
Tatort: Nachtschatten
„Du brauchst keine Angst haben...“
Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabels (Martin Brambach) 20., zugleich Hauptkommissarin Leonie Winklers (Cornelia Gröschel) 14. Dresdner Fall (und nach dem Ausscheiden Karin Gorniaks der zweite für die beiden als Duo) entpuppt sich als Mischung aus Krimi und psychologischem Drama. Das Drehbuch stammt aus der Feder Viola M. J. Schmidts. Es handelt sich um die dritte Regie-Arbeit der Schauspielerin Saralisa Volm („Fikkefuchs“), die damit innerhalb der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Reihe debütierte. Seine Premiere hatte „Nachtschatten“ am 13. Juni 2025 auf dem
Internationalen Filmfest Emden Norderney, die TV-Erstausstrahlung der bereits im Frühjahr 2024 gedrehten Episode erfolgte am Neujahrstag 2026.
„Man spricht nicht schlecht über seine Familie!“
Die 16-jährige Amanda (Emilie Neumeister, „Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“) wird in verwirrtem Zustand und mit einem blutigen Skalpell bewaffnet in Dresden aufgegriffen. Kommissarin Winkler, auf die sie zunächst aggressiv reagiert und der sie sich nur sehr behutsam öffnet, erzählt sie, ihr Vater (Maik Solbach, „Tatort: Hydra“) habe ihre Schwester Jana und sie ihr Leben lang im Keller gefangen gehalten – und ihre Schwester sei noch immer dort und in Gefahr. Wo genau sich das Haus mit dem Keller befindet, vermöge sie aber nicht zu sagen. Während Winkler ihr zu glauben geneigt ist, zweifelt Schnabel an den Aussagen des Mädchens, das jedoch nach einer Analyse ihrer Blutspuren selbst unter Mordverdacht gerät…
Die Kamera fährt eine Leiche ab und eine dürre, verhuschte junge Frau mit Skalpell in der Hand und blutigem Kleid irrt durch Dresden. Weil sie sich von Winkler nicht von der Suche nach ihrer Schwester abbringen lassen will, zieht sie ihr eine Flasche über den Kopf. Ein wahrlich unheilschwangerer Auftakt, nach dem die offenbar traumatisierte Amanda in Rätseln spricht, bis sich nach und nach herauskristallisiert, worum es ihr eigentlich geht. Winkler versucht, sich gegen Schnabel und Co. durchzusetzen, will eine Suchaktion anberaumen. Schließlich lässt sich Schnabel überreden und unterstützt Winkler bei den Ermittlungen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden, die zur Dresdner „Tatort“-Folklore gehören und häufig das Salz in der Suppe sind, sind damit ad acta gelegt. Fortan folgt man als Zuschauerin oder Zuschauer den schwierigen Ermittlungen der Polizei.
Lange vor ihr weiß man, dass es eine Leiche gibt, jedoch nicht, um wen es sich handelt. Dahingehend, ob Amanda die Wahrheit sagt oder sie beispielsweise unter paranoider Schizophrenie leidet, tappt man aber selbst im Dunkeln. Eine Psychiaterin (Abak Safaei-Rad, „Tatort: Für immer und dich“) wird hinzugezogen und klassische Hausbesuche im etwaigen Umfeld Amandas werden durchgeführt, wodurch man einen Querschnitt der Bewohnerinnen und Bewohner eines Dresdner Plattenbaus kennenlernt. Den Verdacht, dass Amanda Wahnvorstellungen haben könnte, nährt die Inszenierung zunächst, indem sie Amanda mit ihrem Vater sprechend zeigt, der jedoch gar nicht anwesend ist.
Zur Verwirrung tragen immer häufigere Szenen bei, in denen sich Amanda (dann wären es Rückblenden) oder aber ihre Schwester Jana (dann wäre es die Gegenwart) tatsächlich in einem karg als Jugendzimmer eingerichteten Kellerraum befinden. Die Gespräche mit dem Vater scheinen real zu sein, denn dieser überwacht den Raum mit einer Kamera. Das ist alles sehr ominös, aber spannend, zumal die Polizei eine unübersichtliche Familiensituation aufdröselt und man nach ungefähr einer Stunde Amandas Mutter (Nina Kunzendorf, „Bis nichts mehr bleibt“) kennenlernt.
Dass Winkler sich mit einem Alleingang einmal mehr unnötig in Lebensgefahr begibt, ist eine übertrieben anmutende dramaturgische Zuspitzung, die es in dieser insbesondere von Emilie Neumeister beeindruckend gespielten, bedrückenden und intensiven Mischung aus Krimi und Psycho-Drama nicht gebraucht hätte. Neben einer beunruhigenden Musik- und Tonspur arbeitet man mit düsteren Bildern und vielen Nahaufnahmen, u.a. von der Entnahme einer Blutprobe, und lässt eine der Figuren aus dem Kinderbuchklassiker „Momo“ zitieren. Wieder einmal blickt man in Dresden in tiefe Abgründe – und lässt ein verkatertes Neujahrspublikum denkbar ungemütlich ins neue Jahr starten.
Trivium: Neumeister spielte zuvor bereits in einer „Usedom-Krimi“-Episode, die ebenfalls „Nachtschatten“ betitelt wurde.