Ödipussi - Vicco von Bülow (1988)

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Maulwurf
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Ödipussi - Vicco von Bülow (1988)

Beitrag von Maulwurf »

 
Loriots Ödipussi
Deutschland 1988
Regie: Vicco von Bülow
Vicco von Bülow, Evelyn Hamann, Katharina Brauren, Edda Seippel, Richard Lauffen, Klaus Schultz, Walter Hoor, Rosemarie Fendel, Hans-Günter Martens, Heinz Meier, Erich Schwarz, Udo Thomer, Joerg Adae, Eberhard Fechner, Dagmar Biener, Rose Renée Roth, Agi Prandhoff


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OFDB

Wenige haben es geschafft, die Sprachlosigkeit der bürgerlichen Kommunikation so zu offenbaren wie Loriot. Gerhard Polt würde mir da noch einfallen, der aber einen anderen, oft brutaleren Stil, an den Tag gelegt hat. Loriot hingegen hat wie kaum ein Zweiter Menschen einander gegenüber gestellt, und deren Kommunikation, richtiger: Dis-Kommunikation, auf die satirische Spitze getrieben. Und oft genug ist nicht klar, ob man da nun lachen oder weinen soll. Oder beides …

Der 56-jährige Paul Winkelmann ist Geschäftsführer der Firma Winkelmann und Söhne, eines Möbel- und Dekorationsgeschäftes. Er lebt allein in einer kleinen Wohnung, aber in seinem Herzen ist seine Mama die alles bestimmende Frau. Er isst bei der Mama, sie bügelt seine Hemden (selbstverständlich freiwillig), sie bestimmt sein Leben. Nein, anders: Er lässt sie sein Leben bestimmen, und ist dabei auch glücklich. Oder zumindest ist es das, was er als Glück empfindet. Auf eine bestimmte Weise eine recht deutsche Art von Glück, sein Leben in Ruhe und Ordnung führen zu lassen. Doch als er die Diplom-Psychologin Margarethe Tietze kennenlernt offenbart sich ihm eine ganz andere Art Frau: Nicht die dominante Frau Mama mit ihren impertinenten Freundinnen, sondern eine Frau in seinem Alter, die genauso wie er an der Gefühlslosigkeit der modernen Welt zu schlucken hat, und mit ihren Unsicherheiten und Komplexen genauso allein ist wie Paul. Man lernt sich kennen, man arbeitet miteinander (oder sowas ähnliches), man geht miteinander essen (oder sowas ähnliches), und als Paul zu seinem Lieferanten nach Italien fährt, kommt Margarethe für das Wochenende mit. Auch wenn es nie ausgesprochen wird: Irgendwann mag man sich …

Ja, man muss tatsächlich konstatieren, dass der Film leicht gealtert ist. Solche Menschen wie hier gezeigt, solche Menschen sind mittlerweile anscheinend ausgestorben. Oder wann wurden das letzte Mal alte Damen mit überstarkem Selbstbewusstsein und weißen Hüten beim Konditor gesehen? Oder ältere, komplexbehaftete Männer im hellen Leinenanzug? Selbst in der Geschäftswelt sind lockeres Auftreten und genauso lockere Kleidung mittlerweile gang und gäbe, der von Loriot dargestellte Typ Mann ist in den letzten knapp 30 Jahren irgendwie ausgestorben.

Aber ob das auch für das Miteinander gilt? Dialoge wie „Man könnte ja auch …“ „Das wollte ich auch …“ „Aber ja …“, gibt es so etwas noch? Oder gab es so etwas überhaupt jemals außerhalb des Loriot’schen Kosmos? Loriot hat in seinen Fernsehsketchen genauso wie in den Kinofilmen die Hölle des gutbürgerlichen Alptraums karikiert, ohne jemals in die Abgründe etwa eines Luis Buñuel zu fallen (wobei natürlich gilt, dass zumindest die vom späteren Buñuel dargestellte französische Gesellschaft grundsätzlich anders funktioniert hat als die von Loriot dargestellte bundesdeutsche Gesellschaft). Man sitzt nebeneinander, man redet nebeneinander, und wenn zufällig einmal zwei aufeinanderfolgende Sätze etwas miteinander zu tun haben wundert man sich als Zuschauer schon (Was von Buñuel zugegeben gar nicht so weit weg ist). Die Vereinssitzung des Vereins für Karneval trotz Frau und Umwelt (oder sowas ähnliches) ist da genau diese Dialog-Hölle, von der ich nicht weiß, ob sie schmerzhafte Realität ist, haarscharf daran vorbeigeht, oder sich einfach nur in Grotesken ergeht. Aber bei Loriot gab es diese Realität, und da funktionierte sie vortrefflich: Margarethe sitzt im italienischen Lokal, das gerade französische Woche hat, und weiß nicht was die Begriffe auf der Speisekarte bedeuten. Paul fragt daraufhin den deutschsprachigen Kellner, der mit langen französischen Begriffen antwortet, und Paul gibt das lange Französisch dann als Quasi-Übersetzung an Margarethe weiter, während der Kellner angestrengt-gelangweilt den Luftraum über den Gästen überwacht. Lachen oder Weinen?

Wenn ich sage, dass ÖDIPUSSI leicht gealtert ist, dann meine ich damit nicht die Komik, sondern wirklich und nur die dargestellten Charaktere. Der Humor im Gegenteil wird mit zunehmendem Alter des Zuschauers sogar immer besser und spitzer. Wie ich damals, Ende der 80er, aus dem Kino kam, fand ich den Film nett, aber bei weitem nicht an das Niveau der Loriot’schen Fernsehunterhaltung heranreichend. Mittlerweile, im fortgeschritteneren Alter, bemerke ich viele kleine Fiesheiten, die in den früheren Sichtungen scheinbar nicht vorhanden waren. Ob ich in 20 Jahren vor brüllend-lachendem Entsetzen vom Sofa falle, wenn ich mich selber in Paul Winkelmann erkennen werde (was ja jetzt bereits ansatzweise der Fall ist)? Bis dahin bleibt ÖDIPUSSI auf jeden Fall gut, wenngleich mit Hang zum schrecklich-gut …

7/10
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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