Il Demonio - Brunello Rondi (1963)

Grusel & Gothic, Kannibalen, Zombies & Gore

Moderator: jogiwan

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sergio petroni
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Il Demonio - Brunello Rondi (1963)

Beitrag von sergio petroni »

IL DEMONIO
dem.jpg
dem.jpg (7.11 KiB) 127 mal betrachtet
Alternativtitel: The Demon, Le Demon dans le chair

Herstellungsland-/jahr: ITA 1963

Regie: Brunello Rondi

Darsteller: Daliah Lavi, Frank Wolff, Anna María Aveta, Tiziana Casetti, Dario Dolci, Franca Mazzoni,
María Teresa Orsini, Rossana Rovere, Giovanni Cristofanelli, Nicola Tagliacozzo, Lea Russo, Francesca Farinacci, ...

Story: Wir befinden uns im südlichen Italien, in der Gegend um den Golf von Tarent.
Purificazione, genannt Purif, ist ein ungewöhnliches Mädchen. Sie ist nicht sehr schlau und auch ihr Sozialverhalten erscheint etwas eigen. Außerdem bekennt sie sich zu Praktiken der schwarzen Magie und der Beschwörung Satans und anderer Dämonen.
Und sie ist unglücklich verliebt, in Antonio, der sie als Liebhaberin fallen gelassen hat und nun im Begriff ist, eine andere zu heiraten.
Purif verflucht ihren Antó mehrfach, auch in der Öffentlichkeit. Als sich unheimliche und unerklärbare Ereignisse im Dorf mehren, ist für die Bevölkerung klar, dass die Hexe Purif die Ursache allen Übels ist. Die Lage spitzt sich immer mehr zu und bringt das naive Mädchen in Lebensgefahr...
(quelle: schatten-lichte.blogspot.com)
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“

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Salvatore Baccaro
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Re: Il Demonio - Brunello Rondi (1963)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Wenn ich ein Meisterwerk gesehen habe, läuft es meist wie folgt ab: Während der Filmsichtung bin ich zwar begeistert und zucke wie galvanisiert, doch gehe ich danach relativ ungerührt zum Tagesgeschäft über – im gestrigen Fall: Ich lege mich aufs Bett und lese weiter in Witold Gombrowiczs „Kosmos“, ich wasche das Schmutzgeschirr ab, ich fechte einen Kampf mit dem Drucker aus, der sich partout weigert, die Weißblätter während des Druckvorgangs nicht zu zerfetzen, als seien es Nachthemde in schwül-erotischen 70er Streifen. Dann überkommt es mich plötzlich – es wölbt sich heran wie eine Sturmwelle – und – zack! – bin ich mir bewusst: Du hast gerade einen der besten Filme gesehen, die Dir dieses Jahr – oder vielleicht sogar jemals – untergekommen sind, steigender Puls inbegriffen.

Es handelt sich um ein Frühwerk des zumindest mir bislang nur als Frauenzuchthaus-Filmer der 70er bekannten Brunello Rondi, in der Hauptrolle besetzt mit dem späteren Schlagerstar Daliah Lavi, die zuckt, keucht, tranceartig dahinschreitet, als übe sie entweder für Friedkin oder Zulawski. Der Film selbst ist die glorreichste Mischung aus berührendem Außenseiter-/Sozialdrama, Horrorelementen, schnörkellosem Neorealismus und ethnograpischer Dokumentation, die ihr euch denken könnt. Stellt euch vor, Roberto Rossellini würde zusammen Luigi Di Gianni und Nikos Papatakis einen Film über eine von Dämonen besessene junge Frau im ländlichen Italien drehen, und ihr habt möglicherweise eine vage Vorstellung davon, was für eine idiosynkratische und absolut brillante Mixtur einen bei IL DEMONIO überfällt.

Was für eine wunderholde Schwarzweißphotographie und was für eine atemverschlagende Kulisse irgendwo in Süditalien, wo die Gebäude, die Gebirge, die Gesichter der Laiendarsteller verwittert ineinander überzugehen scheinen. Exorzisierende Priester, verwunschene Bäume in Klostergärten, und eine Hauptdarstellerin, die sich im wahrsten Wortsinn die Seele aus dem Leib spielt. Die Dorfbevölkerung klagt sich nach einer Geißlerprozession ihrer eigenen Sünde auf dem Marktplatz an: Der eine hat seinen Stiefsohn aus dem Haus geworfen und ihn jämmerlich verhungern lassen; der andere schleicht sich nachts zur zehnjährigen Tochter, um sie nackt beim Schlafen zu betrachten. Unsere Heldin Purificata indes kommuniziert mit Dämonen, - was die weitaus größere Verfehlung darstellt für den bigotten Ort, in dem sie sowieso längst zur Schwarzschafherde gehört.

IL DEMONIOs wahre Stärke ist seine Ambiguität: Rondi ist klug genug, uns eben nicht auf dem Silbertablett eindeutige Lesarten seines Films zu präsentieren. Ist Purí wirklich vom Leibhaftigen besessen oder leidet sie unter Zwangsstörungen und Psychosen? Wieso kommuniziert sie mit offenbar bereits verstorbenen Bübchen und weshalb fasziniert sie dieser Baum so sehr, an dem sich ein gewisser Mattheus aufgeknüpft haben soll? Treibt sie das asoziale Verhalten ihrer in Tradition und Aberglaube gefangenen Umwelt erst zur Gewissheit, sie sei eine Hexe, oder haben da wirklich fremde Mädchte ihre Finger im Spiel?

Dass im Vorspann einem Professor für Ethnographie gedankt wird, ist zudem keine Zierde, sondern verweist darauf, dass einzelne Segmente tatsächlich einen unverhohlen dokumentarischen Charakter tragen: Rituale, um das Hochzeitsnachtbett zweier Frischgetrauter vorzubereiten; Rituale, um Gott darum zu bitten, Regenwolken zu verscheuchen; Rituale, um sich die Sünde aus dem eigenen Leib zu peitschen. Eine tote Katze wird einer Hochzeitsgesellschaft entgegengeworfen, um den Bräutigam zu verfluchen.

Weshalb IL DEMONIO nicht wenigstens im Ausland in einer luxuriösen DVD-Edition vorliegt, kann ich mir nicht erklären. Ich habe nun wirklich nicht ALLE italienischen Filme der 60er gesehen, aber von dem, was ich kenne – und dabei sind die arrivierten Autoren wie Visconti, Antonioni oder Fellini explizit miteinbeschlossen –, gehört Rondis Film definitiv zur obersten Speerspitze. Ich wiederhole: Was für ein anrührendes und verstörendes Meisterstück!

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