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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Verfasst: Mo 4. Mai 2026, 05:01
von Maulwurf
Die Pyramide des Sonnengottes (Robert Siodmak, 1965) 3/10

Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg
Irgendwo in den Tiefen des Internets begraben.jpg (7.4 KiB) 39 mal betrachtet

DER SCHATZ DER AZTEKEN und DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES. Heute hätte man einen einzigen Film daraus gemacht, diesen mit 180 Minuten ins Kino und eine Woche später als 220 Minuten-Version zum Streaming gebracht. Aber Mitte der 1960er waren Filme mit Überlänge noch Ausnahmen und blieben Großproduktionen wie DOKTOR SCHIWAGO vorbehalten. Kleinere Produktionen, und zu denen muss man auch diese beiden international produzierten Filme zählen, gingen im Zweifelsfall den Weg der Fortsetzung: DIE NIBELUNGEN TEIL 1 und 2, oder eben AZTEKEN und PYRAMIDE. Es ist anzunehmen, dass Produzent Artur Brauner sich da einen großen Erfolg ausrechnete, andernfalls hätte er die Produktion ja auch gar nicht gestemmt. Aber ich frage mich schon, wie viele Menschen nach dem mauen ersten Teil wirklich noch für den zweiten Teil ins Kino gerannt sind, und wie viele lieber auf die Erfindung der DVD gewartet haben …

Wir erinnern uns: In DER SCHATZ DER AZTEKEN muss Dr. Sternau als geheimer Diplomat und Abenteurer dafür sorgen, dass die Revolution von Benito Juarez im Mexiko des Jahres 1864 erfolgreich vorangebracht wird. Denn eine Revolution ist wie ein Fahrrad: Rollt sie nicht vorwärts bleibt sie stehen und fällt um. (Falls es jemanden interessiert: Dieser Satz ist NICHT von Rudi Altig…) Also müssen Dr. Sternau und seine Freunde die bösen französischen Besatzer, den fiesen Banditen Verdoja, und den völlig abgefeimten Adligen Graf Alfonso mitsamt seiner intriganten Liebelei Josefa bekämpfen, um endlich als Liga für Recht und Gerechtigkeit anerkannt zu werden. Diente der erste Film nun noch größtenteils der Exposition, sprich der Vorstellung der Charaktere und dem Anschubsen der Handlung (oder sowas ähnlichem), dient der zweite Teil nun … tja, Handlung möchte ich das nicht nennen, und actiongeladene Revolution mit viel Peng-Peng und Trara auch nicht. Nennen wir es hin- und herreiten, kämpfen, reiten, kämpfen, nochmals reiten, und vor allem ganz toll viele prima Naturaufnahmen genießen …

Denn wenn ich ehrlich sein darf, dann müsste das der erste Film in meinem Leben gewesen sein, bei dem ich am Ende mit den Worten „So ein Scheiß“ aufgestanden bin. Ja, die Naturaufnahmen sind schön (und liefern die mageren paar Pünktchen für die Bewertung), und auch wenn sie auf Dauer alle etwas gleich aussehen, wirklich bemerkenswert. Wie angenehm wäre es gewesen, die beruhigende Stimme von Friedrich Schoenfelder meditativ über diesen Bildern schweben zu hören. Doch obwohl DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES kein Dokumentar- sondern ein Abenteuerfilm ist, oder zumindest als solcher präsentiert wird, sehen wir hier letzten Endes nichts anderes als Menschen, die in einer überwältigend schönen Natur reiten, und ab und zu ein wenig kämpfen, nur um dann ganz schnell wieder zu reiten. Ein Schnitt, und Rik Battaglia steht in übelsten Studiokulissen, verdient sich seine Schauspieler-Brötchen (was er auch wirklich überzeugend macht), und dann wird wieder geritten. Bei vielen Kämpfen in schöner Umgebung wird aus der Landschaft nicht einmal überzeugend Kapital geschlagen. Wenn man sich im Gegensatz dazu anschaut, wie die Plitvicer Seen bei der Konkurrenz ins rechte Bild gerückt wurden …

Aber mal ehrlich und ohne Witz: Der Hauptdarsteller Lex Barker hatte wohl offensichtlich Ärger mit der Produktionsleitung, weswegen er den weitaus größten Teil des Films gar nicht dabei ist. Stattdessen reiten Rik Battaglia, Gustavo Rojo, Ralf Wolter und Gérard Barray durch Jugoslawien, Spanien und papierne Kulissen, und geraten von einem Set Piece zum nächsten. Handlung findet eigentlich gar keine statt, die wird vielmehr durch wildes Galoppel und Gerangel ersetzt. Und wenn gerade mal nicht geritten und/oder gekämpft wird, dann fällt auch entsprechend schnell auf, um was für einen Kokolores es sich hier handelt. Die vielen kleinen Details, mit denen der Film tatsächlich nicht geizt, sind einfach durch die Bank misslungen: Die mexikanischen Indianer, die sich mit dem Kriegsschrei US-amerikanischer Prärierothäute auf ihre Opfer stürzen. Die vielen Zufälle, die in den ersten 10 Minuten dazu führen, dass Dr. Sternau wie vom Erdboden verschluckt ist und von den Freunden vergeblich gesucht wird, doch Gustavo Rojo stellt sich einfach neben einen Fluss, und prompt kommen die Indianer mit Sternau an. Was der Mann natürlich aus gefühlt einem Kilometer Entfernung auch sofort erkennen kann. Na ja, was so ein echter Azteke ist. Und natürlich Szenen, die mehrmals verwendet wurden, was in einer Produktion, die sich selbst ernst nimmt, einfach nicht vorkommen darf. Bei Jess Franco mit einem Etat aus der Portokasse ist ein solches Vorgehen vielleicht noch erklärbar (wenngleich nicht goutierbar), aber eben nicht in einer gut-budgetierten internationalen Großproduktion …

DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES macht halt einfach so ziemlich alles falsch, was man als Abenteuerfilm falsch machen kann. Anstatt den markanten Lex Barker durch den Durchschnitt eines Abenteurerlebens zu jagen, und ihm alle Höhen und Tiefen von Liebes- und Kampfleben zuzumuten, werden viele Reitszenen mit vielen Naturaufnahmen verknüpft, mit ein paar Episoden einer ansatzweisen Handlung ummantelt, und dies dann als Film verkauft. Wenn wenigstens die Kulissen und die Spannungskurve das halten würden was sie versprechen, aber gerade an diesen Stellen passiert einfach gar nichts. Der Finger liebäugelt mit der Stop-Taste der Fernbedienung, die Gedanken schweifen in vollkommen andere Richtung, und wenn das erlösende Wort ENDE erscheint kann man gar nicht schnell genug ausschalten. Nein, gute Unterhaltung sieht für mich anders aus …