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Originaltitel: Signal 30
Produktionsland: USA 1959
Regie: Richard Wayman
Darsteller: Unfallopfer auf US-amerikanischen Highways, Polizisten, Sanitäter
Abt.: Unglaublichkeiten...
Vor einigen Jahren hatte tatsächlich auch ich mal versucht, mir einen Führerschein anzulachen. Ein Faktor, der mir die sowieso nur halbherzigen Ambitionen jedoch früh vergällte, das waren diese unsägliche Lehrvideos, die man uns in jeder Theoriestunde vorsetzte. Da sah man, unterlegt mit garstigem Konserven-Muzak, wandelnde Klischeebilder der frühen 90er mit Vokuhila und bis zu den Waden hochgezogenen Socken, die beim Aufsagen ihrer gestelzter Dialoge andauernd Gefahr liefen, sich sämtliche Knochen im Leib zu brechen, und die sich mit solchen Problemen herumschlagen mussten, wie der Frage, mit wie viel Gewicht man das Dach eines handelsüblichen PKWs beladen darf, und wie man eigentlich den Warnblinker setzt, wenn man unterwegs eine Reifenpanne hat. Jedes Mal, wenn meine potentiellen Identifikationsfiguren auf dem Fernsehschirm in derartig brenzlige Lagen gerieten, tauchte dann eine weitere, meist etwas ältere Figur, bspw. ein Vater oder ein weiser Nachbar, als deus ex machine auf, und ratterte genau die Lehrinhalte herunter, die sich mir während der jeweiligen Sitzung ebenfalls im Kopf festsetzen sollten: So und soviel Kilogramm, nicht mehr!, und: Erst diesen Schalter, dann jenen usw.
Es scheint allerdings – zumindest in den Vereinigten Staaten – einmal eine Zeit gegeben haben, in der man als Fahrschüler ganz anderen Filmchen ausgeliefert worden ist: In SIGNAL 30, einem „Driver Education Film“, den die Highway Safety Foundation von Ohio 1959 produziert hat – und bei dem es sich um den berühmtesten, wenn nicht berüchtigsten dieser mittlerweile marginalisierten Kaste von ästhetischen Artefakten handelt –, beispielweise gibt es, im Gegensatz zu den mir fünfzig Jahre später vorgesetzten visuellen Unterrichtseinheiten, kaum etwas zu lachen – und zwar weder für die Protagonisten innerhalb des Films noch, denke ich mir, für die bemitleidenswerten jungen Leute, die diese Todesparade seinerzeit eine halbe Stunde lang ertragen mussten.
Ein Reifenquietschen, schrill wie die Streicher, die spätere Szenen des Films untermalen werden, ein lauter Knall, und schon sehen wir ein demoliertes Autowrack, aus dem ein lebloser Jüngling herausbaumelt. Eine Texttafel lässt keine Zweifel an der Authentizität dieses Bildes: „SIGNAL 30 is not a Hollywood production as can readily be seen. The quality is below their standards. However, most of these scenes were taken under adverse conditions, nothing has been staged. These are actual scenes taken immediately after the accidents occurred. Also unlike Hollywood our actors are paid nothing. Most of the actors in these films are bad actors and received top billing only on a tombstone. They paid a terrific price to be in these movies, they paid with their lives.”
Signal 30, das ist, erklärt der Film uns ebenfalls recht früh, jener Code, der Polizeibeamten und Sanitätern anzeigt, dass sie zu einem schweren Autounfall gerufen werden. Genau dorthin folgen wir in winzigen Vignetten nunmehr den Streifen- und Krankenwagen Ohios – und bekommen dabei so ziemlich alles präsentiert, was man sich als Aftermath eines Car Crashs vorstellen kann: Verbrannte Körper, die kaum noch als die eines Menschen identifiziert werden können; Verletzte und Verwundete, die es aus ihren Vehikeln auf die Fahrbahn geschleudert hat; Autos, die sich wie bei einer Umarmung hufeisenförmig um einen Baum schmiegen; einen PKW, der mit einem Lastzug kollidiert ist; Blutlachen und Blutschlieren auf dem Asphalt. Originalton gibt es keinen, dafür überlaut eingespielte Polizeisirenen als akustisches Leitmotiv, und einen Sprecher, der mit trockener Stimme und mit permanent drohendem Zeigefinger die schaurigen Bilder mit der Agenda des Films koppelt.
Niemals sind es einfach nur Unfälle, persönliche Katastrophen, schwere Schicksalsschläge, die den zumeist jungen Leuten widerfahren. Man spricht von einem “apocalyptic flight into oblivion," einem “carnage of twisted metal and destroyed flesh" oder einem “offering to the great God Speed”. Außerdem wird, gemäß einer düsteren Didaktik, jeder Tragödie ein bestimmter Grund zugewiesen: Der eine Fahrer war leichtsinnig genug, seinen Sicherheitsgurt nicht festzuzurren; ein anderer soll mit der zu fahrenden Strecke zu sehr vertraut gewesen sein, wodurch seine Selbstsicherheit in Unachtsamkeit umschlug; manche sind betrunken oder übermüdet, andere haben ihre Lust daran, das Gaspedal über Gebühr durchzutreten. Dass all diese Ursachen offenkundig purer Spekulation, wenn nicht bloßer Fabrikation entsprungen sind, dürfte genauso klar sein wie, dass die angepeilte Schock-Taktik dem Film – wenigstens aus heutiger Sicht – mehr als ein Bein stellt: Diese tiefschwarze, zynische, überzogene Rhetorik führt letztlich nämlich nirgendwohin – außer zu der ständig repetierten Phrase: „Think, young man, think again!“
Ich glaube eher, den meisten Fahrschülern, denen man in den 50ern und 60ern einen solchen Film vorgesetzt hat, ist es ergangen wie meiner Gymnasialklasse, als unser damaliger Biolehrer unbedingt meinte, uns ein Warnvideo über die Gefahren des Rauchens inklusive detailfreudiger Aufnahmen von krebsverseuchten Lungen zu zeigen: Die Hälfte der Klasse ist vor Schreck erstmal in den Pausenhof gehuscht, um eine zu quarzen.
Nachdem Filme wie SIGNAL 30 – (federführend betreut übrigens von einem gewissen Richard Wyman, der, behaupten zumindest Kerekes und Slater in ihrem Grundlagenwerk zu Tod und (Exploitation-)Kino, KILLING FOR CULTURE, „a Cleveland, Ohio, businessman“ gewesen sei, „who had no formal relationship with road safety or photography but liked to snap pictures of automobile accidents“, und der später noch vergleichbare Werke wie MECHANIZED DEATH (1961) oder WHEELS OF TRAGEDY (1963) ins Leben gerufen hat) –, ihr Pulver dahingehend verschossen hatten, dass sie ganzen Generationen von Führerscheinanwärtern den Schlaf geraubt haben, erlebten sie ab den 80ern übrigens eine zweite Karriere im Schockumentary-Sektor: IMAGES OF DEATH: HIGHWAY OF BLOOD heißt zum Beispiel eins dieser einzig aus Archivbildern zusammengestückelten Tapes, deren Intention es ausschließlich ist, ihrem Publikum die Mägen von den Füßen auf den Kopf zu stellen – und es wundert mich kein bisschen, dass dort in kollegialer, wenn nicht sogar geschwisterlicher Verbundenheit sowohl Szenen aus SIGNAL 30 wie auch aus FACES OF DEATH nebeneinander platziert sind.
So schließt sich einmal mehr der Kreis – und nein, ich glaube nicht, dass mich Filme vom Kaliber des vorliegenden länger an meine Fahrschule hätten binden können als es diese vergleichsweise gar nicht mal so furchtbaren 90er-Lehrvideos mit Vokuhila, weißen Socken hoch bis zu den Waden, und malträtierender Plastik-Mucke getan haben…
Es scheint allerdings – zumindest in den Vereinigten Staaten – einmal eine Zeit gegeben haben, in der man als Fahrschüler ganz anderen Filmchen ausgeliefert worden ist: In SIGNAL 30, einem „Driver Education Film“, den die Highway Safety Foundation von Ohio 1959 produziert hat – und bei dem es sich um den berühmtesten, wenn nicht berüchtigsten dieser mittlerweile marginalisierten Kaste von ästhetischen Artefakten handelt –, beispielweise gibt es, im Gegensatz zu den mir fünfzig Jahre später vorgesetzten visuellen Unterrichtseinheiten, kaum etwas zu lachen – und zwar weder für die Protagonisten innerhalb des Films noch, denke ich mir, für die bemitleidenswerten jungen Leute, die diese Todesparade seinerzeit eine halbe Stunde lang ertragen mussten.
Ein Reifenquietschen, schrill wie die Streicher, die spätere Szenen des Films untermalen werden, ein lauter Knall, und schon sehen wir ein demoliertes Autowrack, aus dem ein lebloser Jüngling herausbaumelt. Eine Texttafel lässt keine Zweifel an der Authentizität dieses Bildes: „SIGNAL 30 is not a Hollywood production as can readily be seen. The quality is below their standards. However, most of these scenes were taken under adverse conditions, nothing has been staged. These are actual scenes taken immediately after the accidents occurred. Also unlike Hollywood our actors are paid nothing. Most of the actors in these films are bad actors and received top billing only on a tombstone. They paid a terrific price to be in these movies, they paid with their lives.”
Signal 30, das ist, erklärt der Film uns ebenfalls recht früh, jener Code, der Polizeibeamten und Sanitätern anzeigt, dass sie zu einem schweren Autounfall gerufen werden. Genau dorthin folgen wir in winzigen Vignetten nunmehr den Streifen- und Krankenwagen Ohios – und bekommen dabei so ziemlich alles präsentiert, was man sich als Aftermath eines Car Crashs vorstellen kann: Verbrannte Körper, die kaum noch als die eines Menschen identifiziert werden können; Verletzte und Verwundete, die es aus ihren Vehikeln auf die Fahrbahn geschleudert hat; Autos, die sich wie bei einer Umarmung hufeisenförmig um einen Baum schmiegen; einen PKW, der mit einem Lastzug kollidiert ist; Blutlachen und Blutschlieren auf dem Asphalt. Originalton gibt es keinen, dafür überlaut eingespielte Polizeisirenen als akustisches Leitmotiv, und einen Sprecher, der mit trockener Stimme und mit permanent drohendem Zeigefinger die schaurigen Bilder mit der Agenda des Films koppelt.
Niemals sind es einfach nur Unfälle, persönliche Katastrophen, schwere Schicksalsschläge, die den zumeist jungen Leuten widerfahren. Man spricht von einem “apocalyptic flight into oblivion," einem “carnage of twisted metal and destroyed flesh" oder einem “offering to the great God Speed”. Außerdem wird, gemäß einer düsteren Didaktik, jeder Tragödie ein bestimmter Grund zugewiesen: Der eine Fahrer war leichtsinnig genug, seinen Sicherheitsgurt nicht festzuzurren; ein anderer soll mit der zu fahrenden Strecke zu sehr vertraut gewesen sein, wodurch seine Selbstsicherheit in Unachtsamkeit umschlug; manche sind betrunken oder übermüdet, andere haben ihre Lust daran, das Gaspedal über Gebühr durchzutreten. Dass all diese Ursachen offenkundig purer Spekulation, wenn nicht bloßer Fabrikation entsprungen sind, dürfte genauso klar sein wie, dass die angepeilte Schock-Taktik dem Film – wenigstens aus heutiger Sicht – mehr als ein Bein stellt: Diese tiefschwarze, zynische, überzogene Rhetorik führt letztlich nämlich nirgendwohin – außer zu der ständig repetierten Phrase: „Think, young man, think again!“
Ich glaube eher, den meisten Fahrschülern, denen man in den 50ern und 60ern einen solchen Film vorgesetzt hat, ist es ergangen wie meiner Gymnasialklasse, als unser damaliger Biolehrer unbedingt meinte, uns ein Warnvideo über die Gefahren des Rauchens inklusive detailfreudiger Aufnahmen von krebsverseuchten Lungen zu zeigen: Die Hälfte der Klasse ist vor Schreck erstmal in den Pausenhof gehuscht, um eine zu quarzen.
Nachdem Filme wie SIGNAL 30 – (federführend betreut übrigens von einem gewissen Richard Wyman, der, behaupten zumindest Kerekes und Slater in ihrem Grundlagenwerk zu Tod und (Exploitation-)Kino, KILLING FOR CULTURE, „a Cleveland, Ohio, businessman“ gewesen sei, „who had no formal relationship with road safety or photography but liked to snap pictures of automobile accidents“, und der später noch vergleichbare Werke wie MECHANIZED DEATH (1961) oder WHEELS OF TRAGEDY (1963) ins Leben gerufen hat) –, ihr Pulver dahingehend verschossen hatten, dass sie ganzen Generationen von Führerscheinanwärtern den Schlaf geraubt haben, erlebten sie ab den 80ern übrigens eine zweite Karriere im Schockumentary-Sektor: IMAGES OF DEATH: HIGHWAY OF BLOOD heißt zum Beispiel eins dieser einzig aus Archivbildern zusammengestückelten Tapes, deren Intention es ausschließlich ist, ihrem Publikum die Mägen von den Füßen auf den Kopf zu stellen – und es wundert mich kein bisschen, dass dort in kollegialer, wenn nicht sogar geschwisterlicher Verbundenheit sowohl Szenen aus SIGNAL 30 wie auch aus FACES OF DEATH nebeneinander platziert sind.
So schließt sich einmal mehr der Kreis – und nein, ich glaube nicht, dass mich Filme vom Kaliber des vorliegenden länger an meine Fahrschule hätten binden können als es diese vergleichsweise gar nicht mal so furchtbaren 90er-Lehrvideos mit Vokuhila, weißen Socken hoch bis zu den Waden, und malträtierender Plastik-Mucke getan haben…