Joseph Alois Gleich - Die Schöne Zauberin Jetta oder der Wolfsbrunn. Eine Geistergeschichte (1797)
Verfasst: Mi 11. Feb 2026, 00:28
Zu meinen kuriosesten Lektüren der letzten Wochen zählt sicherlich dieser Roman aus dem Jahre 1799, bei dem es sich um das frühste mir bekannte literarische Werk handelt, in dem eine Werwölfin ihr Unwesen treibt, die unserer modernen Vorstellung von diesem Monster, wie es im 20. Jahrhundert von Filmen wie THE WOLF MAN (1941) geprägt worden ist, schon recht nahekommt.
Kurios ist zunächst aber schon einmal der Autor: Joseph (oder: Josef) Alois Gleich (1772-1841) verdient sich seine Brötchen als Beamter in der Wiener Staatsverwaltung und schreibt in seiner Freizeit etwa 250 Volkstheaterstücke sowie etwa 100 Schauerromane - letztere mit solch wohlklingenden Titeln wie DER WARNENDE ZAUBERGÜRTEL ODER DAS SCHAUERMÄNNCHEN. EINE GEISTERGESCHICHTE AUS DEM 12. JAHRHUNDERT (1798); WENDELIN VON HÖLLENSTEIN ODER DIE TODTENGLOCKE (1798) oder WALLRAB VON SCHRECKENSHORN ODER DAS TOTENMAHL UM MITTERNACHT. EINE WUNDERGESCHICHTE AUS DEM VIERZEHNTEN JAHRHUNDERTE (1799). Da nimmt sich der Titel vorliegenden Werks ja fast schon bescheiden aus...
Wenig bescheiden ist indes das, was zwischen den Buchseiten steckt, hat der Verfasser doch im Grunde alles Erdenkliche zusammengerührt (fast könnte man sagen: collagiert), was die um 1800 populären Genres Schauer-, Ritter- und Räuberroman so an Standardingredienzien hergeben. Obwohl die Originalausgabe gerade mal 250 Seiten umfasst, bietet das, was sich auf diesen 250 Seiten entwickelt, im Grunde Stoff für gleich mehrere eigenständige Büchlein. Regelrecht atemlos hetzt Gleich von einer Szene zur nächsten, fächert zahllose Figuren über einen Zeitraum von über 20 Jahren auf, lässt seine sich überstürzende und verheddernde Handlung quer über Europa entfalten, sodass man eigentlich parallel zur Lektüre Namensregister und chronologische Übersichten führen müsste, um nicht vollends den roten Faden aus den Augen zu verlieren.
Werwolfsaction gibt es dabei (leider) nur vereinzelt: Titelheldin Jetta nämlich ist nicht nur eine schöne Zauberin, sondern ebenso mit einem Fluch beladen. Will sie ihre Zauberkräfte nicht verlieren, muss sie sich jede Mitternacht bei einem "Wolfsbrunnen" einfinden und von dessen Wasser schlürfen - ein Trank, der die sofortige Transformation in eine heißhungrige Wölfin mit sich bringt. In dieser Gestalt wütet sie sodann bis zum Morgengrauen durch den Harz, in dem ihre Burg versteckt liegt, zerreißt Mensch und Tier, bis sie am nächsten Morgen blutbesudelt und erschöpft irgendwo in der Wildnis wieder zu sich kommt. Zu Beginn des Romans trifft Jetta auf den Ritter Arwin, der die Gegend um den Brocken auf der Suche nach seiner verschollenen Geliebten Helma durchstreift - und verliebt sich ad hoc in den Recken. Tatsächlich schafft sie es auch, ihn mit ihren Reizen (und etwas Hexerei) zu becircen, und eine Weile bei sich festzusetzen - solange jedenfalls, bis der sinnlich berauschte Jüngling gewahr wird, dass er mit einer Werwölfin das Bett teilt, und zusieht, sich aus ihrer Machtsphäre zu befreien.
Der Auftakt ist tatsächlich famos - eine krude Mixtur aus Harzlegende, Volksmärchen und früher Horrorliteratur, die Gleich jedoch alsbald erstmal beiseite legt, um sich auf die Schilderung zu konzentrieren, wie sich Arwin und Helma eigentlich kennengelernt haben (in Form einer ellenlangen Rückblende), wie Arwin und Helma nach Arwins Begegnung mit Jetta zunächst wieder zusammenfinden, sich dann aber durch eine List der Zauberin erneut trennen müssen, und wie dann, nachdem Arwin von Jetta in Wolfsgestalt (versehentlich!) zerfleischt worden ist, dieser nach Dekaden als Geist in die diesseitige Welt zurückkehrt, um seine inzwischen erwachsenen und ohne Wissen um ihre Eltern aufgewachsenen beiden Söhne aus etlichen Bredouillen zu helfen. Gerade der zweite Teil setzt zwar mit Arwins Rückkehr von den Toten ziemlich wahnwitzig ein - (es wird beschrieben, wie seinen Gebeinen Sehnen, Muskeln, Fleisch wachsen, bis er wieder ganz der Alte ist) -, danach versinkt der Roman aber selbst für meinen Geschmack über weite Strecken zu tief in Hofintrigen, Fehden, Entführungen. Nicht zuletzt dürfen bei diesen einige historisch verbürgte Persönlichkeiten wie zum Beispiel Heinrich der Löwe mitmischen, auf die Dauer - und trotz Gleichs beinahe stenographischem, rastlosem Schreibstil - ermüdet das dann aber doch etwas. Richtig wild wird es erst wieder im Finale, wo Gleich sich entscheidet, noch ein paar Räuber, die mit Tierfellen und verwachsenen Gesichtern daherkommen wie Neandertaler, ins Spiel zu bringen, Jetta in bester Feenmärchenmanier Schlangen, Otter und Fledermäuse in Pagen, Turmwächter und Kammerzofen verwandeln zu lassen, um endlich einen eigenen Hofstaat zu haben, und die Zauberin nach einem letzten Versuch, sich an Arwin und seiner Sippe zu rächen, als Steinsäule enden lässt.
Der Eindruck, Gleich habe einfach zu Papier gebracht, was ihm gerade am Schreibtisch spontan in den Sinn kam, zieht sich für mich durch den gesamten Text: Bewusstseinsstromartig überschlagen sich die Ereignisse, Stereotype und teilweise haarsträubenden Einfälle. Väterliche Geister warnen und belehren ihre Söhne wie frisch aus Shakespeares HAMLET entstiegen; mühsam (und wenig glaubwürdig) konstruierte Identitäten werden enthüllt, sodass Leibeigene sich plötzlich in Sekundenschnelle als Prinzen wiederfinden, so wie es zahllose Gothic Novels, angefangen mit Walpoles THE CASTLE OF OTRANTO, vorexerziert haben; bildhübsche Frauen werden von ihren Vätern aufgrund düsterer Prophezeiungen in Türmen ohne Türen eingesperrt, wie in Grimm'schen Märchen à la ASCHENPUTTEL - und dadurch, dass Gleich all das in konsequent ernstem, teilweise sentimentalen, teilweise pathetischem Tonfall aneinanderheftet, entbehrt es - zumindest aus heutiger Sicht - nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik.
Das Wasser reichen kann Gleich solchen schauerromantischen Klassikern wie Christian Heinrich Spieß oder gar Sophie Albrecht das Wasser nicht wirklich, unterhaltsam ist seine JETTA nichtsdestotrotz - vorausgesetzt, man kann überhaupt nur irgendetwas mit solcherlei antiquiertem Gruselzeug der Goethe-Zeit anfangen - und, immerhin: die schöne Zauberin Jetta dürfte die erste Werwölfin der deutschsprachigen Literatur sein! Ich wiederum habe dann wohl nur noch 99 Romane aus der Feder dieses eigenartigen Mannes vor mir...