Der Fluch der reitenden Leichen - Raffaele Picchio (2020)

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Salvatore Baccaro
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Der Fluch der reitenden Leichen - Raffaele Picchio (2020)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: Curse of the Blind Dead

Produktionsland: Italien 2020

Regie: Raffaele Picchio

Darsteller: Aaron Stielstra, Alice Zanini, Francesca Pellegrini, Fabio Testi, Bill Hutchens

Eine stillschweigende Übereinkunft zwischen dem Magdeburger Lars und meiner Wenigkeit, als ich aus dem 18er-Regal des Karlsruher Müllers den neusten Film von Raffaele Picchio ziehe. Ja, wir haben beide seinen MORITURIS aus dem Jahre 2011 gesehen, und beide kommen wir zu dem Schluss: Dies ist dann tatsächlich ein Bewegtbilderzeugnis, das den Stempel „Dreck“ verdient. Wer wissen möchte, weshalb, der findet in diesen heiligen Hallen die eine oder andere Zeile der Entrüstung aus meiner Feder zu diesem Streifen, der sich in meiner Erinnerung zusammensetzt aus sexualisierter Gewalt, (vor allem fließbandartige Vergewaltigungsszenen), mit dem eigentlichen Rape-&-Revenge-„Plot“ keine nennenswerte Berührungspunkte aufweisenden CGI-Zombie-Gladiatoren sowie der künstlerischen Kompetenz eines Splatter-Kinds, das gestern seine erste Digicam geschenkt bekommen hat, und sich nun daranmacht, die eigenen Pubertätskomplexe zu verarbeiten.

Tatsächlich habe ich seit meiner MORITURIS-Sichtung einen weiten Bogen um den nachfolgenden Output von Signore Picchio gemacht, und wäre mir im Karlsruher Müller vorletzte Woche nicht sein neuster Streich in die Finger gerutscht, hätte ich mich möglicherweise nie wieder freiwillig mit diesem Filmemacher beschäftigt. Das Problem ist, dass mich Picchios nunmehr bereits vierter Spielfilm auf ganz besonders perfide Weise triggert. CURSE OF THE BLIND DEAD lautet sein Originaltitel. Die deutsche DVD wirbt mit DER FLUCH DER REITENDEN LEICHEN – DIE RÜCKKEHR DER TEMPELRITTER. Nein, das ist leider kein Etikettenschwindel unserer Titelschmiede: Picchio hat sich tatsächlich an einem inoffiziellen fünften Teil der klassischen Quadrologie Amando de Ossorios, bestehend aus LA NOCHE DEL TERROR CIEGO (1971), EL ATAQUE DE LOS MUERTOS SIN OJOS (1973), EL BUQUE MALDITO (1974) und LA NOCHE DE LOS GAVIOTAS (1975) – versucht, eine Filmreihe wohlgemerkt, die wie nur wenig andere in jungen Jahren meine Liebe für schauerromantische Euro-Exploitation der 70er Jahre modellierte. Bleibt mir denn wirklich überhaupt nichts erspart?

Dass Picchio mit einem äußersten mauen Budget zurechtkommen muss und ihm dabei leider Kreativität und Virtuosität eines Amando de Ossorio abgehen, mit denen er diesen Umstand geschickt hätte kaschieren können, beweist bereits die Prologsequenz. Deren Ingredienzien sind ebenfalls sattsam bekannt, spult das von Picchio mitverantwortete Drehbuch doch im Prinzip einfach noch einmal die vor allem in LA NOCHE DEL TERROR CIEGO rückblendenhaft bebilderte Geschichte ab, wie denn die reitenden Leichen ihr Augenlicht verloren haben: Irgendwann im späten Mittelalter feiern Ritter des Templerordens in einer entlegenen spanischen Burgfeste Schwarze Messen. Der lokalen Bevölkerung schmeckt dies immer weniger, zumal der Verschleiß an verschleppten Jungfrauen inzwischen exorbitant hoch ist. Bewaffnet mit Mistgabeln und Fackeln stürmt man die Ordensburg und macht mit den häretischen Kreuzrittern kurzen Prozess. Es werden den seltsam defensiven Satansjüngern, die sich völlig ohne Gegenwehr dingfestmachen lassen, zunächst die Augen aus den Höhlen gebrannt, sie sodann kollektiv hingerichtet, und in den Katakomben der Festung verscharrt. Neu ist bei Picchio ein später noch wichtig werdendes Detail: Als die aufgebrachten Dorfbewohner sich Zutritt zum Templerdomizil verschaffen, sind dessen Bewohner gerade in ein seltsames Ritual verstrickt. Eine offenbar dämonisch besessene und an einem Andreaskreuz fixierte Frau hat soeben einem Säugling das Leben geschenkt, den der Ordensprior auf einem Altar drapiert hat. Was genau er dort mit dem neuen Erdenbewohner anzustellen vorhat, erfahren wir nicht, da die Wut der Bauern auch vor dem Säugling nicht Halt macht. Sowohl die Mutter wie auch das Kind würden das Mal tragen, heißt es, weshalb man der Frau kurzerhand die Kehle durchschneidet und das Baby mit einem Dolch pfählt. Puh, ich bin ja schon froh, dass Picchio diese Szenen vergleichsweise zurückhaltend gefilmt hat, und mir nicht schon im Prolog wieder die Vergewaltigungen um die Ohren schlägt. Worüber ich weniger froh bin, ist, dass die Digitaloptik CURSE OF THE BLIND DEAD ebenso wenig zum Vorteil gereicht wie die Tatsache, dass sowohl die Templer wie ihre Feinde aus gerade mal fünf, sechs Personen bestehen. Wenn die Finanzen schon nicht für ausreichend Statisten reichen, hätte man sich vielleicht aber bei der Beleuchtung und den Kulissen etwas mehr Mühe geben können. Picchios Allzweckwaffe indes heißt: Farbfilter. Auch wenn Picchio sich mit seinem Team zumindest in eine authentische Festung nahe Bergamo begeben zu haben scheint, und auch (oder gerade weil) Kamera und Monate immerhin handwerklich routiniert in Erscheinung treten, wirkt die Exposition unangenehm steril, seelenlos, kurzum uninspiriert. Hätte der Film hier (also nach nicht mal zehn Minütchen) geendet, wäre ich mit ihm allerdings nicht so arg ins Gericht gegangen wie ich es tun muss, wenn ich auf die krude Story zu sprechen komme, die Picchio uns nach dem Vorspann auftischt.

Preisfrage: Was tut man, wenn man nur ein paar Handvoll Lire in der Tasche hat, und trotzdem einen Genre-Film inszenieren möchte? Die Antwort nahezu aller Amateur-Splatterfilmer lautet natürlich: Man verlagert seine Handlung auf Wälder, Felder, vielleicht den eigenen Keller. Das tut Picchio auch, wobei bei ihm immerhin noch die Gänge besagter authentischer Festung hinzukommen. Aber noch einen Kniff hat der Maestro in der Hinterhand, um Geld einzusparen: Wieso die Haupthandlung nicht einfach in eine post-apokalyptische Zukunft verlagern? Die Menschheit ist nahezu ausgerottet, nur einige wenige Versprengte streifen noch über die entvölkerte Erde. Das spart, wie gesagt, Statisten, Drehgenehmigungen an öffentlichen Orten usw. Zu den Überlebenden der Apokalypse, (die Picchio uns im Vorspann mittels farbverfremdeter, aber offenbar dokumentarischer Nachrichtenbildern von Naturkatastrophen und kriegerischen Konflikten untermalen lässt, über die sein Drehbuch sonst jedoch kein konkretes Wort verliert), zählen auch die hochschwangere Lily und ihr Vater Michael. Wie die Beiden es geschafft haben, bislang inmitten einer unwirtlichen Wildnis am Leben zu bleiben, bleibt unklar. Zumal es in den Wäldern, wie wir gleich zu Beginn erfahren, vor marodierenden Horden nur so zu wimmeln scheint, die unsere unter freiem Himmel nächtigenden Helden überfallen, um ihnen ihre wenigen Habseligkeiten zu rauben, Michael niederzuknüppeln und Lily trotz ihres Zustands zu vergewaltigen. Gottlob belässt es Picchio diesmal aber beim Vergewaltigungsversuch, (obwohl ich ihm nach dem „Genuss“ von MORITURIS auch zutrauen würde, minutenlang darin zu schwelgen, wie eine schwangere Frau sexuell missbrauch wird), denn Schüsse knallen aus dem Unterholz und mitten hinein in die Köpfe des Banditentrios. Abgefeuert werden sie von zwei Männern, die Michael und Lily sodann mitnehmen zu einer nahen Festung, bei der es sich natürlich um die ehemalige Templerburg handelt. Während sie im Innern trotz all der verstrichenen Jahrhunderte noch immer wirkt wie ein mittelalterlicher Bunker, schaut sie an der Fassade aus wie eine völlig überzogene und zudem mittels billigstem CGI animierte Computergrafik aus irgendeinem drittklassigen Videospiel: Meterhoher Stacheldraht; schweifende Scheinwerfer; nuklear verseuchter Himmel, der sich über ihren Türmchen wölbt. Eine weitere Frage, die antwortlos im Film verhallt: Wenn, wie wir nun erfahren, die Insassen der Festung ebenfalls nur so viele Köpfe zählen wie vielleicht drei, vier Fußballmannschaften, wer hat denn diesen Hochsicherheitstrakt errichtet, und wer unterhält ihn seit Kollaps der gesellschaftlichen Ordnung zur Verteidigung gegen die die Lande heimsuchenden Plünderer?

Der Ober-Guru der, wie sich herausstellt, Sektengemeinschaft wird dafür wohl kaum zuständig sein, ein vollbärtiger, einäugiger Greis, der Michael und Lily mit salbungsvollen Binsenweisheiten und kryptischem Gemurmel abspeist, bevor er ihnen beim abendlichen Suppenmahl eröffnet, er habe so lange für ihre Ankunft gepredigt, dass ihm nun die Worten versagten. Aber auch ohne weiterführende Auskünfte des Meisters ist natürlich längst klar: Diese Sekte hat sich um die Gebeine der toten Templer versammelt, um diese – weshalb auch immer – zu neuem Leben zu erwecken. Und dies ist nur möglich, wenn sie ihnen als Opfer die frische Leibesfrucht einer Frau darbringen. Schnell ist ein Schlafmittelchen in Michaels und Lilys Abendtrunk gemischt; der Papa findet sich angekettet in einem Verließ wieder, wo ihm der Sektenguru endlose pseudo-philosophische Litaneien hält; Lily wiederum erwacht in einem anderen finsteren Gemach, wo sich eine stumme Frau namens Lynn um sie kümmern soll, während eine zweite gefangene Schwangere, (offenbar ein Mitglied der Gemeinschaft), im langsam anlaufenden Zeremoniell als Erste über die Klinge springen soll. Die Frau gebiert, und der Sektenführer lockt die Templer mit dem plärrenden Baby aus ihren Grüften, - worauf diese sich dadurch Erkenntnis zeigen, dass sie ein blutiges Massaker unter den Sektenmitgliedern veranstalten. Die Effekte sind zwar handgemacht, jedoch trotzdem reichlich einfallslos umgesetzt: Immerhin erinnern Komparsen, die sich echte Tiereingeweide vor den Bauch halten und dabei sterbend durch die Gegend torkeln, dann doch an ähnliche Eskapaden in den allerkostengünstigten Exzessen des Bahnhofskinos der goldenen 70er. Trotzdem: Hätte es für die Halloween-Masken mit ihren extrovertierten Kauleisten voller Gummifangzähne, die die Templer-Darsteller tragen, nicht eine, sagen wir, weniger geisterbahnartige Alternative gegeben?

Während nun also die Templer ihre eigenen Jünger dadurch dezimieren, dass sie ihnen mehrheitlich die Eingeweide aus den Bäuchen reißen, schafft es der allein in seiner Zelle zurückgelassene Michael, sich in bester SAW-Manier von seiner Eisenkette zu befreien, indem er sich mit einem Messer den rechten Daumen abtrennt. Auf dem Weg, seine Tochter ebenfalls zu retten, wartet auf ihn, noch bevor die Knochenmänner ihn wittern, ein Gefängniswärter, der ihn in einen launigen Zweikampf verwickelt. Zwei Dinge wundern mich, als mir auffällt, dass es sich bei dem wehrhaften Wächter tatsächlich um Fabio Testi handelt: Zum einen, in was für einer guten körperlichen Verfassung sich der einstige Europloitation-Star trotz seiner bald achtzig Lenze noch befindet; zum andern, dass es dieser einstige Europloitation-Star mit seinen bald achtzig Lenzen überhaupt noch nötig hat, in einem Film wie vorliegendem mitzuwirken. Interessanterweise nimmt mich das Duell zwischen Fabio Testi und Michael auch mehr für sich ein als die parallelmontierte Metzelorgie der noch unberittenen Leichen. Leider segnet Testi alsbald das Zeitliche, während inzwischen Lily von der offenbar geläuterten Lyn befreit worden ist, und die beiden Frauen auf der Flucht vor den modrigen Mönchen Michael geradewegs in die Arme zu laufen. Zwar gelingt es unserem Helden-Trio die Leichen vorerst Schachmatt zu setzen – (und zwar dadurch, dass sie einen der Templer anzünden, worauf die andern sich kollektiv zu Boden werfen und zum großen Wehklagen anheben; augenscheinlich möchte das Drehbuch uns suggerieren, dass sämtliche Mönche mental miteinander vernetzt sind, sodass der Tod des einen unmittelbar auch die Übrigen schwächt, eine Idee, die Picchio sicher nicht aus dem De-Ossorio-Universum entlehnt hat, wo die Leichen munter weitertrotten, auch wenn die Brüder direkt neben ihnen bereits Feuer fangen) -, doch kurz vor der Burgpforte erwischt es Michael dann doch noch, und Lily und Lynn müssen sich allein in den nächtlichen Wald schleppen. Ihre Verfolger haben nun endlich auch ihre Streitrösser gefunden – (wie in den Originalen stellt sich die Frage gar nicht erst, ob die denn mit ihnen zusammen bestattet worden sein sollen, oder wo sie sonst auf einmal herkommen?) – und haschen die beiden Frauen solange bis der Hahn kräht und die Gerippe zurück in ihre Gruft müssen.

Das wird dann auch der einzige Ausritt unserer Kreuzritter bleiben, die im letzten Drittel sowieso kaum noch eine Rolle spielen werden, da Picchio es für interessanter hält, uns an Lilys und Lynns Überlebenskampf in der endzeitlichen Wildnis teilhaben zu lassen. Man taumelt umher, hält sich den hochschwangeren Bauch, stößt erneut auf eine Gruppe Plünderer, doch diesmal ist Lily vorbereitet und jagt jedem der Männer eine Kugel durch den Kopf. Eine vermeintlich traumatisierte Frau mit zwei kleinen Kindern scheint zunächst Leidensgenossin zu sein, entpuppt sich dann aber doch als abtrünniges Mitglied der dezimierten Sekte: Lily und Lynn fallen weiteren Fanatikern in die Hände und das ganze Spiel geht von vorne los, sprich, die Opferung Lilys ist schnell beschlossene Sache – und bevor ich auch noch die wirklich haarsträubende Finalpointe verrate, in der Picchio auf einmal eine Hundertachtziggrad-Wendung in Richtung Lovecraft-Horror unternimmt, schließe ich die Inhaltsangabe dieses befremdlichen Machwerks doch eilig, um nur noch mein kurzes Schlussfazit hinauszuposaunen.

Gemeinhin wird Amando de Ossorios Saga ja unter dem Oberbanner des Trashs subsumiert. Ich bin sicher der Letzte, der gerade die Plots seiner vier Filme für ihre dramaturgische Finesse verteidigen würde. Aber einmal abgesehen, dass die reitenden Leichen als Monster eine reichlich originelle Mixtur darstellen, eine Art Collage aus Vampiren, (weil sie bei Tagesanbruch zu Staub zerfallen und ihre Hauptmahlzeit frisches Menschenblut ist), und aus Zombies, (weil sie bei ihrem Schlurfen selbst manche Schnecke überholen könnte, und sie zudem blind sind wie die Nacht), versteht es De Ossorio in allen Originalteilen der Reihe atmosphärisch dicht vom Aufstand einer domestiziert geglaubten irrationalen Vergangenheit gegen die wissenschaftshörige, vernunftdurchdrungene Moderne zu erzählen: Gewissermaßen sind die reitenden Leichen ausgezogen, um die entgottete Realität der 70er Jahre mit ganz viel Schauerromantik zu kontaminieren. Trockeneisnebel wabert; das Käuzchen lockt; langsam werden die Grabplatten beiseitegeschoben; in Zeitlupe schwingen sich die mit Lumpen bekleideten Skelette auf ihre Gäule. Das ist naiv bis zum Anschlag, und zugleich wohnt alldem eine eigenartige Poesie inne, die einen Begriff wie Trash oder Exploitation oder Pulp schlicht sprengt. Seien es die Krabben, die sich auf Frauenleichen tummeln in LA NOCHE DE LAS GAVIOTAS; seien es die trist-melancholischen Ausblicke auf ein nebelverhangenes Meer in EL BUQUE MALDITO; seien es die erstarrenden und auseinanderbröckelnden Kadaver in EL ATAQUE DE LOS MUERTOS SIN OJOS, als der Morgensonnenschein sie trifft; sei es die großartig Szene in LA NOCHE DEL TERROR CIEGO, wenn das erste Opfer der Tempelherren für bald eine Viertelstunde wortlos deren Burgruine erkundet. Ja, es mag sein, dass bei meinem euphorischen Abfeiern dieser Filme auch eine gehörige Portion Nostalgie mit im Spiel ist. Dennoch, den Charme dieser Streifen wird doch niemand leugnen wollen, der noch seine fünf Filmsinne beisammenhat. Ein Charme wohlgemerkt, der sich nicht einfach so ins Digitalzeitalter hinübertransportieren lässt, der sich regelrecht dagegen sträubt, in sterilem Videolook wiederaufzuleben, der zeit- und ortsgebunden ist, weil etwas, das in der einen Epoche anheimelnd wirkt eine Epoche später schon bis zur Lächerlichkeit anachronistisch daherkommen kann.

Aber das nur als Anmerkung, denn Picchios Film krankt an einem ganz anderen Problem, nämlich dem, dass der Jungfilmer herzlich wenig aus den Steilvorlagen De Ossorios macht. Vieles von dem, was die reitenden Leichen in den Originalen auszeichnete, wird in CURSE OF THE BLIND DEAD entweder über Bord geworfen oder nur halbherzig angefasst: Offiziell sind sie blind, doch einige POV-Shots zeigen uns, dass sie doch noch eine ganze Menge sehen können; dass sie die fehlende Sehkraft dadurch ersetzen, dass sie sich vom Herzschlag ihrer Opfer lotsen lassen, fällt dadurch ebenfalls unter den Tisch; letztlich wird ihnen zwar eine teilweise innovative Hintergrundgeschichte und ein ungewöhnliches post-apokalyptisches Setting angedichtet, doch wirkliche Erklärungen, die mir den Sinn dahinter auseinandersetzen würde, vermisse ich bis zum Abspann: Was genau soll mit den Babyopferungen bezweckt werden? Weshalb hat sich die Sekte formiert und wie konnten sie die Gebeine der Templer bzw. ihre Burg über die Jahrhunderte hinweg selbst gegen den Weltuntergang verteidigen? Wozu überhaupt möchte diese Sekte die Templer zu neuem Leben erwecken? Da liegen ziemlich viele lose Stränge im Drehbuch herum, die Picchio jedoch für unwesentlich genug hält, dass er sie zu Gunsten endloser Flucht- und Fressszenen in den Hintergrund treten lässt. Dass die reitenden Leichen mit ihren Gummifratzen einiges an Charisma einbüßen, habe ich ja schon ebenso angedeutet wie, dass die Splatter-Effekte zwar handgemacht, jedoch nichtsdestotrotz reichlich selbstzweckhaft und auf Dauer ermüdend sind. Die computergenerierten Szenen indes lassen mir die Haarer zu Berge stehen mit ihrer Video-Game-Ästhetik; die Farbfilter täuschen wenig über die mangelnden Schauwerte hinweg; die Musik habe ich zwar nicht als besonders nervig empfunden, jedoch bereits schon wieder vergessen, - das heißt, bis auf die ein, zwei Takte, wenn Picchio den Originalsoundtrack aus den 70ern von Antón García Abril einspielt, (für dessen Lizenzrechte dann noch einmal viele Lire draufgegangen sein dürften, die man besser an anderer Stelle investiert hätte.)

Alles in allem muss ich diesem wirklich überflüssigen Reboot jedoch trotz meiner Lawine an Kritik attestieren, dass ich mir von einem Film, der unter der Regie Raffaele Picchios entstanden ist, noch viel Schlimmeres erwartet hätte. Sicher, das ist Leichenfledderei auf uninspiriertestem Niveau, doch immerhin verschont mich Picchio mit der abartigen sexualisierten Gewalt aus MORITURIS, und immerhin bewegen sich Kamera und Montage auf routiniert-professionellem Niveau, (ohne freilich zu irgendeinem Zeitpunkt irgendwelche aufsehenerregenden Akzente zu setzen), und immerhin kann man sich für ein, zwei Minuten am Anblick eines zwar etwas an Gewicht gewonnen, jedoch ansonsten recht fit wirkenden Fabio Testi ergötzen, der dann auch jeder einzelnen Leiche, sei sie nun hoch zu Ross oder auf Knochenstelzen unterwegs, die Schau stiehlt. Aber gut, geschenkt: Im Abspann werden Amando de Ossorio und der Romantiker Gustavo Adolfo Bécquer (1836-1870), von dessen phantastischen Erzählungen sich De Ossorio zu seiner Schöpfung inspirieren ließ, prominent aufgeführt. Eine Umdrehung der Beiden in ihrem Grabe halte ich angesichts der Qualitäten von CURSE OF THE BLIND DEAD doch für ziemlich wahrscheinlich.

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