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Darsteller(innen): Liselotte Pulver, Gunnar Möller, Wera Frydtberg, Gustav Knuth, Rudolf Vogel, Adrienne Gessner, Annie Rosar, Margit Symo, Fritz Hinz-Fabricius, Otto Storr, Eva Karsay u. A.
Andreas schwelgt auf einer Zugfahrt in Erinnerungen: 1925 fuhr er als Austauschstudent nach Ungarn. Auf der Fahrt lernte er Greta kennen, mit der er einen Abend in Budapest verbrachte. Ihre Wege trennten sich: Während sie an den Balaton reiste, fuhr er weiter in ein kleines Dorf in der Puszta. Dort lernte er Piroschka kennen und immer mehr auch lieben, bis ihm plötzlich Greta schrieb und ihn einlud, sie am Balaton zu besuchen. Er nahm die Einladung an, aber Piroschka folgte ihm…
Kurt Hoffmanns („Quax, der Bruchpilot“) in Ungarn spielende, aber in Jugoslawien gedrehte Verfilmung des gleichnamigen Romans Hugo Hartungs aus dem Jahre 1954 kam nur ein Jahr später in die Kinos. Die Liebeskomödie gilt als werkgetreu, ein größerer Eingriff sei lediglich die Verlegung der Handlung aus dem Jahr 1923 ins Jahr 1925 und damit die Ausblendung der Nachkriegszeit- und Hyperinflationsbezüge. An der Drehbuchadaption waren gleich drei Herrn beteiligt.
„Müssen viel essen, Herr Student!“
Während einer Zugfahrt erinnert sich Andreas (Gunnar Möller, „Hoheit lassen bitten“) an den Sommer des Jahres 1925, der mittlerweile 30 Jahre her ist, zurück: Als Austauschstudent befand er sich auf der Reise nach Ungarn, als er Greta (Wera Frydtberg, „Sie“) kennenlernte und mit ihr einen Abend in der ungarischen Hauptstadt verbrachte. Am nächsten Tag fuhr sie an den Balaton, während es Andreas ins Dörfchen Hódmezővásárhelykutasipuszta verschlug, wo er Piroschka (Lieselotte Pulver, „Heidelberger Romanze“), die minderjährige Tochter des Stationsvorstehers, kennenlernt. Piroschka und Andreas verlieben sich ineinander, doch eines Tages erreicht ihn eine Einladung Gretas, sie am Plattensee zu besuchen. Heimlich versucht er sich davonzustehlen und zu Greta zu fahren, doch Piroschka folgt ihm kurzerhand…
„Singen und Trinken und Tanzen – alles auf einmal!“
Wir sehen Andreas im Zug sitzen und Hoffmann eine melancholische Stimmung erzeugen. Aus dem Off sinnierend, leitet Andreas jene ausgedehnte Rückblende ein, die die eigentliche Handlung des Films ausmacht, der aus heutiger Sicht eine doppelte Zeitreise darstellt: Erst ins Jahr 1955, dann nach 1925. Auch im weiteren Verlauf bleibt Andreas nicht nur als männliche Hauptfigur, sondern auch als kommentierender Off-Erzähler erhalten. Seine leichte, komödiantische Ausrichtung, die eine Art reizvollen Kontrast zur Melancholie bildet, erhält der Film zunächst mit dem Geiger im Restaurant, den Greta und Andreas gar nicht mehr loswerden. Diese lockere, augenzwinkernde Perspektive auf ungarische Kultur und Lebensfreude bleibt „Ich denke oft an Piroschka“ über weite Strecken erhalten. Nachdem Andreas sich auf seiner Weiterreise im Zug als Deutscher zu erkennen gegeben hat, wird von den Ungarn mit Essen überhäuft.
„Mich interessiert alles!“
Piroschka, unheimlich süß und hübsch von Pulver gespielt, wird hingegen als derart schüchtern eingeführt, dass man sie zunächst gar nicht richtig sieht. Bei ihrer ersten Begegnung mit Andreas spricht sie kein Wort, sodass er denkt, sie spreche seine Sprache nicht – dabei ist sie die beste Deutschschülerin ihrer Klasse. Es herrscht strahlender Sonnenschein, der die Urlaubsstimmung befeuert. Es wird gefeiert und herumgealbert, man erhält Einblicke in ungarische Folklore und den Arbeitsalltag, begegnet fahrendem Volk. Irritierend ist’s, dass Ungarn Schuhplattler tanzen. Hoffmann arbeitet in diesen Szenen mit auf Ungarn projizierten Heimatfilm-Charakteristika, denen das Kitschige, Trutschige aber weitestgehend abgeht, da sie als exotisch wahrgenommen werden.
„Der Sonne lacht!“ – „Wahrscheinlich über uns.“
Allegorische Wolken ziehen auf, als Andreas Piroschka in Bezug auf Greta anlügt. Sie folgt ihm heimlich, am Zielort regnet es. Doch auf einen eskalierenden Konflikt steuert die Handlung nicht etwa zu: Greta und Piroschka freunden sich miteinander an und Greta reagiert sehr verständnisvoll auf sie. Dafür entdeckt der Film seine Melancholie wieder und mündet in ein Wechselbad der Gefühle. Bisher haben Piroschka und Andreas noch kein einziges Mal miteinander geknutscht, was sich nun überraschend ändert und das Verhältnis beider zueinander auf eine höhere Stufe hebt.
„Seid doch einen Augenblick ernst und lächelt!“
Das Ende (Achtung, Spoiler!) ist problematisch: Andreas verspricht Piroschka, im nächsten Jahr wiederzukommen, was er aber nie tat. Er ist damit recht glücklich; was Piroschka davon hält, erfährt man nicht mehr. Andreas‘ Verhalten wird nicht problematisiert. „Ich denke oft an Piroschka“ ist ein Sommerfilm, der seinem Publikum Ungarn vor allem als Urlaubsland näherbringt und dessen Melancholie gefällt. Das gebrochene Deutsch der Ungarn umschifft zum einen die Sprachbarriere und sorgt zum anderen aufgrund mancher Wortverwechslung für Humor, der durchaus angenehm ausfällt und nicht auf die Ungarinnen und Ungarn herabblickt.
„An diesem Abend war mir, als ginge die Sonne meines Lebens für ewig unter der Puszta unter.“
Wenn der Film jedoch aussagen will, dass es ok sei, als Deutscher nach Ungarn zu reisen, den jungen Dingern dort den Kopf zu verdrehen und sich dann nicht mehr blicken zu lassen, ist das, auch mit zwei zugedrückten Augen, letztlich sexistisch. Ich werde sicherlich nicht der einzige sein, dem das aufgestoßen ist, doch der Film liefert keinerlei Anhaltspunkte einer kritischen Reflexion, während Andreas sich in süßer Melancholie ob der Erinnerung an seinen Urlaubsflirt suhlt. Teil 2, „Die Rache der Piroschka“, wurde leider nie gedreht…
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)