Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Alles, was nichts oder nur am Rande mit Film zu tun hat

Moderator: jogiwan

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Blap
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Blap »

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• Die Tote im Götakanal (Maj Sjöwall & Per Wahlöö, 1965)

In einem Schleusenbecken des Götakanals wird eine Tote aufgefunden, die offensichtlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Zunächst ist die Identität der jungen Frau rätselhaft, niemand scheint sie zu kennen oder zu vermissen. Bald stellt sich heraus, es handelt sich um eine Touristin aus den USA. Ein amerikanischer Kollege kann erste Hinweise für Ermittlungsansätze geben, doch die Suche nach dem Täter erweist sich zunächst als schwierig und wenig fruchtbar ...

Der erste Roman um Martin Beck, seine Kollegen und sein privates Umfeld. Heute als Kommissar Beck bekannt, bekleidet der Ermittler hier noch den Rang Erster Kriminalassistent. Da ich zuvor die ersten fünf Wallander Romane von Henning Mankell gelesen habe, fallen gewisse Parallelen natürlich sofort ins Auge. Beide Ermittler sind von eher kantiger Natur, ihr Privatleben nicht unbedingt mit Glückseligkeit gefüllt. Mankell zeigt sich offen beeinflusst, verfällt aber nicht in stumpfes abkupfern. Wobei es Mankell bereits im ersten Roman gelingt, seinem Protagonisten Kurt Wallander ordentlich Fleisch auf das Charaktergerüst zu legen, während sich Slöwall und Wahlöö etwas mehr auf Details der Ermittlungsarbeit konzentrieren (ohne dabei die Charakterisierung von Martin Beck zu vernachlässigen).

Auch hier ist die Sprache überwiegend klar und einfach gehalten, teils von erstaunlich offener und herber Ausdrucksweise, wir reden hier immerhin über einen Roman aus der Mitte der Sechziger! Progressiv erscheint mir die neutrale Haltung der Autoren zur offensiv ausgelebten Sexualität des Mordopfers, die sich den Ermittlern im Zuge ihrer Recherchen offenbart. Es wird nie der erhobene Zeigefinger ins Spiel gebracht, man nimmt die Tatsachen als gegeben hin und passt die Gedankengänge entsprechend an. Im Norden ging es scheinbar weniger verkrampft als im miefigen Deutschland zu. Interessantes Detail am Rande, der Mord findet auf dem Touristendampfer Diana statt, noch heute ist das bereits 1931 gebaute Gefährt auf dem Götakanal unterwegs.

Roseanna, so der Originaltitel des Werkes, präsentiert sich als guter Auftakt der Dekalogie Roman über ein Verbrechen. An dieser Stelle erneut vielen Dank dem werten Maulwurf, dessen Empfehlung mich zum Kauf der Reihe anspornte. Die Vorfreude auf den nächsten Teil ist groß, alle zehn Bücher liegen bereit.
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Maulwurf
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Maulwurf »

Blap hat geschrieben: Mi 1. Apr 2026, 10:06 An dieser Stelle erneut vielen Dank dem werten Maulwurf, dessen Empfehlung mich zum Kauf der Reihe anspornte. Die Vorfreude auf den nächsten Teil ist groß, alle zehn Bücher liegen bereit.
Der Dank ist ganz auf meiner Seite, liegen die ersten beiden Wallanders durch Deine Empfehlung mittlerweile ebenfalls hier. Genauso wie DER MANN AUF DEM DACH, der heute ins Haus getrudelt ist :verbeug:
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Arkadin
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Arkadin »

Durch meinen Sohn bin ich irgendwie wieder zum Manga gekommen. Und da bin ich dann immer mal auf der Suche nach Serien, die nicht unendlich gehen und abgeschlossen sind. "Death Note" gehört zu den bekanntesten und populärsten Serien und hat "nur" 12 Bände. Also mal angetestet und hängen geblieben. Aber so etwas von. Für mich (wobei ich da jetzt im Bereich Manga nicht soooo die große Erfahrung habe) nicht nur eine der besten, sondern vielleicht die Beste Serie. Und ich pack noch einen drauf: Es ist die beste Comic-Serie generell, die ich bislang gelesene habe (und ich habe zwei große Schränke voll Comics). Ich bin auf jeden Fall schwer begeistert. Worum geht es? Aus Langeweile überlässt ein Todesgott einem ebenfalls gelangweilten und hochintelligenten Schüler sein "Death Note". Wer dort den Namen einer Person hereinschreibt und deren Gesicht kennt, sorgt dafür, dass diese Person in den nächsten 40 Sekunden verstirbt. Mit diesem Werkzeug in der Hand, geht der Schüler (Light) als "Kira" daran Verbrecher zu töten., um eine bessere Welt zu schaffen- Und bald auch alle, die ihm im Weg stehen oder seine Identität aufdecken könnten. Auftritt L. Ein ebenso hochintelligenter, seltsam-schrulliger Junge in Lights Alter, der einer international agierenden Detektivagentur vorsteht und sich zum Ziel gesetzt hat, Kiras Taten zu stoppen und Kiras Identität aufzudecken. Was folgt ist eigentlich ein ausgedehntes Schachspiel zwischen Light/Kira und L. Bei denen Beide ihre Figuren in Position bringen und versuchen, die Strategien des Gegners zu durchkreuzen. Und das ist einfach brillant und sauspannend. So kurz nach der Hälfte der Reihe gibt es dann noch einen Knall, der mich bis jetzt noch beschäftigt und nicht los lässt.
Die Reihe ist ab 16 und deshalb wollte ich eigentlich nicht, dass meine Kinder (12) die auch lesen. Als ich aber beim Mondo-Bizarr-Weekender war, hat sich mein Sohn nicht dran gehalten und war ebenfalls "hooked". Wie auch kurz darauf seine Schwester. Leider war es sehr aufwändig alle Bände zusammen zu bekommen, da die beim Verlag teilweise OOP waren und die nächste Auflage auf sich warten ließ. Jetzt sind wir aber durch - und den letzten Band haben mein Sohn und ich Seite an Seite sitzend gemeinsam gelesen. Das war auch ein schönes Erlebnis, und wir waren auch beide zufrieden mit dem Ende. Ich empfehle "Death Note" hier mal - falls die Reihe noch nicht bekannt sein sollte. Einzige Kritikpunkt: Das Frauenbild hier ist echt etwas fragwürdig - wenn auch "typisch japanisch".
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Dick Cockboner
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Dick Cockboner »

@Arkadin :thup:
Death Note ist wirklich super! Ich habe eigentlich gar keine Ahnung von der Materie, aber hiermit kann ich sehr viel anfangen.
Death Note kann man natürlich nicht nur lesen, sondern auch sehen, gibt es doch so einige Filme (ich glaube 4 sind es) bzw. die Anime- Serie auf DVD/ BD.
Zurück zum Manga: Ich lese gerade in sehr unregelmäßigen Abständen "Moriarty the Patriot" , gefällt mir. Tipp!
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buxtebrawler
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Beitrag von buxtebrawler »

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Fuchsi – Zorro & Ko

Nachdem der Karikaturist und Comiczeichner Peter „Fuchsi“ Fuchs im Jahre 1983 mit „Zorro: Der Rächer der Enträchteten“ sein erstes eigenes Buch im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“) veröffenlicht hatte, folgte Zorros zweiter Streich zwei Jahre später – im gewohnten Verlagsstandard von rund 150 leider unnummerierten Schwarzweiß-Seiten im großen Taschenbuch.

Auf ein Inhaltsverzeichnis wurde diesmal verzichtet und der Band heißt „Zorro & Ko“, weil nicht jede enthaltene Geschichte eine des schwarzmaskierten Rächers ist. Dieser führt aber als Erzähler durchs Buch und präsentiert verschiedene Geschichten, ordnet diese zudem grob thematisch. Anarcho-Zorro-Onepager sind dennoch wieder reichlich vertreten, auch Zorro-lose oder Einpaneler satirischer Ausrichtung - aber eben auch etwas längere Geschichtchen.

So beispielsweise die zweier bayrischer Touristen, die nachhaltig in die Berliner Alternativszene eingemeindet werden. Fuchsi lässt hier Sympathie für jene Szene, aber auch einiges Augenzwinkern durchblicken. Der Öko Martin Müsli und der Punk Atze Ätzend, bekannt aus den Pullover-Comics, sind die Protagonisten gleich mehrerer Geschichten, in denen mal der eine, mal der andere der Dumme ist. In der Märchenecke werden Hänsel und Gretel bis zur Unkenntlichkeit satirisch in die Gegenwart übertragen, und etwas dystopische Science-Fiction findet sich ebenfalls. Eine Technokratie-Geschichte wird in „Friede · Freude · Eierkuchen“ fortgesetzt, obwohl jene Sammlung vorher erschien...? Verrückt.

Bei seinen Zeichnungen sowie Seiten- und Panelstrukturen nimmt sich Fuchsi alle Freiheiten, die er braucht, ein paar Rechtschreibfehler haben sich eingeschlichen und nicht jeder Gag sitzt, aber die Schlagzahl ist hoch und die Trefferquote kann sich sehen lassen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Arkadin
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Arkadin »

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Fast ein Jahr habe ich gebraucht. Dabei ist der Roman gar nicht sooooo schrecklich dick. Zwar über 500 Seiten, aber große Schrift und einige Illustrationen. Die Illustrationen sind auch wirklich große klasse. Der Inhalt - nun ja, schwierig. Cordt Schnibben hat ein sehr bewegtes Leben gehabt und war derjenige, der Spiegel Online aufgebaut hat. Davon erzählt der Roman nichts, wohl aber über seine Jugend und die Monate nach dem Mauerfall.

Die Prämisse ist sauspannend und interessant. Schnibben erzählt sein eigenes Leben "alles ist wahr außer das, was so ist, wie es hätte sein sollen". Sein lyrisches Ich heißt Charlie. Aufgewachsen in den 60ern in Bremen als Sohn eines Nazi-Ehepaars, welches zu einer "Werwolf"-Gruppe gehörte und den junge Charlie in Wehrsportgruppen steckte. Die Mutter stirbt, Charlie leidet darunter und fängt an zu Stottern. Aufstand gegen den Vater, ab in die Bremer linke Gegenkultur. LSD und Stones. Man geht in die titelgebende "Lila Eule" (die es noch immer gibt und in der ich auch schon ein paar Mal war). Der Titel war dann auch der Aufhänger, um das Buch hier in Bremen zu bewerben. Schnibben war im Radio für eine kurze Zeit quasi omnipräsent und wurde immer wieder zu der Zeit in der Lila Eule befragt. Die nimmt im Buch aber nur sehr, sehr wenig Raum ein. Nach der ersten rebellischen Phase in Bremen, entschließt sich Charlie quasi als "Austauschstudent" in die DDR zu gehen. Dort erlebt er die Repression des Systems, verliebt sich in die Tochter eines Stasi-Agenten, wird in einen LSD-Skandal an seiner Uni verwickelt, als Verfassungsschutz-Agent verdächtigt und schließlich aus dem Land geworfen. Im dritten Zeitabschnitt (das Buch springt immer dazwischen) ist er als Journalist in der DDR kurz nach dem Mauerfall, bekommt das Ende des Regimes mit, wird von der Stasi bespitzelt und sucht seine vergangene Liebe. Außerdem soll er mit seinen Kontakten zwei Kumpeln aus der Bremer Zeit helfen, dort eine Underground-Techno-Disco zu eröffnen. Klingt spannend? Ja, tut es. Mein Hauptproblem ist aber: Charlie ist ein richtig unsympathischer Kotzbrocken. Da das Buch in "Ich"-Form geschrieben ist und der Autor sehr offensichtlich das nicht darauf angelegt hat, ist das auch nicht irgendwie gebrochen. Schnibben findet seinen Charlie/sich halt super. Ganz übel wird es, wenn er gerade im dritten teil Sexgeschichten einstreut. Gerade sein Rumgemache mit einer 18jährigen stieß mir extrem übel auf. Das hat sehr viel von richtig schmieriger Altherren-Fantasie. Und nein, ich glaube, das merkt er nicht. Vielleicht ist das auch so passiert - macht es aber nicht besser. Im Gegenteil. zudem kommt ein Kunstgriff. Schnibben/Charlie schreibt das so, als würde er das alles für seine aktuelle, in Hamburg wohnende Freundin Frances schreiben. Die ist Fotografin und hat ein Drogenproblem. Sieht aber fantastisch aus, wie er immer wieder betont. Und dieses Gejaule ("Ach, ich weiß was Du denkst, Francis", "Was würdest Du jetzt sagen, Francis? Du bist doch immer so stark" + 1000 ähnliche Plattitüden) hat mich sehr genervt. Von dem herablassenden Ton (so richtig volle Kanne Besser-Wessi) ganz zu schweigen.

Sehr schade, denn die Geschichten, die Schnibben zu erzählen hat sind durchaus spannend und interessant. Nur den Ton finde ich so unangenehm. Wenn er diesen schon anschlägt, wäre es vielleicht besser gegen, das ins satirische zu lenken. Aber so ist das schon alles ernst und so gemeint, wie geschrieben. Echt, sehr schade. Und mehr Bremen hätte ich mir auch gewünscht - gerade weil hier damit massiv geworben wurde. Aber gut, das könnte ich noch verschmerzen.
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buxtebrawler
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Beitrag von buxtebrawler »

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Mayito – A la plaza con Fidel: Un ensayo fotografico de Mayito

Im Vermächtnis meiner Großmutter fand ich diesen im Jahre 1970 veröffentlichten, rund 30-seitigen Bildband des kubanischen Fotografen und Kameramanns Mario García „Mayito“ Joya, der zwischen 1959 und 1966 entstandene Bilder zeigt. Diese sind Momentaufnahmen der kubanischen Revolution und zeigen deren schöne Seiten: Das kubanische Volk auf den Straßen, sich mit der Revolution solidarisierend oder direkt mitmachend. Der Titel rührt daher, dass Fidel Castro für seine Reden den Plaza de la Revolución auserkoren hatte.

Der überformatige Band eröffnet mit einer dreisprachigen Kurzbiographie Mayitos und präsentiert die jeweils ein oder zwei Seiten einnehmende Schwarzweißfotos, die leider ohne jegliche weiterführende Information auskommen müssen. Wir sehen demonstrierende und feiernde Menschenmassen/-gruppen, Militär, aber auch Porträts einzelner Menschen. Persönliche Worte des Fotografen in Landessprache schließen dieses Dokument einer Zeit, als auf der mittelamerikanischen Insel kräftig Faschisten- und Ausbeuterärsche getreten wurden.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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karlAbundzu
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Beitrag von karlAbundzu »

Elaine Ofori, C. K. McDonnell: Ursula und das V-Team – Das Schicksal muss warten
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Die Ehefrau des von mir gern gelesenen McDonnell hat mit hilfe ihres Mannes ein Buch veröffentlicht.
Ursula bezieht sich auf den Kölner Mythos der heiligen Ursula begründet. Einst zog die englische Prinzessin aus Eheverschiebungsgründen Richtung Rom, mit 11 oder 11000 Jungfrauen (Quellen sind sich da nicht ganz einig), machte halt in Köln, hatte eine Vision, dass sie da den Märtyrertod stirbt, und auf dem Rückweg war es so weit. Die Hunnen waren da, und Ursula und die Jungfrauen opfern sich zugunsten Kölns.
Im Roman gibt es alle 18 Jahre eine Geisterhunnen-Invasion, und es wird immer eine Ursula ausgebildet, um diese zusammen mit 11 Jungfrauen zurück zu schlagen. Dieses Mal verschwinden zwei, und Ursula engagiert kurzfristig einen jungfräulichen amerikanischen Stadtführer als Ersatz....
Das ist sehr stringenter und mit weniger Metaebenen wie bei McDonnell. Die Story ist dann auch auf heranwachsende Frauen ausgerichtet.
Aber sehr gut und spannend erzählt. Die Frauen bekommen abgefahrene Superkräfte, sind alle sehr eigen (auch wenn eher so vier im Mittelpunkt stehen).
Und klar auf Fortsetzung angelegt: Da die Protagonistinnen nichts über ihre Herkunft wissen, und aufgrund von Vorkommnissen erst mal weiter zusammen bleiben, ist da noch spannendes zu erwarten. Ich bleibe dran.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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buxtebrawler
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Beitrag von buxtebrawler »

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Volker Reiche – Willi Wiedehopf räumt auf!

Bevor der spätere „Mecki“- und „Strizz“-Zeichner Volker Reiche als Auftragszeichner für Disney arbeitete, hatte er im Jahre 1976 mit „Liebe“ debütiert, das prompt indiziert wurde. Im Jahre 1984 erschien der von ihm gezeichnete erste „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“-Band im Volksverlag und eben der mir nun vorliegende „Willi Wiedehopf räumt auf!“ im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“).

Das wie quasi alle damaligen Semmel-Veröffentlichungen rund 150 leider unnummerierten Schwarzweiß-Seiten umfassende große Taschenbuch birgt drei in einer Welt anthropomorpher Tiere spielende Geschichten um den titelgebenden komischen Vogel. Die Seitenstruktur umfasst ein bis fünf Panels pro Seite, wirkt sehr aufgeräumt und niemals gequetscht, im Gegenteil: Reiches Zeichenstil erweist sich als sehr angenehm und mit Mut zu großen Abbildungen. Willi führt zwischen den Geschichten knapp in dieselben ein.

In „Willi will fernsehen!“ wird er als Rabauke und Eintracht-Frankfurt-fast-schon-Hooligan charakterisiert, der betrunken seine Stammkneipe demoliert und sich mit seinen neuen Nachbarn anlegt: Wolfgang, dessen Frau, Dietlof und Alfons. Die beiden letztgenannten kennt man bereits aus den „Pullover-Comics“ (über die hier als nettes Randdetail eine herumliegende „Bild-Zeitung“ schlagzeilt); ebenso Bernd Pfarrs „Dulle“, dem Reiche einen Cameo gezeichnet hat. Jedenfalls wird's schwierig, einen Platz zum Gucken des Endspiels zu finden – doch Willi ist opportunistisch und dreist genug, als dass ihm nicht noch etwas einfiele...

In „Willi räumt auf!“ ist er arbeitslos und pleite, zudem in seiner Stammkneipe verschuldet, will am Abend zum dortigen Preisskat – ergo muss Kohle her. Doch stattdessen wird Willi auf ungesunde Weise mehrfach mit dem Thema Aufräumen konfrontiert. Großartig, wie Reiche Willis sich auf- und schließlich entladende Wut zeichnet. Außerdem ist auch diese Geschichte hübsch kneipenkulturell.

Ein stolzer Alfa-Fahrer ist er in „Willi drückt drauf!“, wo er sich ein Wettrennen gegen einen anderen Alfa-Fahrer auf der Autobahn liefert. Für die nötige Reparatur seines Vehikels fehlt ihm leider das Geld, doch dank seiner Bauernschläue weiß er eine zufällige Begegnung für sich zu nutzen. Nach einem Fußball- und Kneipenrüpel in der ersten und arbeitslosem Großmaul in der zweiten Geschichte ist er hier nun also ein Autoproll inklusive entsprechendem Gequatsche und Verhalten.

Reiche hat mit „Willi Wiedehopf“ eine tolle Figur für eine jugendliche und erwachsene Leserschaft erschaffen und in einen Mikrokosmos wiederkehrender Nebenfiguren eingebettet. Schade, dass es nie zur angekündigten Fortsetzung kam. Dies liegt vermutlich daran, dass er ab 1985 die „Mecki“-Comics für die Fernsehzeitung „Hörzu“ zeichnen konnte, die mich als Kind, wenn ich sie einmal zu lesen bekam (meine Eltern hatten „TV Hören und Sehen“ abonniert), begeisterten und meine erste Begegnung mit Reiches Œuvre darstellten.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Blap
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Blap »

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IMG_20260414_092339.jpg (3.24 MiB) 46 mal betrachtet
• Die Antwort kennt nur der Wind (Johannes Mario Simmel, 1973)

Der angesehene Bankier Hellmann ist tot, seine Yacht explodierte im Mittelmeer. Robert Lucas arbeitet für eine Versicherungsgesellschaft, deren Sitz sich in Düsseldorf befindet. Lucas wird von seinem Vorgesetzten nach Cannes geschickt, soll dort nach Hinweisen auf einen Selbstmord des Bankiers suchen, schließlich möchte sich die Versicherung vor einer Zahlung drücken. In Cannes trifft der Ermittler auf durchaus hilfsbereite Polizisten, gerät mit der High Society in Kontakt und erkennt bald erste Verstrickungen. Vor allem trifft er auf die faszinierende Künstlerin Angela Delpierre, die nur durch Zufall der Explosion auf Hellmanns Schiff entgangen ist ...

Simmel entführt den Leser nach Cannes, lässt eindrucksvoll das Stadtbild vor dem geistigen Auge des Zuschauers entstehen. Protagonist Robert Lucas pendelt immer wieder zwischen Düsseldorfer Tristesse und der Schönheit der Côte d’Azur. Da passt freilich der widerwärtige Vorgesetzte namens Brandenburg ins Bild, ebenso die freudlose Ehe, die Lucas seit rund zehn Jahren führt. In Cannes trifft Robert auf seine große Liebe Angela. Eine erblühende Verbindung, die freilich nicht überall für Begeisterung sorgt.

Robert Lucas ist ein typischer Simmel-Protagonist. Mit der aktuellen Lebenssituation nicht glücklich, gesundheitlich angeschlagen, im Kern gut. Sicher, mein Lieblingsautor fährt bei der Liebesgeschichte schwere Geschütze auf. Ab und an mag das kitschig anmuten, doch umso harscher wirken die Kontraste und Abgründe auf den Leser ein, die hinter den Fassaden der Superreichen ohne Erbarmen wüten. Überhaupt ist hier die Gier nach Macht und Geld ein zentrales Thema. Freundschaften sind nur vordergründig, wenn der eigene Profit maximiert werden kann, geht man bei Bedarf ohne größere Bedenken über Leichen. Angereichert ist das Treiben durch eine stattliche Anzahl von Nebencharaktern, denen Simmel gekonnt Fleisch auf ihre Charaktergerüste legt, sich dabei nie in einem unübersichtlichen Personendschungel verliert. Dazu sind die Charaktere und selbst kleinste Nebenfiguren zu klar umrissen. Mir sind vor allem die ekelhaften Angewohnheiten von Brandenburg in Erinnerung geblieben, dessen innere Hässlichkeit massiv nach außen trifft.

Erst vor einigen Wochen las ich in einem Artikel über das Schaffen Simmels, dass der Autor zwar ein hervorragendes Gespür für die Themen seiner Zeit hatte, aber genau aus diesem Grund heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Ja, die Romane hängen stets sehr am Puls ihrer Entstehungszeit, überdies mag das Frauenbild nicht mehr ganz aktuell sein (obschon der Autor das weibliche Geschlecht offensichtlich sehr verehrte). Ich muss mit aller Vehemenz auf die dennoch brennende Aktualität von Simmels Werk hinweisen! So werden in diesem Roman Themen wie die Unantastbarkeit von Superreichen unter die Lupe genommen, dazu Steuervermeidungspraktiken multinationaler Unternehmen, die Anhäufung irrsinnigen Reichtums auf Kosten der Allgemeinheit. Wer sich also auf Milieuschilderungen aus vergangenen Jahrzehnten einlassen mag, gepaart mit zeitlosen Themen, der bekommt beste Unterhaltung auf hohem Niveau geboten!

Die Freude auf den nächsten Simmel ist ungebrochen. Erneut werde ich den Roman verschlingen, mich vom Roman packen und ebenfalls verschlingen lassen, so wie es mit "Die Antwort kennt nur der Wind" geschehen ist. Na klar, Bob Dylans Song stand für den Titel Pate.
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