Nacht in der Prärie - Robert Wise (1948)

Moderator: jogiwan

Antworten
Benutzeravatar
Canisius
Beiträge: 1390
Registriert: Mo 27. Dez 2010, 18:44

Nacht in der Prärie - Robert Wise (1948)

Beitrag von Canisius »

Nacht in der Prärie

Originaltitel: Blood on the moon

Bild

Herstellungsland: USA/1948
Regie: Robert Wise

Darsteller: Robert Mitchum, Robert Preston, Tom Tully, Barbara Bel Geddes...

Story:
Unemployed cowhand Jim Garry is hired by his dishonest friend Tate Riling as muscle in a dispute between homesteaders and cattleman John Lufton. (IMDb)


Kann man durch simples Multiple-Choice-Ankreuzen herausfinden, ob jemand Cineast oder Genrefilmfan ist?

Nein! :)

Dennoch ist es möglich, eine Tendenz zu erkennen. Also, lassen wir es auf einen Versuch ankommen.

Bitte ankreuzen:

a) Ich kenne mehr Filme mit Robert Mitchum als mit Chris Mitchum.
b) Ich kenne mehr Filme mit Chris Mitchum als mit Robert Mitchum.

Ich habe wahrheitsgemäß b) angekreuzt, da mich Genrefilme in der Regel mehr gereizt haben als Klassiker aus Hollywood. Ein allzu strenger Kostverächter bin ich allerdings auch wieder nicht. Ein Köder für die Bestie und Die Nacht des Jägers schätze ich sehr und so war es an der Zeit, meine persönliche Guckliste, Mitchum senior betreffend, zu erweitern. Entscheidungshilfe leistete außerdem Robert Zions Besprechung von Blood on the moon in einer Ausgabe der 35 mm, die mich neugierig gemacht hatte.

Robert Wise (Kanonboot am Yangtse-Kiang, Bis das Blut gefriert) hat in diesem Noir-Western von 1948 Regie geführt. Robert Mitchum, geringschätzig als Rau-Reiter (im Original „loose rider“) tituliert, ist Jim Garry. Er ist auf dem Weg, einem alten Freund Ted Riling (Robert Preston) zur Hilfe zu kommen. Raureitenderweise und ohne zu wissen, worum es geht. Nacht(s) in der Prärie wird Garrys Lager von einer Viehherde niedergetrampelt. Kurz darauf wird ihm von Rinderzüchter John Lufton (Tom Tully) angeboten, für ihn zu arbeiten. Er lehnt ab. Beim ersten Gespräch mit Riling wird klar, dass es darum geht, Lufton über Bande eine Viehherde abzuluchsen. Es handelt sich genau um jenen Lufton, der Garry auf seinem Weg zuvor versucht hat, anzuheuern. Zunächst verhält sich Garry loyal. Als er allerdings bemerkt, welch falsches Spiel Riling spielt, und wie rücksichtslos dieser bereit ist vorzugehen, beschließt der Rau-Reiter einen Frontenwechsel. Er möchte nun Lufton unterstützen. Dieser ist darüber weniger erfreut und begegnet dem geäußerten Bandenwechselwunsch mit Misstrauen. Selbstverständlich pfeift Garry auf Ratschläge, wie es sich für einen echten Cowboy gehört und beschließt, auch ohne Luftons Segen, zu handeln. Die Folge: Ärger und Drama für alle Beteiligten stehen ins Haus. Apropos Ärger und Drama. Viehzüchter Lufton hat 2 Töchter, die für den Verlauf der Handlung eine entscheidende Rolle spielen.
Tochter Amy (Barbara Bel Geddes) ist emanzipiert und selbstbewusst. Sie denkt kritisch, ist misstrauisch und hat keine Hemmungen sich mit bewaffneten Männern anzulegen. So beginnt Ihr erstes Aufeinandertreffen mit Garry mit einer von ihr ausgehenden Schießerei. Diese ist sehenswert inszeniert. Auch ihr Eintreten, als sie Gefühle für Garry entwickelt, und dieser verletzungsbedingt außer Gefecht ist, ist bemerkenswert.
► Text zeigen
Tochter Carol (Phyllis Thaxter) ist das Gegenstück und wird eher dem klassischen Frauenmodell gerecht. Sie fungiert als Heimchen und Geliebte von Riling, der sich über sie über die nächsten Schritte ihres Vaters informiert. Nichtsdestotrotz ist ihre Rolle nicht komplett statisch, beginnt sie doch an Rilings Liebe und guten Absichten zu zweifeln. Schließlich stellt sie ihn zur Rede. Quasi halb-emanzipatorisch. Immerhin. Mir fällt auf, dass Nacht in der Prärie die Rollenklischees vom starken Cowboy und dem schwachen Cowgirl zumindest in Ansätzen aufbricht. Da ich über wenig Erfahrungswerte verfüge, was US-Western betrifft, hat mich dies erstaunt.
Lehrreich ist obendrein die Doppeldeutigkeit der Viehherde im Film. Sie erscheint zum einen wie eine lebensbedrohliche und destruktive Naturgewalt. Wie eine Lawine, eine Flutwelle, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnt und alles und jeden unter sich begräbt. Zu Beginn kann sich Garry noch auf einen Baum retten, später haben einige Cowboys weniger Glück und werden niedergetrampelt.
Zum anderen symbolisieren die RGV (Raufutter verzehrenden Großvieheinheiten) Erfolg, Über(Leben), Vitalität und Zukunft. Denn die erbitterte Rivalität zwischen Lufton und Riling macht deutlich, dass derjenige, der in Zukunft Vieh besitzt und das Land bewirtschaftet, auf der Gewinnerseite stehen wird. Dem Verlierer stehen hingegen trostlose Zeiten bevor. Der Kampf um Grund und Boden ist am Ende nicht weniger als ein Kampf um Leben und Tod.

Fazit: Nacht in der Prärie ist atmosphärisch, visuell und schauspielerisch überzeugend. Robert Mitchum hat eine starke Präsenz auf der Leinwand und ist für manchen One-Liner gut:

Reiter zu Garry, nachdem eine Viehherde dessen Nachtlager platt getrampelt hat:
„Put a light on yourself!“
Der nun besitzlose Garry:
„With what?“
Solche lakonische Bemerkungen passen zu den kolportieren Zitaten Mitchums eigenes Schauspiel betreffend:
„I have two acting styles: with and without a horse.“

„Listen. I got three expressions: looking left, looking right and looking straight ahead.“

IMDb
Ohne zu spoilern, darf ich vorwegnehmen, dass man Mitchums komplettes Repertoire bestaunen darf.
Mit Pferd.
Ohne Pferd.
Links-, rechts- und geradeausguckend.
A*schloch-Bösewicht Ted Riling wird von Robert Preston glänzend verkörpert. Hier stehen sich zwei Mimen aus Hollywoods A-Liga gegenüber. Die Actionszenen sind für einen Film aus den 1940er Jahren temporeich in Szene gesetzt worden. Es wird flüssig geballert und insbesondere eine deftige Schlägerei zwischen Garry und Riling in einer Hütte (von einem Saloon zu sprechen, wäre übertrieben), bei der zu Beginn absichtlich die Lampe zerstört wird (so findet die Kloppe im Halbdunkel statt), ist hervorzuheben. Um ehrlich zu sein, kenne ich viele Filme mit weniger gelungenen Handgreiflichkeiten. Allerdings wurden die 20-40 Jahre später gedreht!
Ein Kritikpunkt ist die teilweise naiv-plakative Machart. Bspw. hört man bei bedrohlichen Szenen oft tief tönende Streicher, damit auch der letzten Schnarchnase :schnarch: im Kino auffällt: „Oh, gleich passiert etwas.“ Das gleiche gilt für liebliche Töne, die darauf aufmerksam machen sollen, dass Harmonie in der Luft liegt. Weiterhin ist mir der Stimmungswechsel am Schluss zu abrupt. Riling ist tot und einer von Luftons Unterstützern, dessen Sohn von einer Viehherde zertrampelt worden ist (ca. ein paar Tage zuvor!), frohlockt mit einer Flasche Schnaps, die er für solche Momente stets parat hält. Der monatelange Überlebenskampf ist sofort vergessen. Alle kippen sich einen hinter die Binde :prost: und haben sich lieb.
„Ist es denn schade um diesen Strohhalm, Du Hampelmann?“
Antworten