihren Flüsterstimmen, ihren starren Blicken, ihren schlafwandlerischen Bewegungen; es sind im Grunde keine ausgearbeiteten Figuren, sondern genau solche „Gestalten“ wie die Protagonisten, die man in Dreyers VAMPYR findet. Auch das Drehbuch ist voller bewusster Leerstellen, vieles an der Handlung bleibt offen, fordert die Exegese durchs Publikum, das sich auf die rätselhaften Vorgänge seinen eigenen Reim machen muss. Ein karger, eisiger Synthie Score untermalt die manieristischen Bilder, von denen ich mir jedes einzelne gerahmt überm Bett vorstellen könnte: Der kleine Strasek, in einem alten Folianten lesend bei Kerzenschein; die französische Journalistin, die gottverloren durchs endlose Weiß stapft; Wiesen, über die der Wind streift und die Halme sich wellenhaft wiegen lässt. STRASEK ist ein Filmgedicht aus Schauerwald, Schneewehen, schnarrendem Bauernhausholzgebälk – und sein Höhepunkt bildet für mich folgende circa fünfminütige Szene: Wir sehen in einer statischen Totalen, wie Männer eines nach der abgängigen Journalist fahndenden Suchtrupps fackelntragend von rechts oben ins Bild treten, einen Wasserfall umrunden, und links unten, (nunmehr relativ dicht vorm Objektiv), aus dem Kader verschwinden. Ein Heimatfilm ohne Heimat, ein Vampirfilm ohne Vampir, tieftraurig, wunderschön, melancholisch, lyrisch, eine meiner favorisierten Formen des Kinos...

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