Re: The Child - Chi l'ha vista morire? - Aldo Lado
Verfasst: Mi 27. Nov 2013, 09:11
In den französischen Alpen wird ein kleines Mädchen von einer mysteriösen, ganz in schwarz gekleideten Frau umgebracht. In Venedig ereilt dieses grausige Schicksal vier Jahre später auch die kleine Roberta (Nicoletta Elmi), Tochter des Bildhauers Franco Serpieri (George Lazenby). Voller Trauer und Selbstvorwürfen versucht der verzweifelte Vater herauszufinden, wer für den Tod seiner geliebten Tochter verantwortlich ist…
Ich hatte ja ein wenig Angst, diesen Film wiederzusehen. Die erste Sichtung lag bereits über 15 Jahre zurück und mittlerweile reagiere ich extrem sensibel auf Themen wie Kindermord. Und so hinterließ die erste Szene, in der der brutale Mord an einem kleinen Mädchen gezeigt wird, gleich einen dicken Kloß in meinem Hals. Da ich wusste, was passiert, ging die weitere Betrachtung des Filmes relativ reibungslos von statten und in der zweiten Hälfte war ich dann auch wieder ganz beim Film. Trotzdem ist der Mord an der kleinen Roberta immer noch ein Schock, denn Regisseur Aldo Lado inszeniert die Szenen zwischen ihr und ihrem, von George Lazenby gespielten, Vater sehr gefühlvoll und mit viel Empathie. Zudem hat er mit der kleinen Nicoletta Elmi einen Trumpf im Ärmel, denn trotz ihres jungen Alters, ist sie bereits so etwas wie ein Veteran im Filmgeschäft und spielt die Roberta sehr liebenswert und natürlich.
Der Film lebt auch stark von den Bildern eines tristen Venedigs im Herbst. Bereits ein Jahr vor „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wird Venedig als unheimlicher, sterbender Ort voller Gespenster der Vergangenheit in Szene gesetzt. Einige Szenen, wie die Fahrt mit der Beerdigungsgondel zur Friedhofsinsel, sind zudem sehr ähnlich ins Bild gesetzt. So trägt Venedig sehr viel zur anfangs bedrückenden Stimmung des Filmes bei, spielt allerdings keine Hauptrolle, wie in Roegs Film. Zudem verliert die Stadt in der zweiten Hälfte als Schauplatz an Bedeutung. Hier bewegt sich der Film auch auf konventionellen Giallo-Pfaden mit seiner Mörderhatz durch einen Amateurdetektiv (dessen tragisches Motiv auch zusehends in den Hintergrund gedrängt wird) und seiner Vielzahl an skurrilen Charakteren, die rasch von Mordverdächtigen zu Mordopfern werden. Deshalb war es für mich wohl auch einfacher den zweiten Teil zu konsumieren, nachdem mir die Geschichte um die kleine Roberta und ihr trauriges Schicksal doch arg zu knabbern gegeben hat.
Aus PR-Gründen wurde Ex-Bond George Lazenby für die Hauptrolle engagiert. Zwischen “Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ und “The Child“ scheinen aber Welten zu liegen. Lazenby ist schrecklich dünn, fast schon abgemagert, was recht gut zu seiner Rolle passt. Wenn auch mehr zu dem gebrochenen Vater einer ermordeten Tochter, als zu dem Bohème, als der er zunächst erscheint. Sein Franco Serpieri ist alles andere als ein strahlender Held. Tatsächlich scheint er auch unter einer gewissen Sexbessenheit zu leiden, denn immer wieder werden seine Investigationen jäh gestoppt, weil er sich vom Anblick nackten Fleisches ablenken lässt. Nicht zu vergessen, dass er seine Tochter vor ihrer Ermordung allein lässt, um mit seiner Geliebten zu schlafen. In einer der intensivsten Szene des Filmes liegt er neben seiner Ehefrau (gespielt von der wunderschöne Anita Strindberg, die hier allerdings recht wenig zu tun hat). Beide weinen über den Verlust ihrer Tochter, dann schlafen sie völlig mechanisch und ohne Liebe miteinander, um mit ihrer Trauer fertig zu werden. Das tut einem beinahe schon weh.
Danach verlegt sich Aldo Lado aber darauf, sich auf die Jagd auf den Mörder zu konzentrieren und diese zu nutzen, um einen Blick hinter die Kulissen der ehrenwerten, venezianischen Gesellschaft zu werfen. Diese stellt sich als ebenso verrottet und verfallen heraus, wie Venedig selber. Repräsentiert wird der dekadente, venezianische Geldadel vom großen Adolfo Celi, der den Kunsthändler Serafian zu einer seiner typisch überlebensgroßen Figuren macht. Auch sonst wimmelt es nur so vor Figuren, die ein Doppelleben führen und im Geheimen ihren Gelüste nachgehen. So könnte man „The Child“ durchaus auch als einen moralinsauren Film ansehen, der erzkonservativ predigt, dass Sex oder überhaupt jegliche Form von Lust, etwas schlechtes sei. Andererseits ist Aldo Lado ein zu intelligenter Regisseur, um sich auf diese einfache Propaganda einzulassen. Tatsächlich reißt es die Figuren in den Abgrund, dass sie ihre Sexualität nicht ausleben, sondern ganz verklemmt alles dafür tun, dass niemand mitbekommt, was sie da hinter verschlossenen Türen treiben. Dies trifft auch auf das (zugegeben an den Haaren herbeigezogenen) Motiv des Killers zu, der ebenfalls ein gewaltiges Problem mit dem Ausleben freier Sexualität hat. Nicht der Sex pervertiert, sondern seine Unterdrückung. Hierzu passt auch Lados beißende Kritik an der von einer moral-versessenen Kirche, welche allerdings durch ein – wie Lado im auf der DVD vorhandenen Interview bestätigt – nachträglich eingebauten Satz von den Produzenten relativiert wurde.
Nicht unerwähnt soll auch die wunderbare Musik Ennio Morricones bleiben, die gänzlich aus Kinderchören besteht, die er in den dramatischen Szenen mit einem bedrohlichen Basston unterlegt werden. In Kombination mit den Bildern, erreicht die Musik eine unheimliche Intensität. Gemeinsam mit der schönen Kameraarbeit von Franco Di Giacomo, der ein Jahr zuvor schon Dario Argentos „Vier Fliegen auf grauem Samt“ fotografierte, wird der ohnehin schon gute Film dadurch noch weiter veredelt.
Screenshots: http://www.filmforum-bremen.de/2013/11/ ... l-2/#child
Ich hatte ja ein wenig Angst, diesen Film wiederzusehen. Die erste Sichtung lag bereits über 15 Jahre zurück und mittlerweile reagiere ich extrem sensibel auf Themen wie Kindermord. Und so hinterließ die erste Szene, in der der brutale Mord an einem kleinen Mädchen gezeigt wird, gleich einen dicken Kloß in meinem Hals. Da ich wusste, was passiert, ging die weitere Betrachtung des Filmes relativ reibungslos von statten und in der zweiten Hälfte war ich dann auch wieder ganz beim Film. Trotzdem ist der Mord an der kleinen Roberta immer noch ein Schock, denn Regisseur Aldo Lado inszeniert die Szenen zwischen ihr und ihrem, von George Lazenby gespielten, Vater sehr gefühlvoll und mit viel Empathie. Zudem hat er mit der kleinen Nicoletta Elmi einen Trumpf im Ärmel, denn trotz ihres jungen Alters, ist sie bereits so etwas wie ein Veteran im Filmgeschäft und spielt die Roberta sehr liebenswert und natürlich.
Der Film lebt auch stark von den Bildern eines tristen Venedigs im Herbst. Bereits ein Jahr vor „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wird Venedig als unheimlicher, sterbender Ort voller Gespenster der Vergangenheit in Szene gesetzt. Einige Szenen, wie die Fahrt mit der Beerdigungsgondel zur Friedhofsinsel, sind zudem sehr ähnlich ins Bild gesetzt. So trägt Venedig sehr viel zur anfangs bedrückenden Stimmung des Filmes bei, spielt allerdings keine Hauptrolle, wie in Roegs Film. Zudem verliert die Stadt in der zweiten Hälfte als Schauplatz an Bedeutung. Hier bewegt sich der Film auch auf konventionellen Giallo-Pfaden mit seiner Mörderhatz durch einen Amateurdetektiv (dessen tragisches Motiv auch zusehends in den Hintergrund gedrängt wird) und seiner Vielzahl an skurrilen Charakteren, die rasch von Mordverdächtigen zu Mordopfern werden. Deshalb war es für mich wohl auch einfacher den zweiten Teil zu konsumieren, nachdem mir die Geschichte um die kleine Roberta und ihr trauriges Schicksal doch arg zu knabbern gegeben hat.
Aus PR-Gründen wurde Ex-Bond George Lazenby für die Hauptrolle engagiert. Zwischen “Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ und “The Child“ scheinen aber Welten zu liegen. Lazenby ist schrecklich dünn, fast schon abgemagert, was recht gut zu seiner Rolle passt. Wenn auch mehr zu dem gebrochenen Vater einer ermordeten Tochter, als zu dem Bohème, als der er zunächst erscheint. Sein Franco Serpieri ist alles andere als ein strahlender Held. Tatsächlich scheint er auch unter einer gewissen Sexbessenheit zu leiden, denn immer wieder werden seine Investigationen jäh gestoppt, weil er sich vom Anblick nackten Fleisches ablenken lässt. Nicht zu vergessen, dass er seine Tochter vor ihrer Ermordung allein lässt, um mit seiner Geliebten zu schlafen. In einer der intensivsten Szene des Filmes liegt er neben seiner Ehefrau (gespielt von der wunderschöne Anita Strindberg, die hier allerdings recht wenig zu tun hat). Beide weinen über den Verlust ihrer Tochter, dann schlafen sie völlig mechanisch und ohne Liebe miteinander, um mit ihrer Trauer fertig zu werden. Das tut einem beinahe schon weh.
Danach verlegt sich Aldo Lado aber darauf, sich auf die Jagd auf den Mörder zu konzentrieren und diese zu nutzen, um einen Blick hinter die Kulissen der ehrenwerten, venezianischen Gesellschaft zu werfen. Diese stellt sich als ebenso verrottet und verfallen heraus, wie Venedig selber. Repräsentiert wird der dekadente, venezianische Geldadel vom großen Adolfo Celi, der den Kunsthändler Serafian zu einer seiner typisch überlebensgroßen Figuren macht. Auch sonst wimmelt es nur so vor Figuren, die ein Doppelleben führen und im Geheimen ihren Gelüste nachgehen. So könnte man „The Child“ durchaus auch als einen moralinsauren Film ansehen, der erzkonservativ predigt, dass Sex oder überhaupt jegliche Form von Lust, etwas schlechtes sei. Andererseits ist Aldo Lado ein zu intelligenter Regisseur, um sich auf diese einfache Propaganda einzulassen. Tatsächlich reißt es die Figuren in den Abgrund, dass sie ihre Sexualität nicht ausleben, sondern ganz verklemmt alles dafür tun, dass niemand mitbekommt, was sie da hinter verschlossenen Türen treiben. Dies trifft auch auf das (zugegeben an den Haaren herbeigezogenen) Motiv des Killers zu, der ebenfalls ein gewaltiges Problem mit dem Ausleben freier Sexualität hat. Nicht der Sex pervertiert, sondern seine Unterdrückung. Hierzu passt auch Lados beißende Kritik an der von einer moral-versessenen Kirche, welche allerdings durch ein – wie Lado im auf der DVD vorhandenen Interview bestätigt – nachträglich eingebauten Satz von den Produzenten relativiert wurde.
Nicht unerwähnt soll auch die wunderbare Musik Ennio Morricones bleiben, die gänzlich aus Kinderchören besteht, die er in den dramatischen Szenen mit einem bedrohlichen Basston unterlegt werden. In Kombination mit den Bildern, erreicht die Musik eine unheimliche Intensität. Gemeinsam mit der schönen Kameraarbeit von Franco Di Giacomo, der ein Jahr zuvor schon Dario Argentos „Vier Fliegen auf grauem Samt“ fotografierte, wird der ohnehin schon gute Film dadurch noch weiter veredelt.
Screenshots: http://www.filmforum-bremen.de/2013/11/ ... l-2/#child