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Wild, Weird, Wonderful Italians - Gianni Vernuccio (1963)

Verfasst: Mo 10. Dez 2018, 22:53
von Salvatore Baccaro
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Originaltitel: Gli italiani si divertono così

Produktionsland: Italien 1963

Regie: Gianni Vernuccio
…und noch ein eher rares, deshalb aber noch lange nicht um seinen Eintrag in die Filmgeschichte betrogenes Werk aus dem Mondo-Sektor: 1963 dreht Gianni Vernuccio, dessen Namen mir zuvor niemals untergekommen ist, und dessen Kerbholz ansonsten Schnitzer in Gestalt eines vergessenen Erotik- oder Liebesdramas namens UN AMORE (1965) und einen vergessenen Gothic-Horrorfilm namens LA LUNGA NOTTE DI VERONIQUE (1966) trägt – [und des Weiteren nicht viel außer den obligatorischen Sandalen- und Mantel-und-Degen-Abenteuer wie LOS AMANTES DEL DESIERTO (1956) zu verantworten hat, den ich vor Ewigkeiten tatsächlich mal gesehen haben dürfte, und mich damals schon wunderte, weshalb für ein Wüstenspektakel von der Stange insgesamt fünf (!) Regisseure vonnöten gewesen sein sollen] -, mit GLI ITALIANI SI DIVERTONO COSÌ so etwas wie einen Querschnittsfilm, der sein Skalpell direkt im Zentrum der italienischen Gesellschaft ansetzt, und sich von dort aus an die absonderlichen und obskuren Außenränder vorarbeitet – das heißt, es wirkt jedenfalls so, als ob Vernuccio und Produzent Cesare Canevari (!) dergleichen vorgeschwebt hat, denn, dass das Endergebnis nun wirklich alles ist, nur kein augenzwinkernder, unterhaltsamer oder gar erhellender Panoramablick über die vielen Facetten des Stiefellands, das kann ich jetzt schon verraten.

Mit dem, was man gemeinhin unter dem Terminus „Mondo“ subsumiert, hat GLI ITALIANI SI DIVERTONO COSÌ immerhin zweierlei gemein: Zum einen hangelt sich der Film über selten wirklich einleuchtende, teilweise regelrecht haarsträubende Assoziationsketten von einem seiner Segmente zum nächsten. Paradebeispiel: Relativ zu Beginn werden am Trevi-Brunnen vermeintliche englische Touristen interviewt, die, gefragt nach dem, was sie an Italien am meisten lieben, natürlich sofort auf die dortigen Mannsbilder zu sprechen kommen. Dieses Stichwort reicht aus, erstmal in einer Muckibude abzutauchen, und uns irgendwelche Bodybuilder beim Training zu präsentieren, während der Off-Sprecher mit gezwungener Süffisanz von griechischen Heroen und Halbgöttern faselt. Ach ja, Muskeln und Männer, das gibt’s doch auch in der Schwerindustrie, oder? Als Antwort auf diese (rhetorische) Frage krauchen wir deshalb untertage, um verschwitzten und verrußten Arbeitern beim Abbau irgendwelcher Rohstoffe zuzuschauen. Da diese quasi in ewiger Nacht malochen, fällt der Montage und dem Kommentator ein, dass sich Italien ja besonders durch ein bestimmtes Gewerbe auszeichnet, das ebenfalls nur nach Sonnenuntergang seine Blütezeit erlebt, die Prostitution nämlich, weshalb wir in der Folge einen ordinären Straßenstrich entlangfahren. Jedoch nicht alle Männer entsprechen diesen Klischees: Ein paar Homosexuelle, die sich untereinander angeblich Madame Butterfly oder Mata Hara nennen, führen auf offener Straße ihre Hunde aus – (und scheinen nicht wirklich begeistert zu sein, dass eine Kamera sie dabei beäugt.) Ungefähr in dieser Weise ist das gesamte ausgesprochen heterogene Material des Films notdürftig zusammengeschustert – von avantgardistischen Anwandlungen, interessanten Überblendungen, schockhaften Szenenwechseln, wie wir sie im Genre-Großvater MONDO CANE zur Genüge finden, kann Vernuccios Film keine halbe Strophe singen. Der zweite Aspekt immerhin, der GLI ITALIANI SI DIVERTONO COSÌ mit dem Mondo-Genre verbandelt, ist die geringe Aufmerksamkeitsspanne, die er seinen einzelnen Stationen zukommen lässt – und „gering“ heißt in dem Zusammenhang, dass jedes Segment in MONDO CANE demgegenüber schon wahrhaft epische Ausmaße besitzt. Seien es die Bodybuilder, die Minenarbeiter, die Prostituierten – jedes Thema wird derart kurz angerissen, dass es, hat man sich gerade erst darauf eingelassen, schon wieder der Vergangenheit angehört. Wenn ich behaupte, jedes Episödchen würde im Durchschnitt eine Minute dauern, habe ich bereits das Gefühl, ziemlich zu übertreiben.

Kein Wunder, dass GLI ITALIANI SI DIVERTONO COSÍ noch diffuser, noch disparater, noch chaotischer daherkommt als jeder Mondo, der mir sonst gerade als Vergleichsobjekt einfällt. Neben dem Umstand, dass sämtliche Aufnahmen in Italien entstanden sind, und dass der Off-Sprecher weniger ÜBER die italienischen Sitten und Gebräuche spricht, statt sie in WIR-Form anzupreisen, als wolle er sie feilbieten wie Goldstücke in einem Reisekatalog, gibt es rein gar nichts, was folgende Fragmente auch nur notdürftig miteinander in Zusammenhang bringen würde: Adriano Celentano trällert. Franziskanermönche beten. Fußballer spielen. Bikini-Schönheiten sonnen sich. Ein Großteil der zusammengetragenen Szenen unterbietet den Sensationsgehalt solcherlei Aufnahmen mit Leichtigkeit. Ich habe keine Ahnung, was die Verantwortlichen nur auf die Idee gebracht hat, es könne irgendeinen Menschen auf dieser Erde – sei es nun ein Gorehund oder jemand in Erwartung einer seriösen Dokumentation – interessieren, wenn irgendwo in Gedenken an Marco Polo Enten- und Elefanten-Luftballons in die Luft steigen, wenn Greise überall in Italien an Garibaldi-Statuen ihre Kränze niederlegen, oder wenn Eltern ihre Kinder für irgendwelche Schönheitswettbewerbe in historische Kostüme stecken. Wenn einmal ein Hauch von Exploitation durch den Film weht, dann macht ihn spätestens die hyperaktive Montage zunichte, die es nicht aushält, einmal länger als ein paar Sekunden bei einem Bild, bei einer Szene, bei einem Thema zu bleiben: Ein Junge, der seit seiner Geburt kein Wort gesprochen hat, soll von seiner Stummheit erlöst werden, indem eine selbsternannte Heilerin ihn von einer Schlange beißen lässt. Ein lebendes Kaninchen wird an den Hinterläufen aufgehängt, worauf Männer – weshalb auch immer – ihm mit einem Schlag den Kopf von den Schultern säbeln sollen. Ein Mann, der den Stachel einer giftigen Tarantel abbekommen hat, liegt sterbend eingewickelt in ein schwarzes Tuch auf dem Boden, während sieben Jungfrauen, sieben frischgebackene Mütter und sieben Witwen in einem magischen Tanz um ihn herumwirbeln. Allerdings klingt das alles selbst für mich in der Retrospektive aufregender als es während der Sichtung gewesen ist – und wenn die fraglichen Szenen nicht nur offenkundig inszeniert sind (wie der Taranteltanz), dann sind sie, wie gesagt, derart flüchtig angerissen, dass sie, trotz ihres durchaus graphischen Inhalts, zumindest bei mir nicht die geringste Wirkung entfalten (wie das arme Karnickel, von dem ich nicht sicher bin, ob es nicht wirklich sein Leben für die Kamera hat lassen müssen, derart blitzhaft ist die Montage in der Szene.) Mehr als die drei genannten Segmente kann ich im Übrigen gar nicht aufzählen, um die Langeweile irgendwie aus dem Film (und meiner Kritik an ihm) zu vertreiben. Ein Gähnen jedenfalls konnte ich spätestens dann kaum unterdrücken, als mir minutenlang irgendwelche Stars auf dem roten Teppich gezeigt werden, von denen ich gerade noch Jayne Mansfield gekannt habe, oder der Film, nachdem er einen Zusammenschnitt an Aufmärschen diverser politischer Parteien aus seinem Hut gezaubert hat, etliche italienische Politiker der 60er Jahre in Standbildern als Dia-Show aneinander montiert.

Mehr Worte will ich nun auch gar nicht über dieses sterbenslangweilige Machwerk verlieren, bei dem es selbst mir schwerfällt, ihm noch irgendeine positive Seite als interessantes Zeitdokument abzutrotzen. Ich habe nun schon einen ganzen Rattenschwanz von diesen für heutige Augen wahrlich altbacken, bieder und reichlich zäh wirkenden italienischen Filmchen gesehen, die MONDO CANE gewissermaßen antizipieren, oder aber zielsicher auf den Zug aufspringen, den Jacopettis, Prosperis und Cavaras ins Rollen gebracht haben – und ich kann sagen: Gegen die schale Sauce aus Urlaubsvideo, Wochenschauschnipseln und Pseudo-Ethnographie, die GLI ITALIANI SI DIVERTONO COSÌ zu offerieren hat, wirken sogar von mir nun ebenfalls nicht unbedingt in den Gnadenstatus erhobene Filmchen wie I PIACERI DEL MONDO oder I MALAMONDO, als seien es Feuerwerkskörper schäumendsten Entertainments.