At Sea - Peter B. Hutton (2007)

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Salvatore Baccaro
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At Sea - Peter B. Hutton (2007)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: At Sea

Produktionsland: USA 2007

Regie: Peter B. Hutton

Darsteller: Das Frachtschiff "Toledo Spirit", Werftarbeiter, Meereswellen, nordafrikanische Küstenbewohner
Zum Schrottwichteln 2017 habe ich von dem lieben Bux ein wirklich famoses Paket erhalten. Zwischen all den Aufmerksamkeiten wie einem Lehrvideo über die Haltung von Leguanen, einer menschenverachtenden Shockumentary mit dem schlichten, aber sinnigen Titel DEATH und diversen VHS-Artefakten aus der (norddeutschen) Punk- und Pogo-Szene befand sich auch eine rätselhafte DVD namens THE MAKING OF TYPE 183, offenbar ein Werbevideo, herausgegeben von einer gewissen „SAL Schifffahrtskontor Altes Land GmbH & Co. KG“, in dem der Öffentlichkeit deren neuste Schöpfung, „a ,type 183‘ verssel“, präsentiert werden sollte. Für etwa eine Stunde befasst sich das Marketing-Filmchen mit der Konstruktion des titelgebenden Handelsschiffs, beginnend bei den allersten Handgriffen in der J. J. Sietas KG Schiffswerft im Juni 2010 bis zu dem Dezember desselben Jahres, als ihm der letzte Schliff gegeben wird, und es bereit zum Auslaufen ist. Unterlegt werden die regelrecht glattgeschleckten Bilder von Texteinblendungen, die uns nüchtern über die einzelnen Arbeitsschritte informieren, sowie penetranter elektronischer Muzak, die in keiner Sportabteilung eines großen Kaufhauses unangenehm auffallen dürfte. So sehr mich der Film seinerzeit auch fasziniert hat – (ja, ich gestehe: Ich habe mir das echt von der ersten bis zur allerletzten Sekunde angeschaut) –, hatte ich dann doch nie die Muße, etwas darüber zu schreiben: Was soll man dazu auch groß noch sagen? Diejenigen, die irgendwie in den Bau dieses Frachtschiffs involviert gewesen sind, werden sich bei der abschließenden Sichtung des weder ästhetisch noch technisch sonderlich spektakulären Films stolz gegenseitig auf die Schulter geklopft haben, und diejenigen, die weder mit diesem besonderen Schiff etwas zu tun haben noch mit Werftarbeit und Schiffbau im Allgemeinen, werden sich spätestens nach fünf Minuten mit einem gelangweilten Gähnen abwenden.

Umso mehr freut es mich, dass ich nun, bald zwei Jahre später, doch tatsächlich ein Äquivalent zu THE MAKING OF TYPE 183 gefunden habe, über das es sich dann doch lohnt, ein paar Worte zu verlieren, namentlich AT SEA aus dem Jahre 2007, einer der letzten Arbeiten des 2016 verstorbenen Experimentalfilmers Peter B. Hutton, der vor allem für seine stummen Portraits von Städten und Landschaften rund um den Globus bekannt geworden ist. Für AT SEA hat er sich eines Konzepts angenommen, das zumindest in seinem ersten Teil frappierend mit dem des Bux’schen Marketing-Videos übereinstimmt: In irgendeiner europäischen Werft wird ein Frachter namens „Toledo Spirit“ konstruiert. Wir sehen, wie Männer, ameisenklein gegenüber dem Meeresriesen, den Rumpf in anstrengender Kleinstarbeit in eine bestimmte Richtung schieben; wir sehen, wie Männer, käfergroß, von Kränen dem Bug hingehalten werden, damit sie ihn streichen; wir sehen, wie Männer, winzig wie Amöben, in Gerüsten herumkraxeln, die selbst schon wirken wie Hochhausskelette. So sehr die ersten zwanzig Minuten von AT SEA damit THE MAKING OF TYPE 183 rein inhaltlich gleichen mögen, so sehr klaffen Welten zwischen dem pausenlos pumpenden Elektro-Score des Werbevideos und Huttons ungleich spröderem Zugriff auf die Thematik: Es erinnert mich beinahe an die frühen kinematographischen Experimente von Edison oder den Lumières, wenn Hutton seiner Kamera konsequent jedwede Schwenk- oder Fahrtbewegung, selbst jeden Zoom verweigert, und wenn er die Tonspur ebenso konsequent leer belässt. Tatsächlich werden wir die knappe Stunde, die AT SEA dauert, keinen einzigen Mucks zu hören bekommen. Die Macher des Werbefilms wollen uns für ihre Schöpfung begeistern, wohingegen Hutton mich eher mit einem Gefühl der Ohnmacht zurücklässt. So intensiv betrachtet, so verloren in Detailaufnahmen, mal aus allernächster Nähe, sodass man die Dimensionen des Schiffs kaum abzuschätzen vermag, dann wieder in Totalen, die erst recht die Monstrosität dieses Ozeankolosses offenlegen, kann Huttons Dokumentation gar nicht anders, als über ihren reinen Bildinhalt hinausgreifen, und uns mit existenzialistischen, dystopischen, science-fiction-artigen Eindrücken zu konfrontieren.

Was die Macher von THE MAKING OF TYPE 183 nicht interessiert, das ist, wie sich ihr Vessel dann auf hoher See schlagen wird. Es scheint allgemeiner Konsens, dass solch ein tolles Gefährt unbeschadet die Weltmeere überquert, wie sollte es auch anders sein? Hutton widmet der Fahrt seiner „Toledo Spirit“ indes den gesamten Mittelteil: Fix montiert am Mast des Schiffes begleiten wir es hinaus auf den Ozean, bei Regen, bei Sturm, bei Schnee, bei stiller See, unter uns zahllose kunterbunte Container, vor uns der grenzenlose Horizont. Mal schießt sich Huttons Kamera auf die Fahrrinne ein, die das Schiff wie einen Schlangenschweif hinter sich herzieht; mal betrachtet er Lichtphänomene, die die unter- oder aufgehende Sonne aufs Meer zaubert. Immer mal wieder wird die Grenze zur Abstraktion überschritten: Die im Wellengang schaukelnde braunlackierte Reling, die zuweilen mit der Meeresoberfläche zwei parallel verlaufende Linien bildet, das könnte auch irgendein konstruktivistisches Gemälde sein, oder die sich filigran kräuselnden Wellenmassen, mal tiefschwarz, mal hellblau, das sind wuselnde monochrone Farbflächen, die einen zum Sich-Verlieren einladen. Nun weiß ich, woher Helene Wittmann möglicherweise die Inspiration für den Mittelteil ihres Spiel- und Dokumentarfilm-Hybriden DRIFT (2017) herhat: Nur untermalen bei Frau Wittmann dumpfe Drones die meditativen Ozean-Bilder, während sie bei Hutton, wie bereits erwähnt, ohne jedweden Begleit-Sound auskommen. Spätestens jetzt, wo das Schiff zwar den Mittelpunkt der Reise allein dadurch bildet, dass es der Kamera als Arm und Schienen dient, sich selbst jedoch nicht länger im Fokus dieser Kamera befindet, haben wir auch die Trivialitäten von THE MAKING OF TYPE 183 längst hinter uns gelassen.

In seiner letzten Viertelstunde wendet sich AT SEA dann sogar noch zu einer regelrechten Anti-Thesis solch oberflächlicher, reflexionsbefreiter Filme wie THE MAKING OF TYPE 183: Sein Triptychon aus Geburt und (Lebens-)Reise beschließt Hutton nämlich folgerichtig mit dem Tod des Schiffs. Nach einem Schnitt finden wir es gestrandet vor der nordafrikanischen Küste. Nun erinnert es erst recht an bemitleidenswerte Wale, die es aus eigenem Antrieb nicht mehr zurück ins Meer schaffen. Einer schwimmenden Ruine gleich ist inzwischen seine einstmals grellrote Farbe abgeblättert, seine stählerne Haut verrostet, sein Deck menschenleer. Allerdings nähern sich aus dem Landesinnern Besucher dieses wahren Friedhofs für leckgeschlagene Meeresfahrzeuge: Angesichts der unverminderte Größe des "Toledo Spirits" und seiner Schicksalsgenossen erneut ameisenkleine Männer, die durchs Meer waten, um Schiffsteile einzusammeln, die Seile auswerfen, um das Wrack weiter an Land zu zerren, die einfach nur sinnierend vor dem gefällten Giganten stehen. Dass Huttons Farbphotographie jäh ins Schwarzweiße wechselt, trägt nur zu der morbid-melancholischen Stimmung bei, die die letzten Minuten von AT SEA durchweht. Emotional am meisten bewegt hat mich aber, wohl von Hutton beabsichtigt, seine Finaleinstellung: Während die Kamera bis hierhin eine unsichtbare Existenz geführt hat, werden die afrikanischen Schiffsbesucher auf einmal aufmerksam auf sie. Man grinst in die Linse, winkt, wirft sich in Pose, ebenfalls genau so wie wir das aus den frühsten kinematographischen Dokumenten eines Edison oder Lumière kennen, wenn eine beliebige Passanten-Menge um 1900 plötzlich die Kamera in ihrer Mitte bemerkt. Nun steht erstmal der Mensch im Mittelpunkt, nicht mehr seine Behelfsmittel zur Welteroberung.

Wie soll man AT SEA interpretieren? Als Allegorie auf den Untergang der westlichen Zivilisation, die zerschellt an der Küste Afrikas? Als Anklage gegenüber dem Zivilisationsmüll, der, in minutiöser Feinarbeit verfertigt, dann doch nur als Unrat am Strand eines Landes der sogenannten „Dritten Welt“ endet? Als Ausdruck eines De-Poetisierungsprozesses, mit dem unsere alltägliche Wirklichkeit, und sei es schnödes Werftmalochen, durch Einsatz filmischer Mittel zumindest visuell verzaubert werden soll? Festeht: Wenn Hutton der Kurzsichtigkeit, oder, falls man die Faust etwas fester ballen möchte, Verlogenheit eines Produkts wie THE MAKING OF TYPE 183, das sein angeblich anpreisungswürdiges Endprodukt mit stilisierten Bildern über den grünen Klee lobt, und dabei ganz bewusst jedwede sozioökonomischen und globalpolitischen Implikationen ausblendet, mit dem denkbar simpelstem Formalismus entgegentritt, dann um einen Reflexionsprozess anzuregen, den ich einmal als fundamentale Differenz zwischen Werbung und Kunst bezeichnen würde: Die eine wiegt mich in Sicherheit, die andere führt dazu, dass ich unsichere Zeilen wie diese tippe. Toller Film!
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Salvatore Baccaro
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Re: At Sea - Peter B. Hutton (2007)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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buxtebrawler
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Re: At Sea - Peter B. Hutton (2007)

Beitrag von buxtebrawler »

Schön, dass die Verwichtelung von THE MAKING OF TYPE 183 letztlich zu einer solch lesenswerten Abhandlung zu einem ganz anderen Film geführt hat. :D
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)
Diese Filme sind züchisch krank!
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