Und morgen die ganze Welt
Deutschland 2020
Regie: Julia von Heinz
Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Andreas Lust, Luisa-Céline Gaffron, Nadine Sauter, Ivy Lissack, Hussein Eliraqui, Victoria Trauttmansdorff, Michael Wittenborn, Heidi Walcher, Stefan Einfalt, Robert Besta, Christopher Hans, Constanze Weinig, Wolfram Huber, Matthias Bundschuh
OFDB
Deutschland 2020
Regie: Julia von Heinz
Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Andreas Lust, Luisa-Céline Gaffron, Nadine Sauter, Ivy Lissack, Hussein Eliraqui, Victoria Trauttmansdorff, Michael Wittenborn, Heidi Walcher, Stefan Einfalt, Robert Besta, Christopher Hans, Constanze Weinig, Wolfram Huber, Matthias Bundschuh
OFDB
Luisa ist jung, und in der besseren Gesellschaft aufgewachsen. Behütet und beschützt wie sie bisher war, drängt es sie nun nach draußen. Ins Leben. Also sucht sie sich über eine Freundin einen Schlafplatz in einem besetzten Haus. Dort kommt sie in Kontakt mit Aktionen gegen Rechts, wie etwa einer Demo gegen eine Rechtsaußenpartei mit Extremismusbezug und deutlicher Nähe zum Nationalsozialismus. Doch ein paar aus der Gruppe starten bei der Demo eine eigene Sache, alles läuft ein wenig aus dem Ruder, und irgendwann steht einer der „Ordner“ über Luisa und will sie verprügeln. Wenn da nicht Alfa gewesen wäre, der dem Typen eine Eisenstange über den Kopf knallt, hätte die Sache schlimm ausgehen können. Das Ergebnis dieser Aktion ist das erfolgreich eingesteckte Handy des Glatzkopfs, und Alfa wiederum hat einen guten Freund, Lenor, der solche Geräte knacken kann. Man erfährt den Treffpunkt der nächsten rechten Aktion, man organisiert eine Gegenaktion, die in heftiger Gewalt und einer Verletzung Luisas endet, und mehr und mehr rutscht Luisa immer tiefer in etwas hinein, was auch als Linksextremismus bezeichnet werden kann: Illegale und gewaltsame Aktionen gegen Rechtsextremisten. Als in einem Versteck von Neonazis Sprengstoff gefunden wird, gehen die Meinungen, was man damit machen kann, schnell auseinander.
Was bedeutet es, links zu sein? Für den einen kann das heißen, in einem besetzten Haus zu leben, sich um benachteiligte Menschen zu kümmern, miteinander zu leben und zu diskutieren, und am Wochenende gegen rechte Veranstaltungen zu demonstrieren. Schilder hochhalten, Slogans skandieren, solche Sachen. Was um Himmels willen nicht falsch zu verstehen ist! Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die so etwas tun, die den fälschlicherweise „Rechtspopulisten“ genannten Neonazis wenigstens ein klein wenig versuchen Einhalt zu gebieten, und die vor allem ein soziales Miteinander leben und aller Welt zeigen, dass diese Lebenseinstellung sehr wohl funktioniert, gerade auch als Gegenentwurf zu aus dem Ruder gelaufenen Dingen wie dem (derzeitigen) Kapitalismus.
Für einige wenige andere wiederum bedeutet links sein etwas mehr. Nicht nur Schilder hochhalten bei der Demo, sondern Aktionen planen und ausführen. Autos von Nazis kaputtmachen zum Beispiel. Oder rechte Aktivisten ausspähen und in deren Abläufe Sand streuen. Es geht darum, zu versuchen, Neonazis so wenig Raum wie möglich zu lassen, damit die Rattenfänger wenigstens ein bisschen Probleme bekommen beim Einfangen ihrer Opfer. UND MORGEN DIE GANZE WELT zeigt diese beiden Entwürfe aktiven Linksseins, stellt sie gegeneinander, und zeigt, dass das Verprügeln von politischen Gegnern, die selber keine Gewalt scheuen, auf jeden Fall gefährlicher ist als das untereinander diskutieren, aber offensichtlich, so scheint es, auch sehr viel lohnender. Im Sinne einer Ausschüttung von Glückshormonen. Wie eine riesengroße Schnitzeljagd, wie ein Räuber und Gendarm-Spiel auf der Suche nach den spannenden Informationen, um den Rechten ordentlich ein Bein zu stellen. Dass da mal was schief gehen kann, OK, aber für die großen Jungs (und das eine Mädel) im Film ist das schon ziemlich ein Lebensentwurf. Trotz Verfolgung durch die Polizei, trotz massivem Gegenwind durch die Nicht-so-extrem-Linken, trotz der Gefahr, den Nazis in die Hände zu fallen, trotz allem ist das wie Extrembergsteigen ohne Vorbereitung und Seil. Oder mit 200 Sachen am Frankfurter Kreuz – Eine Mischung aus Adrenalin und Serotonin …
Oder verstehe ich den Film falsch? Prinzipiell versucht uns Regisseurin Julia von Heinz doch klar zu machen, dass gewalttätige Aktionen gegen Nazis sicher nicht immer und in jedem Fall gut zu heißen sind, aber unter dem Aspekt eines Abenteuers dann eben doch in Ordnung gehen. Lenor bringt zwar irgendwann mal das Argument ins Spiel, dass man sich mit diesen Aktionen auf die gleiche Stufe stellt wie die Gegner, aber auch Lenor wird irgendwann weitermachen. Die Sache mit dem Adrenalin halt …
Und weil so eine actiongeladene Story natürlich auch nach der entsprechenden Umsetzung verlangt, folgen wir Julia in einem wahren Schnittgewitter durch ihren zunehmend gewalttätiger werdenden Alltag, sprunghaft hintereinander montierte Szenen werden in einem Tempo abgearbeitet, das auch beim Zuschauer das Adrenalin hochjagt, und wenn dann das Blut im Ohr rauscht ob dieses Dauerstresses, dann ist es auch kein Wunder, dass knapp die Hälfte der Dialoge nicht zu verstehen sind, weil offensichtlich Aussprache an den Schauspielschulen kein Unterrichtsfach mehr ist. Fehler im Ablauf fallen dann auch gleich gar nicht mehr auf: Wenn Luisa mit dem Gewehr auf die Neonazis zielt ist dies vom filmischen Standpunkt eine spannende und packende Szene, aber es stellt sich die Frage, warum der Musiker im Zielfernrohr, der genau auf Luisa schaut, sie partout nicht sieht. Genauso wie die Frage, wie die scharfen Hunde auf dem Garagenhof überwunden werden, oder warum eine große Gruppe junger Leute in einem besseren Wohngebiet nicht auffällt (nämlich wenn sich alle versammeln, um die Autos der Nazis zu zerstören) – Punkte, die von seiten des Autors nicht gründlich überlegt wurden und damit aus dem ambitionierten Politprojekt schnell ein Märchen für träumende Linke machen: Ach wie schön wäre es doch, wenn wir einfach so auf das Gelände der Rechten spazieren und denen den Sprengstoff klauen könnten …
Wie angenehm, und vor allem inhaltlich auch wesentlich stimmiger und interessanter, sind doch dann die Momente bei Dietmar, dem alten Kämpfer. Dietmar war vor langer Zeit bei den Revolutionären Zellen, ist auch ein paar Jahre im Knast gewesen deswegen, und hat sich jetzt aus dem politischen Leben komplett zurückgezogen (weswegen er den Untergetauchten paradoxerweise auch Unterschlupf bietet). Dietmar ist sowas wie das gute Gewissen der jungen Leute, und vor allem auch ihr Backup im Fall einer Verletzung oder falls sie untertauchen müssen. Dietmar ist ruhig, ist abgeklärt, und hier können sich auch Kamera und Schnitt endlich mal erholen von ihrer atemlosen Jagd nach Sensationen. Hier könnten gute Gespräche geführt und Meinungen diskutiert werden – Diskussionen, die zum Beispiel Hans Weingartners DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI so interessant und wichtig gemacht haben: Ein alternder und abgeklärter Revoluzzer gegen junge und tatendurstige Aktivisten, das hätte interessante Streitgespräche und Gegensätze gegeben. Aber diese Chance wird leider links (kein Wortspiel) liegen gelassen, stattdessen muss die Handlung schnell schnell weitergehen, müssen die Schnitte hageln, darf die Kamera auch gerne mal wackeln, müssen sich die drei Hauptdarsteller anbrüllen, reden, sich in die Arme fallen, dann wieder anbrüllen … Ja, das Leben im Untergrund ist nicht einfach. Das konnte man bei Zschäpe/Mundlos/Böhnhardt auch sehen, und ich werfe mal die unverschämte Frage in den Raum, ob ich denn der Einzige bin, der bei dem Team Luisa/Alfa/Lenor Parallelen zu den NSU-Terroristen gezogen hat?
Kleine Spitzen wie etwa der Umstand, dass der Kellner der Eisdiele problemlos und ohne Eingreifen der danebenstehenden Polizisten von Neonazis zusammengeschlagen werden kann, aber das Räumen eines besetzen Hauses ein Prügelfest für die beteiligte Hundertschaft ist, solche Momente sind fein, emotionalisieren, und zeichnen das Bild eines Staates, der längst aus den Fugen geraten scheint. Aber dieser Momente hat es zu wenige, und gleichzeitig wird hier die typisch linke Sicht der Dinge wiederholt, die die Polizei als Handlanger eines allmächtigen Staates und als Feinde darstellt. Da ist mir der ein Jahr später erschienene JE SUIS KARL erheblich näher, der den Staat längst auf dem Rückzug zeichnet, und aufzeigt, dass die modernen Rechten nicht mehr nur die allseits bekannten Abziehbilder von sonnenbebrillten und schwarzgekleideten Muskelmännern sind, sondern sich durch aufgetragene Wohlanständigkeit und geschickte Strategien längst in die Herzen der Menschen gepöbelt haben. Die eine unscheinbar wirkende Politikerin, die in UND MORGEN DIE GANZE WELT versucht Wahlkampf zu betreiben, wird als schwache Witzfigur gezeichnet, die mit einer geworfenen Torte in die Flucht geschlagen werden kann. Auch dies ist eher eine feuchte Fantasie eines linken Aktivisten, aber in keinster Weise an der Realität orientiert - Dem JE SUIS-Karl, dem gewieften und starken Rechtsnationalen, würde so etwas nicht passieren …
Letzten Endes stellt UND MORGEN DIE GANZE WELT die Frage in den Raum, ob der Gebrauch von Gewalt gegen Nazis gerechtfertigt ist. Und ob es keine anderen Wege gibt. Diese Frage wird sehr ambivalent beantwortet, denn die gemäßigte Figur des Lenor, der für sich persönlich Gewalt als Mittel ablehnt, aber die ausgeübte Gewalt seiner Freunde trotzdem unterstützt, wird durch die Schlussbilder konterkariert. Und für alle anderen scheint Gewalt ein legitimer Weg zu sein. Die Ausgangssituation, nämlich der Artikel 20 des deutschen Grundgesetzes, dass alle Deutschen das Recht zum Wiederstand (kein Schreibfehler meinerseits, das wird im Film so geschrieben) haben gegen diejenigen, die die bestehende Ordnung beseitigen möchten, diese Ausgangssituation ist klug gewählt, und aus diesem Gesichtspunkt ist auch der Verlauf der Handlung sicher nicht verkehrt. Aber für mich als Zuschauer stellt sich doch die Frage, ob weniger Hektik und mehr Gedanken nicht vielleicht auch mehr (in der Realität verhafteten) Inhalt vermittelt hätten. Und ob die schlussendliche Aussage, die mit den letzten Bildern übermittelt wird, wirklich diejenige ist, die in der Wirklichkeit Bestand hat, steht dann auf einem ganz andern Blatt. Bis dahin entpuppt sich UND MORGEN DIE GANZE WELT als erotischer Wunschtraum eines jeden jungen Linken, den dummen Rechten ihren Sprengstoff wegzunehmen, ihre Autos kaputtzumachen, und morgen die ganze Welt zu vereinen. Ein Märchenfilm für junge Erwachsene, der mit der komplexen Welt, in der der politisch interessierte Zuschauer heute lebt, überhaupt nichts zu tun hat.
5/10