Das von Sony entwickelte Videosystem „Betamax“ (für den Heimbereich, im Gegensatz zu „Betacam“ für den professionellen Studiobereich) lief in Europa in der zweiten Hälfte der Achtziger aus, nur in Japan gab es noch weitere Entwicklungsstufen, aber in den Neunzigern war auch dort Schluss.
Das von JVC entwickelte VHS-System setzte sich durch und die Produktion an Geräten blieb bis um die Jahrtausendwende hoch. Entsprechend ist es heute weiterhin relativ leicht, ein funktionsfähiges Gebrauchtexemplar zu finden.
Betamax-Geräte für den europäischen Markt hingegen sind wesentlich schwerer aufzutreiben und haben inzwischen mindestens um die vierzig Jahre auf dem Buckel.
In den Neunzigern waren Kleinanzeigenzeitungen und Flohmärkte gut bestückt, die Preise niedrig, weil viele auf VHS umgestiegen waren und das System abstoßen wollten. Das reichte von kostenlos gegen Abholung bis zu ca. 50 DM für ein gutes funktionierendes Gerät, höchstenfalls vielleicht 100 DM für ein Spitzenmodell mit Hifi-Ton. Ich selbst habe einen schönen Mono-Recorder von Toshiba günstig verkauft an jemanden, der seine alten Aufnahmen auf VHS überspielen wollte, weil sich bei mir zu viele Beta-Geräte angesammelt hatten (!). Ex-Videotheken-Verleihkassetten gab es ebenfalls von geschenkt bis billigst oder beim Rekorderkauf sogar dazu. So hatte ich in der damals erwachten Filmsammlerszene einen echten Vorteil gegenüber den meisten, die nur auf VHS setzten.
Inzwischen setzen schon lange fast alle nur noch auf die gepressten Scheiben. Wenn von analogen Videozeiten die Rede ist, wird das ausschließlich auf VHS reduziert, weil dem Großteil gar nicht mehr bewusst ist, dass es überhaupt andere Videosysteme gab.
Betamax-Recorder existieren vereinzelt noch, aber bei einem Alter von vierzig bis fünfzig Jahren sind sie prinzipiell als defekt anzusehen. Menschen, die sich mit sowas überhaupt noch auskennen oder gewillt sind, darin Energie zu investieren, sind rar gesät. Unnötig zu erwähnen, dass es Ersatzteile nur noch gebraucht oder mit viel Glück als NOS (New Old Stock) gibt. Dabei spielt auch die geringere produzierte Gesamtmenge an Geräten eine wichtige Rolle.
Und dann wären wir bei einem weiteren Problem. Ich selbst besitze zum Beispiel drei Rekorder, alle von Sony, aus drei verschiedenen Baureihen und jedes Modell hat so eine Art von Baureihen-spezifischen Sollbruchstellen, die irgendwann als Defekt anfallen. Bei jedem Teileträger aber wird ziemlich sicher exakt das also auch kaputt sein.
Schönes Beispiel hier mein SL-C9ES! (s. u.) Für den Kassettenauswurf ist ein Zahnrädchen zuständig. Mit viel Glück besitzt du eines der seltenen Geräte mit einem Exemplar aus Metall, die große Menge war jedoch aus Kunststoff und verliert im Alter die Zähne. Jeder Teileträgerkauf wäre also ein Blindflug, da man das von außen nicht erkennt. Bestimmt könnte man so ein Zahnrädchen sogar an der Drehbank oder mit 3D-Drucker reproduzieren. Kann ich aber nicht und da ich niemanden habe, der sich des Gerätes annehmen will, bin ich trotz Fehlerdiagnose aufgeschmissen.
Die Preise haben ganz kräftig angezogen, wie man sich denken kann. 200€ für ein defektes Exemplar und 400€+ für ein (aktuell) laufendes sind alltäglich, wobei das noch nichts darüber aussagt, wie lange das Ding seinen Dienst noch tun wird. Beim Traum aller Sony-Beta-Sammler, ein SL-HF950ES, der aufgrund seiner Hifi-Qualitäten oft von Musikliebhabern als Bandmaschine genutzt wurde, (kein Witz!) oder dem extrem raren für den arabischen Raum entwickelten Multinorm-Modell (kann alles: PAL, Secam und NTSC) wird es unter 1000€ gar nicht mehr anfangen.
Ist halt was für Freaks, ähnlich wie Tapedecks. Nur habe ich da a. einen fähigen Techniker an der Hand, der jedoch kein Video macht, sondern nur Audio, und b. ist die Menge der verfügbaren Geräte viel höher. Ein Tapedeck stand schließlich früher in jedem Teenager-Zimmer, ein Betamax-Videorecorder eher nicht.
Ich könnte noch mehr schreiben, aber reicht wohl erstmal, um die Situation zu verdeutlichen.

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