Was vom Tage übrigblieb ...

Euer Filmtagebuch, Kommentare zu Filmen, Reviews

Moderator: jogiwan

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Maulwurf
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Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Der Versuch, zu jedem gesehenen Film etwas zu schreiben, war im letzten Jahr eine echte Herausforderung, die auch nicht immer bestanden wurde. MONDO CANDIDO war zum Beispiel so ein Kandidat, zu dem mir partout gar nichts einfallen wollte – Die Bildgewalt liess mich sprachlos zurück …

Aber ich möchte diese Herausforderung auch weiterhin angehen. Dabei handelt es sich um Himmels willen nicht immer um obskure cineastische Perlen oder rabiaten Seltsam-Scheiß. Ich schaue wie wahrscheinlich die meisten quer durch den Gemüsegarten – Wär ja auch schlimm wenn es anders wäre. Wenn ich die ein oder andere Anregung geben kann, dann bin ich doch schon zufrieden. Einwürfe, Anregungen und Diskussionen sind dabei ausdrücklich erwünscht, dieses Filmtagebuch soll keine Frontalbeschallung sein sondern ein lustiges Miteinander …

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Das Fenster zum Hof (Alfred Hitchcock, 1954) 9/10

Wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht liegen die Fenster der Wohnungen dort, und hinter ihnen findet das Leben statt: Dort ist die einsame Frau, die Kontaktanzeigen aufgibt und Scharaden mit imaginären Männern aufführt. Da wurde gerade geheiratet, und das Liebespaar findet gar nicht mehr aus dem Bett. Hier werden Kinder erzogen. Drüben hat das kinderlose Ehepaar einen Hund als Ersatz, den es hegt und pflegt. Ein Musiker versucht zu Ruhm und Ehre zu kommen. Und genau gegenüber scheint ein Mann seine Ehefrau ermordet zu haben. Ein nicht ungefährliches Wissen für den Fotografen am Fenster …

Was? 65 Jahre ist DAS FENSTER ZUM HOF jetzt alt? Nicht zu glauben. Der Film erscheint mir so frisch und flott wie gerade erst abgedreht. Die Spannung ist immens, die Schauspieler sind eine Wucht, und die Inszenierung steckt vieles von dem, was in den 65 Jahren danach gedreht wurde, in die Tasche. Selbst bei der x-ten Sichtung ist DAS FENSTER ZUM HOF immer noch ein herausragender Film. Über den bereits sehr viel Kluges geschrieben wurde. Weswegen ich hier nur ein paar unzusammenhängende Gedanken zum Besten gebe. Dinge die mir einfallen, während ich den Beobachter beobachte …
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James Stewart spielt L.B. Jeffries, einen Fotografen, der nach einem Umfall mit einem gebrochenen Bein an den Rollstuhl gefesselt ist, und der in diesem entsetzlichen heißen Sommer (das Thermometer zeigt über 35° an) seiner Leidenschaft für Beobachtungen freien Raum gibt. Böswillig könnte man das natürlich auch Voyeurismus nennen. Man beachte, wie Jeffries und Stella sich ablenken lassen von dem Drama der einsamen Frau, wo doch eigentlich die höchst gefährdete Lisa beobachtet werden sollte … Auf jeden Fall schaut Jeffries in die Fenster der anderen Leute, und was er da sieht untermauert seinen Widerwillen gegen die Ehe mit der wunderschönen Lisa. Als rasender Reporter reist Jeffries normalerweise nur mit einem Koffer in der Hand durch die ganze Welt, immer auf der Suche nach einer geeigneten Story, und Lisa, die eine gutgehende Modeagentur leitet, traut er diesen Lebensstil nicht zu. Also schaut er dem Dauersex der Neuvermählten zu (bildlich gesprochen natürlich), er sieht die Kindererziehung des älteren Ehepaars – und er sieht gegenüber das tödliche Ende einer Ehe. Alles keine wirklichen Argumente für das Heiraten …

Grace Kelly ist schön. Wunderschön. Engelsgleich. In ihrer ersten Szene beugt sich sie in einer Nahaufnahme zur Kamera und scheint dem Zuschauer einen Kuss geben zu wollen. Man(n) hält unweigerlich den Atem an – so viel Anmut und Liebreiz ist kaum zu fassen. Interessant, dass Grace Kelly im Rest des Films kaum Nahaufnahmen hat, sondern meistens in der Halbtotalen agiert. Als ob Hitchcock diesen ersten, göttinnengleichen, Eindruck nicht mindern wollte.
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Fenster zum Hof_Grace Kelly_01.jpg (145.75 KiB) 112 mal betrachtet
Wer aber eine Nahaufnahme hat ist Raymond Burr als Lars Thorwald, der voller Mordlust direkt auf James Stewart bzw. den Zuschauer los-, und dabei direkt in die Kamera hineingeht. Das Gegenstück zu Grace Kelly, die direkte Umkehrung der Liebe und der Zärtlichkeit welche sie ausstrahlt, ist der Bildschirm dieses Mal voll mit Hass, Gewalt, und Tod. Der Höhepunkt des Films ist allerdings, wenn Lisa mit dem Ehering wedelt, und damit aussagt: “Ich werde Dich kriegen, ich liebe Dich“, während im gleichen Moment direkt neben ihr stehend Thorwald Finsternis dräut und Jeffries anschaut: “Ich werde Dich kriegen, ich töte Dich.“ Ein wahrlich schockierender Augenblick, auch 65 Jahre nach der Entstehung des Films.
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Fenster zum Hof_05.jpg (77.3 KiB) 112 mal betrachtet
Eigentlich könnte so ziemlich jedes dieser Fenster einen eigenen Film bekommen. Könnte jede Geschichte, die hier nur angerissen wird, 90 Minuten mal besser und mal schlechter füllen. Das Musical: Die Karriere eines aufstrebenden Musikers. Das Drama: Die Einsamkeit einer ältlichen Frau. Die Screwball-Comedy: Die Probleme einer jungen Ehe, welche anscheinend nur aus Sex besteht. Die familientaugliche Komödie: Erziehungsprobleme einer kinderreichen Familie in einer viel zu kleinen und viel zu heißen Mietwohnung.

Doch die wahre Kunst Hitchcocks besteht darin, all diese kleinen Geschichten mit nur ganz wenigen Pinselstrichen zu skizzieren, sie gerade mal sichtbar zu machen, und dann in den Hintergrund dieses außergewöhnlichen und spannenden Films zu stecken, um diesem damit einen realistischen Background zu geben. Damit der Vordergrund umso packender wirkt.

Ein Film, der niemals altern wird, da bin ich mir sicher. Vordergründig ein hochspannender Thriller, und dabei so vollgepackt mit Ideen, Verweisen und Subplots, dass man ein halbes Leben mit der Dechiffrierung verbringen kann, ohne dass auch nur ein Quäntchen der Spannung verloren geht. Definitiv einer von Hitchcocks besten Filmen!

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

Beitrag von Maulwurf »

Tatort: Im Schmerz geboren (Florian Schwarz, 2014) 8/10

Richard Harloff kommt aus Bolivien zurück nach Wiesbaden. Zwischen seiner Abreise und dem Jetzt liegen 30 Jahre Tod, Schmerz, Drogenhandel, Kampf … Nun ist er wieder da, und der LKA-Ermittler Murot, damals Harloffs bester Freund und Kollege auf der Polizeischule, weiß nicht so recht wie damit umgehen: Mit den drei Toten am Bahnhof. Dem verschwundenen Gangsterboss Bosco, dessen drei Söhne die Toten am Bahnhof sind. Dass Harloff die Bande von Bosco offensichtlich übernommen hat. Und noch ein anderer Mann spurlos verschwindet: Franz Oswald, der vor 30 Jahren ursächlich dafür verantwortlich war, das Harloff sich nach Südamerika absetzen musste ...

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Ein Mann kommt zurück in eine Stadt um Rache zu nehmen. Der örtliche Sheriff und der Mann waren früher beste Freunde, etwa so wie in Jules und Jim. Und sie liebten sogar dieselbe Frau, etwa so wie Jules und Jim. Aber etwas geschah, etwas zerbrach, und jetzt ist der Mann wieder da und tötet, und sein einstmals bester Freund muss ihn aufhalten.
Ein grundlegendes filmisches Sujet, in unzähligen Western und Krimis gesehen, und immer wieder gut. Aber als Tatort? Ja, gerade als Tatort! Was Ulrich Matthes hier abliefert ist Extraklasse. Matthes ist als Richard Harloff so spöttisch wie Harry Lime, so süffisant wie Hans Landa, so abgründig wie Tommy Judo, und so tödlich und rücksichtslos wie Loco. Dagegen Ulrich Tukur als kleiner deutscher Beamter: Eine graue Maus, die sich hinter einer Maske der Biederkeit und Zurückhaltung versteckt, als perfektes Gegenstück zum weltläufigen und selbstsicheren Harloff. Und der doch genügend Power im Leib hat, um mit der Maschinenpistole im Anschlag auf die Straße zu rennen und alle Angreifer einfach über den Haufen zu ballern. Wie es ein guter Sheriff halt auch mal machen muss.

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Und a propos Sheriff: Was für eine Inszenierung! Der örtliche Don als griechischer Chor, Shakespeare zitierend und mit wohlgesetzter Sprache im klassischen Duktus das große Drama um Tod, Leidenschaft und Verderben kommentierend. Die drei Söhne des Don als Gunmen, am Bahnhof und in der glühenden Sonne wartend auf die Ankunft des Fremden, um ihn zu erschießen. Anstatt 08/15-Abblenden frieren die Bilder ein und werden zu Zeichnungen, stellen die wahren Grausamkeiten nur als Gemälde dar, als Abbild der Wirklichkeit. So wie auch die Geschichte von einem zum andern Gemälde reist, und der Shakespeare-Conférencier uns die Zusammenhänge zwischen den Bildern erläutert. Szenen wie Tableaus, im filmischen Stil erzählt: Murot besucht Harloffs Sohn David. Sie trinken Wein in der leeren Wohnung und verstehen sich blendend. Der Kommissar und der Mörder benehmen sich wie Vater und Sohn - Lange getrennt, endlich vereint, und von einer Überstimme sinnig kommentiert. Oder Murot und Harloff sitzen auf der Parkbank, und ein Off-Erzähler schildert uns humorig, was gerade in den Köpfen der Figuren vor sich geht. Momente, die das Korsett einer Fernsehinszenierung und das Format eines “Fernsehkrimis“ weit sprengen. Die nichts anderes wiedergeben als eine Shakespeare-Tragödie, mit all ihren schrecklichen Mordtaten, Treueschwüren und Verrätereien, mit ihren deftigen, blutigen und komischen Szenen.

Lust am Spiel und am Experiment. Lust am Kino. Lust am Erzählen guter Geschichten. Das ist hier alles drin. Und ich glaube, wenn man sich diese Tatort-Folge öfters anschaut, findet man, wie in allen wirklich guten Geschichten, auch noch einiges mehr. Entweder hier, oder beim großen englischen Dichter …

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Devil’s nightmare (Jean Brismée, 1971) 7/10

Eine Gruppe Touristen verschlägt es durch widrige Umstände auf das Schloss des Barons von Romberg. Eigentlich könnte es dort recht nett sein: Der Butler Hans ist britisch-obskur, der Gastgeber zuvorkommend, das Essen gut, und die weitläufigen Gänge des Schlosses bieten, genauso wie das Laboratorium im Keller, jede Menge Möglichkeiten, die Gier der jeweiligen Personen ausgiebig zu befriedigen, gleich ob es die Gier nach Sex oder die Gier nach Gold ist. Allerdings ist da noch ein Gast, Lisa Müller, die nicht mit den anderen kam. Lisa Müller ist sehr aufreizend gekleidet, erscheint etwa dem jungen Seminaristen als Trugbild in seinem Zimmer, und wirkt allgemein eher wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Die Atmosphäre ist angespannt, ein unterschwelliges Grauen zieht durch die alten Gemäuer. Ein Sukkubus soll angeblich sein Unwesen treiben. Menschen sterben …

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Wenn nur die Exposition nicht so elendig lang wäre. Fast eine Stunde braucht DEVIL’S NIGHTMARE um auf Touren zu kommen. Bis dahin ist die Stimmung frostig-entspannt, und die einzelnen Charaker werden gründlich vorgestellt.* Doch ab dem Zeitpunkt, ab dem der Sukkubus durch die Gänge geht, beherrscht ein wunderbares gotisches Grauen das Bild. Eine erotisch gekleidete Dämonin, die in alten, kerzenbeleuchteten Räumen Menschen grausam zu Tode bringt – Über Sinn oder Unsinn solcher Bilder kann man vielleicht streiten, aber ein wohliger, schwarzromantischer Schauer zieht spätestens dann durch das Gedärm des Zuschauers, wenn die junge Blonde, die aussieht wie Eva, von einer Schlange getötet wird, und die garstige Dunkelhaarige in einer Eisernen Jungfrau verschwindet.
Die Rahmenhandlung mit dem Sukkubus und dem Fluch der von Rombergs? Geschenkt! Dies ist einzig und allein Erika Blancs Film, und alle anderen sind nur Fischfutter. Erika im kleinen Schwarzen, das allein ist schon Grund genug sich den Film anzuschauen. Pelle Felsch beschreibt sie in diesem Zusammenhang als “ wahrhaftig personifizierte Sünde“, und mehr gibt es dazu einfach nicht zu sagen. Ein wahrlich teuflicher Augenschmaus vor dem Herrn in einer Geschichte, die gerne etwas mehr Schmackes hätte vertragen können, aber insgesamt für ausgesprochen angenehme anderthalb Stunden sorgen kann.

*Und sie sind es auch wert: Der Mann, der hinter allen Frauen hinterher ist wie (Achtung Spoiler) der Teufel hinter den Seelen. Seine Frau, die es nach nichts als Gold gelüstet. Der Busfahrer, dessen einziger Lebensinhalt ist, sich mit Essen und Wein vollzustopfen. Die beiden jungen Mädchen, von denen die eine Männer sammelt, und die andere am liebsten faul ist. Der garstige alte Mann, der in seinem Hochmut an allem und jedem etwas rumzumeckern hat und tief fallen wird. Jeder hat so seinen persönlichen Dachschaden, und jeder darf auf eine sehr individuelle Art sterben. Interessanterweise hängen die Todesarten mit den Todsünden zusammen, begangen von den jeweiligen Charakteren …

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Maulwurf
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Interview mit einem Vampir – Aus der Chronik der Vampire (Neil Jordan, 1994) 8/10

San Francisco in der Gegenwart: Der Vampir Louis erzählt einem Journalisten, wie er 1791 zu dem wurde was er jetzt ist, und seitdem versucht, sich seine Unschuld zu bewahren. Auch wenn ihm klar ist, dass er töten muss um zu überleben, so leidet er sehr daran, den Tod zu verbreiten. Im Grunde seines Herzens ist er Mensch geblieben, und so sucht er verzweifelt einen Ausweg aus diesem Dilemma, den ihm weder die Liebe zu der kindlichen Claudia geben kann, noch die Begegnung mit den Vampiren in den Katakomben von Paris.

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Mein Gott, ist das lange her, dass ich den zuletzt gesehen habe. Und er ist praktisch überhaupt nicht gealtert. Noch immer sind die theatralisch-altertümlichen Dialoge und die romantisch-verderbten Bilder eine Symphonie des Todes. Ein Reigen aus Schmerz und Leid, eine blutige Komposition über Einsamkeit, Schuld und Verzweiflung. Mit Bildern, die aus den tiefsten Fantasien der Gothic-Szene zu kommen scheinen, und die vom Vollmond schwarzromantisch beschienen werden. Blutig hingestreckte Frauen mit ausgiebigen Dekolletés, die dekorativ vor alten Gräbern liegen. Die Opferung attraktiver Frauen vor dem Hintergrund apokalyptischer Schauspiele. Die Lust am Tod, schwülstig gefeiert zuerst vor der dekadenten Kulisse des alten New Orleans, später in den Pariser Katakomben des beginnenden Fin de Siècle. Jede Einstellung atmet gleichermaßen Lust auf Leben und Tod. Zeigt den Wunsch, dem ewigen Leid und der unendlichen Einsamkeit durch das Eintauchen in den Exzess zu entkommen. Und am Ende fährt der Ford Mustang zu den Klängen von Sympathy for the devil in Richtung Sonnenaufgang. Ikonisch. Beeindruckend. Überwältigend …
Und im Übrigen schaut Brad Pitt mit langen Haaren dem Meister der Mörderballade, Nick Cave, unglaublich ähnlich. Zufall?

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Maulwurf
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Beitrag von Maulwurf »

Orlac’s Hände (Robert Wiene, 1924) 7/10

Bei einem Unfall verliert der Konzertpianist Paul Orlac seine Hände, doch der Chirurg Dr. Serral kann dem gebrochenen Mann helfen: Er transplantiert Orlac die Hände des hingerichteten Mörders Vasseur. Orlac kann die Virtuosität seines Klavierspiels nicht mehr erreichen, stattdessen hat er Alpträume und hasst seine Hände. Als Orlacs Vater ermordet wird, finden sich die Fingerabdrücke Vasseurs auf der Tatwaffe – und Orlac muss erfahren, das Vasseur noch lebt. Ohne Hände …

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Ein faszinierendes Sujet: Ein Pianist, der die Hände eines Mörders anoperiert bekommt, und fortan die Psychose entwickelt, kraft seiner Hände ein Mörder zu sein. Gänzlich in den Wahnsinn führt dieser Gedanke spätestens dann, wenn uns der guillotinierte und wiederauferstandene Mörder begegnet: Ein Experiment, genauso wie bei den Händen, und die Narbe am Hals ist klar und deutlich zu sehen. Orlac, der dem Mann mit den künstlichen Händen begegnet, steht in diesem Augenblick kurz vor dem Durchdrehen, und dem Zuschauer geht es im ersten Augenblick nicht anders. Sitzen sich in diesem düsteren Kellerloch doch zwei vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe, ja sogar Welten gegenüber: Hier der feinsinnige und liebende Künstler, dort der brutale und verbrecherische Gangster (mein erster Eindruck von Fritz Kortners Vasseur war, dass er aussieht wie Al Capone). Hier das traumatisierte Opfer das sich als Täter wähnt, dort der erpresserische Täter der sich als Opfer geriert. Und außenrum, so wie der Seele der beiden Personen, nur Schwärze …

Überhaupt, diese Schwärze. Eine Welt voller Düsternis und Schatten, voller Enge und Ausweglosigkeit. Um die Verzweiflung seiner Figuren zu zeigen, wählt Robert Wiene zwei Mittel: Zum einen arbeitet er mit kompletten Räumen als Kulisse, das heißt die Wände und die Decken sind vollständig zu sehen und erzeugen damit ein Gefühl der Enge. Eine Klaustrophobie, die den eingesperrten und eingezwängten Geist Orlacs auf das Treffendste charakterisiert. Diese Räume sind aber oft fast völlig leer. Wiene platziert nun seine Personen meistens nicht in der Mitte sondern am Bildrand. Der Effekt ist umwerfend: Die Leere der Charaktere, ihre innere Zerrissenheit und das Chaos ihres Gefühlslebens werden deutlich spürbar, werden durch die Bildkomposition erfahrbar - Wir begleiten Orlac hautnah auf seinem Weg in den Wahnsinn.

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Wobei, was heißt hier Wahnsinn? Bereits sehr früh ist klar, dass Orlac unter etwas leidet, was man heute eine Psychose nennen würde: Der gefeierte Klavierspieler kann sich mit seinen fremden Händen nicht abfinden (was ich mir zugegegeben auch fast unmöglich vorstelle), worunter sein Klavierspiel leidet. Er kann nicht mehr arbeiten, und die Familie rutscht allmählich ab ins Elend. Heutzutage würde dem Mann von Beginn an eine psychologische Betreuung zur Seite gestellt werden (und in der folgenden filmischen Darstellung würde der Psychiater dann Orlac einreden, das dies die Hände eines Mörders usw.), aber so etwas gab es in der damaligen Zeit halt noch nicht. So wie nach dem ersten Weltkrieg die Überlebenden mit ihren Ängsten, Traumata und Schmerzen alleine gelassen wurde, so wird auch Orlac alleine gelassen, und die geliebte Frau kann ihm, dem sensiblen Feingeist, einfach nicht den Halt geben den er benötigen würde. Somit ist ORLAC’S HÄNDE nicht nur ein spätexpressionistischer Horrorfilm, sondern auch als Drama zu verstehen: Was passiert mit einem Mann, der einen schrecklichen körperlichen Verlust erleidet, und in dieser Situation alleine gelassen wird? En Schicksal, das damals sehr viele Menschen erlitten, viele der Zuschauer persönlich nachfühlen konnten …

Nichtsdestotrotz ist der Film natürlich in erster Linie immer noch ein Horrorfilm mit starkem Krimieinschlag. Oder umgekehrt. Es geht um den Mord an Orlacs Vater, und um eine Erpressung, denn immerhin sind am Messer die Fingerabdrücke von Orlac. Verzeihung: Die Fingerabdrücke von Vasseur, dessen Hände Orlac hat. Was aber nur sehr wenige Menschen wissen. Dieser Horror/Krimi-Crossover ist so finster wie die Nacht, und er ist ausgesprochen eindringlich. OK, die Schauspieler agieren so theatralisch wie nur irgend möglich, aber das war der Stil der Zeit, auch wenn es heute ein mitunter schwer fällt dieses Overacting ernst zu nehmen. Aber die neo-klassische Musik, die kargen und düsteren Kulissen, diese desolate und trostlose Atmosphäre, das alles hat eine ganz enorme Sogwirkung mit Endstation Verzweiflung. Sehr sehenswert!

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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

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Alice, sweet Alice (Alfred Sole, 1976) 6/10

Alice ist 12 Jahre alt, unbeliebt, verkannt, und wird von Mutter Catherine, Tante Annie und Schwester Karen einfach nur wie Dreck behandelt. Vom fetten Hausvermieter wird Alice begrapscht, und irgendwie glaubt ihr keiner, dass sie eigentlich auch ganz nett sein könnte. Doch, einer glaubt es: Ihr Vater. Aber der ist längst mit einer anderen Frau verheiratet und lebt sonstwo … Klingt erstmal nach einem ganz normalen Teenager-Dasein während der Pubertät: Alle nörgeln an einem rum, keinem kann man es recht machen, und egal ob man links rum oder rechts rum geht, es ist immer verkehrt. Alice ist, mit Verlaub, der Arsch vom Dienst. Bei ihrer Kommunion wird Karen grausam ermordet und alle fragen sich wo Alice während der Tat war. Als dann auch noch nach einem Streit ein Angriff mit einem Messer auf die verhasste Tante Annie geschieht, und Annie sicher ist dass nur eine die Täterin gewesen sein kann, wird Alice in die Kinderpsychiatrie gesteckt. Der Mann am Lügendetektor will sie überführen, der Polizist will sie einsperren, die Tante will sie im Gefängnis sehen, und alle hacken auf Alice rum. Nur einer nicht: Der Vater! Der kommt extra aus Sonstwohausen und verspricht, erst wieder abzureisen, wenn er den Täter gefunden hat. Er hat die Nichte Angie im Verdacht, das kleine dicke Kind der Tante, die seit dem Mord verschwunden ist, und als Angie eines Tages anruft und um Hilfe fleht, springt der gute Mann sofort in sein Auto und will sie retten. Mächtig böser Fehler …

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Wenn das kein US-amerikanischer, sondern ein italienischer Film wäre, dann wäre die Klassifizierung leicht. Dann nämlich wäre klar, dass es sich bei ALICE um einen Giallo handelt: Die gestörten und unsympathischen Charaktere. Die deutliche Kritik an der Kirche und an den sozialen Verhältnissen. Der Whodunnit-Plot, der zu einem völlig unerwarteten Zeitpunkt aufgelöst wird und mit einem Perspektivwechsel in der Geschichte einhergeht. Die schwachen Cops, die entweder rumäffen oder gleich völlig falsche Entscheidungen treffen … Fehlen eigentlich nur Nuditäten und eine eingängige Musik, dann wäre der Euro-Genrekracher aus der zweiten Reihe fertig.

So aber wird mir ALICE, SWEET ALICE vor allem als der Film in Erinnerung bleiben, in dem ganz viele garstige und unausstehliche Frauen zu sehen sind, und alle entsetzlich viel durch die Gegend schreien. Vor allem die garstigen und unausstehlichen Frauen. Ganz ehrlich, nachdem Karen tot ist konnte ich erstmal etwas durchschnaufen. Was für ein widerliches Gör!
Dann diese schreckliche Tante. Auch hier eine Wohltat, als die Frau im Krankenhaus, und damit weitgehend aus der Geschichte verschwindet. ALICE, SWEET ALICE ist prinzipiell kein schlechter Film, aber bei den Charakteren sind solche Arschgeigen dabei, dass einem der Film durchaus verleidet werden kann.

Positiv dagegen der Umstand, dass nach 70 Minuten die Perspektive auf den Mörder wechselt! Die Demaskierung erfolgt sehr unvermittelt, und anschließend bleiben wir auch beim Mörder. Ein erstklassiger erzählerischer Trick, den Alberto De Martino ein paar Jahre später in DAS HAUS DER VERFLUCHTEN kopierte, und einen ähnlich starken Effekt erzielte. Wir lernen die Motive und die Vorgeschichte des Mörders zumindest ansatzweise kennen, während die andern Personen allmählich in den Hintergrund treten. Zusammen mit der miefig-bürgerlichen Atmosphäre (der Film spielt in einer kleinen amerikanischen Stadt im Jahr 1961) und den erstklassigen Schauspielern (Paula E. Sheppard als Alice ist eine Wucht! Genauso wie Mildred Clinton als Mrs. Tedoni, die Haushälterin des Priesters) wird die Zeit überhaupt nicht lang, und der Film zieht mehr in seinen Bann, als man es eigentlich wahr haben wollte.

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Vielleicht ist ALICE, SWEET ALICE ja auch gar kein Slasher, und schon gar kein Horrorfilm, auch wenn er im ersten Drittel Ansätze eines solchen hat. Vielleicht ist der Film viel mehr ein Drama, das mit großem Ernst aus einer Zeit erzählt, in der noch vieles von der Kirche geregelt wurde. Vor allem Dinge wie Erziehung und zwischenmenschliche Beziehungen unterlagen damals in der Regel der Obhut des örtlichen Pfaffen, der seinen Job auch durchaus ernstnahm. So ernst, dass der fette pädophile Hausbesitzer überhaupt nicht auffällt. Dass ein (geistig) eingesperrtes und freiheitsliebend-pubertierendes Kind in die Psychiatrie kommt. Und dass das, was dann folgerichtig aus der Familie der Kirche und der Glaubensgemeinschaft selber sprießt, dass dies dann nur noch krank ist, dass wiederum verwundert dann auch nicht mehr. Der Regisseur Alfred Sole wurde in Paterson, New Jersey, geboren, und in Paterson wurde auch ALICE, SWEET ALICE gedreht. Und nun stelle ich mal die Frage in den Raum, ob da nicht unter Umständen autobiographische Züge zu erkennen sind? Ob da nicht vielleicht jemand versucht hat, sich seine Dämonen von der Seele zu arbeiten? Unter diesem möglichen Gesichtspunkt nämlich ergeben so einige Charaktere und ihre Schicksale Sinn …

ALICE, SWEET ALICE hätte ich gerne von jemandem wie Lucio Fulci gedreht gesehen. Mit eindringlichen Bildern, mit dieser Leichtigkeit, welche die italienischen Filmemacher vor allem in den 60ern und 70ern so gut hinbekommen haben, und die so gekonnt von heftigen Gewalteruptionen konterkariert wird. Dazu eine gute Portion Kritik an den herrschenden Umständen, und ein Terrorklassiker mehr hätte das Licht des Projektors erblickt. ALICE, SWEET ALICE ist aber nicht von Lucio Fulci sondern von Alfred Sole, und also, als Drama mit leichtem Terror-Einschlag, durchaus sehenswert. Zumindest dieses. Wenn da nur dieses Gekreische und Gezicke nicht wäre …

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Maulwurf
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Re: Was vom Tage übrigblieb ...

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Der Foltergarten des Dr. Diabolo (Freddie Francis, 1967) 6/10

In einem Gruselkabinett auf einem Jahrmarkt dürfen zahlende Besucher einen Blick in die Abgründe ihrer Seelen werfen und lernen. Ein habgieriger Erbe muss lernen, dass der reiche Erbonkel seinen Reichtum nicht allein durch harte Arbeit erwirtschaftet hat. Eine ehrgeizige Schauspielerin muss lernen, was es kostet, zu den zehn berühmtesten Schauspielern der Welt zu gehören. Eine Journalistin lernt, dass Musikinstrumente mehr als nur die Zeit ihrer Besitzer in Beschlag nehmen. Und ein Sammler von Edgar Allan Poe-Memorabilia muss lernen, dass man es mit dem Sammelwahn auch übertreiben kann.

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Sehr schöne Gruselepisoden aus der Amicus-Schmiede. Eine vernünftige Mischung aus herkömmlichem gotischem Grusel und modernen Abstrusitäten. Ein Blick in die Seelen der Menschen und ihrer Besitzer. Unmodernes Gruselkino wie es gerne sein darf. Nichts für moderne Crash-Boom-Bang-Afficionados, sondern etwas für Zuschauer, denen ironisch erzählte Geschichten mit bösem Ende wichtiger sind als die dafür verwendeten, oft nicht so aufregenden, Spezialeffekte.

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