The Magician - Rex Ingram (1926)

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Salvatore Baccaro
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The Magician - Rex Ingram (1926)

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Originaltitel: The Magician

Produktionsland: USA 1926

Regie: Rex Ingram

Darsteller: Paul Wegener, Alice Terry, Ivan Petrovich, Henry Wilson, Firmin Gémier, Gladys Hamer
Ein wahrlich seltsamer Film, mal wieder…

1926 befindet sich Hollywood-Regisseur Rex Ingram in Nizza, wo er eine Art koloniale Außenstelle von MGM betreibt, und mit der Sommerset-Maugham-Adaption THE MAGICIAN einen der eigenartigsten, sprich, eklektischsten, inkonsistentesten stummen Schauerfilme auf die Beine stellt, die mir in meinem kurzen Leben bislang untergekommen sind:

Wenn Paul Wegener als knapp fünfzigjähriger Medizinstudent nicht mit den Augen rollt oder den Beweis für seine Künste als Hypnotiseur zu beweisen versucht, indem er Bisswunden giftiger Schlangen wie von Geisterhand vom eigenen Arm verschwinden lässt, (wobei das ebenfalls von Ingram verfasste Skript zumindest mir nicht plausibel erklärt hat, was das Verschwindenlassen einer tödlichen Wunde nun mit Hypnose zu tun haben soll), blättert er in den verstaubten Folianten der Bibliothek seiner Pariser Universität, wo ihn besonders das Rezept interessiert, wie man einen Homunkulus erschaffen kann. Leider verrät uns der Film von den erforderlichen Ingredienzien nur eins – nämlich das Blut einer Jungfrau –, aber, immerhin, als Ausgangspunkt für ein turbulentes Szenarios, das unbekümmert europäische Schauerromantik-Versatzstücke mit Groschenroman-Sensationen wie Verfolgungsjagden und Mad-Scientisti-Laboratorien, Reminiszenzen an den deutschen Stummfilmexpressionismus und gar Antizipationen der späteren Hollywood-Horrorklassiker der Universal mixt, dient ein solcher Aufhänger allemal.

Zumal der selbsternannte Magier Oliver Haddo mit der Bildhauerin Margaret Dauncey bereits ein potentielles Opfer gefunden hat, als diese von dem Star-Chirurgen Arthur Burden vor Augen der versammelten Studentenschaft von einer Lähmung geheilt worden ist, die ihr eine von ihr geschaffene Satyr-Steinstatue bei ihrem Auseinanderbrechen verursacht hat. In der Folge verliebt sich Margaret zwar in ihren Heiler, und die beiden tauschen romantische Blicke im Klinikpark, doch Oliver Haddo ist nicht weit, um als neuer Mephisto böse Schatten über das junge Glück zu werfen – beispielweise, wenn er in einer sehr plakativ metaphorischen Szene unserer Heldin eine Rose reicht, an der die sich natürlich sofort die Handfläche zerschlitzt. Ein böses Omen, das allerdings nur sacht auf das vorverweist, was noch kommen soll.

Gerade weil THE MAGICIAN die hemmungslose Kreativität, mit der er alle erdenklichen Ideen zusammenschmeißt, kaum einmal wirklich im Zaum zu halten vermag, hat mich dieser Film so sehr begeistert. Natürlich hat Oliver Haddo einen kleinwüchsigen, buckligen Diener, der ihm in seiner natürlich in einer angeblich verwunschenen Burgruine untergebrachten Forschungsstation beflissen zur Hand geht; natürlich trifft eine junge Zirkusdame, die einem Matrosen schöne Augen macht, sofort das obligatorische Schicksal promiskuitiver Horror-Heroinen, indem sie die bereits erwähnte Giftnatter zur Strafe totbeißt; natürlich bleibt Oliver Haddos Budenzauber recht vage, sprich, der Film entscheidet sich nie, ihm seine Schwarzen Künste wirklich zuzugestehen, sondern lässt immer noch die Tür offen, es könne sich bei dem exaltiert agierenden Kerl auch um einen Scharlatan halten. Zwar gilt das auch für meine liebste Szene des Films – denn immerhin ist es möglich, dass Margaret in dieser auch wegen der Wunderkräuter halluziniert, die Haddo in ihrer unmittelbaren Nähe abfackelt –, aber, andererseits, schlägt die Chose dort derart über die Stränge, dass meine Kinnlade selbst jetzt in der Erinnerung kaum zurück nach oben will: Haddo, der Margaret unter seine hypnotische Gewalt bringt, um sie zu entführen und für seine fragwürdigen Experimente im wahrsten Wortsinne auszuschlachten, gewährt unserer Heldin einen Blick geradewegs in die Hölle: Dort erwacht ihr steinerner Satyr zu einem Lüstling aus Fleisch und Blut, der vor der Kulisse züngelnder Fegefeuer eine junge Dame verschleppt, und… Aber nein, das muss man echt mit eigenen Augen gesehen, und, nein, Vergleiche zu mancher Sequenz in Christensens HÄXAN oder zum 1911er L’INFERNO sind wirklich nicht (nur) meinem momentanen verzückten Übermut geschuldet.

Wer Augen hat, zu sehen, der sollte an dieser irrwitzigen Frühform des Horror-Kinos nicht vorbeischauen, beim besten Willen…
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