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Tony Arzenta ist ein Top-Killer der Familie Gusto, und Tony Arzenta ist außerdem auch ein sehr liebevoller Familienvater. Und gerade weil ihm seine Familie sehr am Herzen liegt will er aus dem Geschäft aussteigen. Sein väterlicher Freund Gusto hätte damit nur wenig Probleme, aber Gustos Partner müssen auch zustimmen – und die wollen nicht! Zu groß scheint ihnen das Risiko, dass Arzenta plaudert. Um dieses Risiko auszuschließen soll er mit einer Bombe ins Jenseits geschickt werden, doch die Bombe trifft aus Versehen Arzentas Frau und Sohn, und er selbst muss dabei auch noch zuschauen. Nun ja, viele Jahre als eiskalter Killer einer Mafiafamilie schulen einen Mann vor allem in einem: Gnadenlos zu töten. Arzenta reist quer durch Europa, um die Bosse der großen Familien auszulöschen.
So weit der Inhalt, und so weit klingt das auch irgendwie relativ vorhersehbar. Es ist klar, dass die Bombe die Familie treffen wird, und es ist klar, dass Arzenta die Blutwurst macht. Aber auf das Wie kommt es an, und da könnte man sich verschiedene Möglichkeiten ausmalen.
Eine Option wäre zum Beispiel, dass Delon ununterbrochen mit der Knarre in der Hand den Keoma macht, halb Europa in Schutt und Asche legt, und der Zuschauer vor lauter Geknalle irgendwann selig einschläft.
Regisseur Duccio Tessari wählt einen anderen Weg. Ruhige Momente, Dialoge voller Nachdenklichkeit, und einen Killer, der im Angesicht seiner eigenen Rache keine Lust mehr hat zum sinnlosen Töten. Umso heftiger bricht dann die Brutalität in die (filmische) Wirklichkeit, bahnen sich Hass und Spaß am Töten ihren Weg. Das Martyrium von Tony Arzentas Freunden ist schrecklich mitanzusehen, und das miese Lachen der Folterknechte umso mehr. Schmierige, boshafte Menschen die hässliche Dinge tun. Allein der Killer der während Arzentas Abwesenheit auf Sandra aufpasst – Was für ein widerliches Stück Mensch! Und was für eine herausragende Leistung des Schauspielers!!
Wenn ich dann auf der OFDB sehe, dass der von mir sehr geschätzte Matthias Merkelbach den Film als Noir einordnet, beginnen bei mir die Gedanken loszurennen. Warum soll TONY ARZENTA ein Noir sein? Ein Mann, der durch das Schicksal von allem getrennt wird was ihn zum Menschen macht, und der eine einsame Rache in der Unterwelt auszuüben hat. Der prinzipiell erstmal ein böser Mensch ist, ein Killer, und damit im klassischen Sinne nicht als „Held“ dienen kann, bekommt unsere Sympathie und unser Mitleid, und schenkt uns als Zuschauer im Gegenzug so manch memorablen Augenblick, wenn er in der Unterwelt aufräumt. Dass Alain Delon dabei rein prinzipiell nur seine Standardrolle als Auftragsmörder abliefert? Dass die Nebenfiguren oft dem Klischee entsprechen? Geschenkt, und vor allem lassen uns die Schauspieler solche Gedanken ganz schnell vergessen. Bis in die kleinen Nebenrollen exquisit besetzt, ist TONY ARZENTA gleichzeitig ein Genrefilm und Schauspielerkino wie man es immer wieder gerne sieht. Alain Delon als Tony Arzenta, gequält und getrieben, sich vor sich selbst ekelnd und doch keinen Ausweg mehr wissend. Carla Gravina als Sandra, die ihm beisteht, der er beisteht, und die für ihn schlimmste Dinge bereit ist auszuhalten. Giancarlo Sbragia als Tonys Freund Luca Dennino, heimlicher König der Kopenhagener Unterwelt und möglicherweise Mittler zwischen Tony und den Bossen. Richard Conte als Tonys Boss und Freund Gusto, der über den Mord an Tonys Familie genauso schockiert ist wie Tony, aber aus anderen Gründen. Seine Mit-Bosse sind Roger Hanin, Anton Diffring und Lino Troisi – Eine miese Fresse nach der anderen, und was für großartige Schauspieler, selbst wenn sie nur ihr Standardrepertoire abrufen.
Ja, TONY ARZENTA ist ein Noir Film. Ein Mann, dem sein eigenes Schicksal aus der Hand genommen wird, der zu Dingen gezwungen wird, die er nie tun wollte, und deren Ablauf ihm zunehmend entgleiten. Ein Mann der Böses tut, und dem doch unsere Sympathien gehören. Dazu eine Kamera (Silvano Ippoliti!), die nie den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sondern seine Umwelt. Die die Menschen an den Rand des Bildes stellt und sie damit als Kreaturen darstellt, die über ihr eigenes Schicksal nicht frei entscheiden können, sondern immer von außen gesteuert werden. Da ist dieser Moment, wenn Tony in das Zimmer seines ermordeten Sohnes geht - Die Leere und Kargheit dieses Raumes spiegelt sein eigenes Seelenleben wieder, und Tony wird von seinen Gefühlen genauso überwältigt wie der Zuschauer. Solche Momente hat es viele, und sie heben TONY ARZENTA aus dem Mittelmaß heraus und zaubern ein besonderes Stück Film aus dieser wohlbekannten Geschichte. Einen Film voller Melancholie und Brutalität, voller Nihilismus und Gefühl, der mit einer guten Geschichte und herausragenden Schauspielern aufwarten kann. „Tödlicher Hass ist kein Meisterstück, doch allemal ein Werk klassischen europäischen Erzählkinos, wie es heute kaum noch zu finden ist.“ schreibt Matthias Merkelbach, und diesem Fazit ist nichts hinzuzufügen.