Mondo Pazzo... gente matta! - Renato Polselli (1966)

Klamauk, Satire & jede Menge Gags

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Salvatore Baccaro
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Mondo Pazzo... gente matta! - Renato Polselli (1966)

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Originaltitel: Mondo Pazzo... gente matta!

Produktionsland: Italien 1966

Regie: Renato Polselli

Darsteller: Franco Latini, Silvana Pampanini, Alberto Bonucci, Franca Polesello, Aldo Bufi Landi, Thea Fleming


In seiner ersten Karrierephase zwischen 1952 und 1966 hat der ab 1972 für seine verfilmten Fieberphantasie berühmt gewordene Renato Polselli eine Reihe ganz unterschiedlicher Filme inszeniert: SOLO DIO MI FERMERÀ von 1957 ist die melodramatische Geschichte eines progressiven Priesters, der gegen den Widerstand der bigotten Gesellschaft ein Jugenddorf für obdachlose Minderjährige gründet; SOLITUDINE von 1961 erzählt eine neorealistisch angehauchte Kain-und-Abel-Geschichte an den Originalschauplätzen eines Fischerstädtchens; ULTIMATUM ALLA VITTA von 1962 nimmt mit seiner Geschichte um eine Gruppe Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs von den nationalsozialistischen Besatzern Italiens in einer Villa interniert werden, geradezu das erst knapp zehn Jahre später virulent werdende NS-Ploitation-Genre vorweg; tja, und bei MONDO PAZZO…GENTE MATTA!, mit dem sich Polselli 1966 für sechs Jahre vom Regiestuhl verabschiedet, handelt es sich nicht etwa um eine spekulative Dokumentation im Fahrwasser von MONDO CANE, sondern um eine bis weit über die Grenzen der Infantilität hinausgreifende Komödie, deren grobe Körperkomik an Albernheit wohl schwerlich noch übertroffen werden kann…

Anfangs gibt der von Polselli höchstselbst ersonnene Film zumindest noch vor, er wolle einer halbwegs nachvollziehbaren Handlung folgen: Fünf mehr oder minder junge Männer sind an einer renommierten Musikhochschule eingeschrieben – offenbar nicht zuletzt auf Wunsch ihrer jeweiligen Freundinnen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass ihre besseren Hälfte eine Glanzlaufbahn als klassische Musikanten oder Komponisten hinlegen. Die Herzen unserer fünf Freunde jedoch schlagen in einem ganz anderen Rhythmus – nämlich dem von trivialer Jazz- und Beat-Musik! An dem konservativen Konversatorium, wo die Lehrerschaft Schumann, Beethoven, Mozart anbetet wie olympische Götter, und man schon mal Stoßgebete an den Heiligen Bach aus Eisenach richtet, ist dies natürlich nicht gern gesehen, weshalb die Bande beschließt, ihrer Leidenschaft dann eben heimlich zu frönen. Hierzu mieten sie einen Tanzclub im Western-Stil, (bei dem es sich offenbar tatsächlich um eine Saloon-Kulisse handelt, die wahrscheinlich in zahllosen Italo-Western verbraten wurde), und proben ihre fetzigen Nummern zusammen mit Seelenverwandten wie einer Sängerin, die vor Aufregung keinen Pieps mehr herausbringt, sowie einem Schlachter, der seine Mußestunden nutzt, um sich im Kühlhaus zwischen Schweinehälften autodidaktisch das Schlagzeugspiel beizubringen. Endlich ist der große Abend gekommen – und verwandelt sich in eine mittelschwere Katastrophe: Zwar kommt der Ohrwurm „Break“ (inklusive eigener Tanzchoreographie) beim Publikum einigermaßen gut an, doch dann entdecken unsere Helden ihre Herzblätter im Auditorium – und es entbrennt eine Slapstick-Prügelorgie, die wirkt, als habe man sämtliche Schlägereiszenen aus einem beliebigen Bud-Spencer/Terence-Hill-Vehikel an einem Stück zusammenmontiert, mit furchtbarer Zirkusklaviermusik unterlegt und in doppelter Geschwindigkeit abspielen lassen. Grün und blau geschlagen von den Liebsten leiden die fünf Burschen nunmehr unter einem strengen Regiment: Jazz, Pop, Beat ist ihnen untersagt; sie sollen sich allein auf ihre Studien konzentrieren! Doch da regt sich Widerstand in ihren Brustkörben und die Jungs proben den Aufstand der unterdrückten Männlichkeit…

…und MONDO PAZZO verliert noch die allerletzten Fetzen von Kohärenz, innerer Logik, Plot, um sich vollends der Abfolge an überdrehten Musiknummern, fragwürdiger Geschlechterverhältnis-Gags und ungezügelten Verneigungen vor der Brachial-Komik des Jahrmarktskinos zu verschreiben. Von all den italienischen Komödien aus den 60ern und 70ern, die ich bislang gesehen habe, dürfte vorliegendes Werk dasjenige sein, das sich am hemmungslosesten einem Humorverständnis ergibt, das es witzig findet, wenn beispielweise zwei Hochschullehrer, die beide kurzsichtig sind, bei der Begrüßung andauernd mit den Stirnen gegeneinander rennen, übereinander purzeln, sich an Deckenbalken und Türkanten stoßen, wenn menschliche Stimmen von quäkenden Blasinstrumenten synchronisiert werden, oder wenn man inflationär den Zeitraffer einsetzt, um Figuren bei ihrem Prügeln, Umherrennen, Tanzen zu beschleunigen – wobei Polselli all diese Kindereien in einer Weise ausspielt, dass MONDO PAZZO beinahe schon wieder surreale Qualitäten erhält: Immer, wenn man denkt, das dürfe es doch nun gewesen sein, und, nein, diesen Kalauer könne man doch nun nicht noch weitertreiben, läuft die fragliche Szene noch mindestens eine Minute länger – und wird allein durch ihr Nicht-Enden-Wollen vielleicht nicht besonders komisch, aber im Gegenzug maßlos verstörend. Höhepunkt des Films ist die bereits erwähnte Saloon-Schlägerei, die mindestens fünf Minuten in Anspruch nimmt, und bei der jeder jedem grundlos die Fresse poliert, Kontrabässer und Klaviere zerdeppert werden, Frauen ihre Männer in plötzlich herumstehenden Särgen einsperren, man Zähne spuckt und sich die Seele aus dem Leib plärrt. Selbst wenn ich nicht wüsste, dass der für dieses Happening verantwortliche Regisseur in den 70ern Filme drehen wird, die noch viel weiter in die Regionen des Wahnsinns vorstoßen, würde ich mich doch fragen, welcher Teufel einen Filmschaffenden denn reitet, derartige Szenen in einer solchen Weise auswalzen – oder sich überhaupt eine solche hanebüchene Story zu ersinnen, in der eine Leidenschaft zur Populärmusik wirkt wie ein perverser Fetisch, den man nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausleben darf, in der Frauen ihre Männer grundsätzlich verdreschen, einsperren, verhöhnen, wenn sie nicht das tun, was sie von ihnen verlangen, und in der die Gesprächsthemen dieser Männer wiederum hauptsächlich darum kreisen, wie man wo welches illegale Konzert veranstalten könne.

Mit MONDO PAZZO ist Polselli – was dann allerdings für ihn spricht, sollte das seine Intention gewesen sein – ein wahrer Mindfuck gelungen. Gerade im Vergleich zu der Handvoll Filme, die ich sonst von seinem Frühwerk kenne, deutet MONDO PAZZO schon mehr als deutlich voraus auf das, was dieser Ikonoklast in den 70ern alles an technisch-ästhetischen Normen und narrativen Sinnstrukturen abfackeln wird. Sich diesen Film an einem Stück anzuschauen, kann zu einer wirklichen Grenzerfahrung werden, - sofern man denn den kritischen Punkt übersteht, an dem man sich einfach physisch erschöpft von dem närrischen Treiben abwenden möchte.

In der Schlussszene beweist Polselli dann übrigens noch, was für ein Genie in ihm steckt: Die beiden Hauptdarsteller Silvana Pampanini und Franco Latini – sie spielt eine unterkühlte Deutsche namens Ruth, die manchmal grundlos Wörter wie „Kartoffel“ schreit; er spielt einen Kontrabassspieler, der den Film größtenteils grimassierend und grapschend bestreitet – sind in einer ihrer Beziehungsstreitigkeiten verheddert. Latini beklagt sich plötzlich: Silvana, wieso kannst Du Dich nicht einmal im Finale unseres Films beherrschen? Tatsächlich schwenkt die Kamera in dem Moment ein bisschen zur Seite und enthüllt die Musikhochschule als Studioset, in dem Techniker umherstapfen und zentnerschwere Scheinwerfer von der Decke baumeln. Von einer Sekunde zur nächsten sind wir aus der Illusion hinauskatapuliert worden: Es ist alles nur ein Film! Dann wird das Bild schwarz – und MONDO PAZZO verweigert uns sogar noch einen richtigen Schluss. Was für ein Werk!

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