Teo Mora - Storia del cinema dell'orrore [1977/78]
Moderator: jogiwan
- Salvatore Baccaro
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Teo Mora - Storia del cinema dell'orrore [1977/78]
Liebe Schwarmintelligenz,
derzeit bin ich auf der Suche nach dieser Geschichte des internationalen Horrorkinos, die in den Jahren zwischen 1977 und 1978 von Teo Mora vorgelegt wurde. (Fun Fact am Rande: Der Autor ist eigentlich Mathematiker, bekleidet von 1990 bis zu seiner Emeritierung 2019 gar einen Lehrstuhl für Algebra an der Universität von Genua, und hat zahllose fachwissenschaftliche Veröffentlichungen vorzuweisen; bei Nacht scheint er sich jedoch in einen Fan der siebten Kunst zu verwandeln, und dort vor allem die schaurigeren und blutigeren Spektakel zu schätzen, wenn er schon in den 70ern, kurz nach abgeschlossenem Studium, seine Freizeit einer Gesamtdarstellung des kinematographischen Grusels widmet.)
Trotz eifrigster Recherche konnte ich diese bislang weder als antiquarisches Buch noch als Scan auftreiben - und das, obwohl das Werk zwischen 2001 und 2003 sogar eine Neuauflage erlebt hat: Die gängigen Online-Anbieter schweigen; der Bibliotheksverbundkatalog sowieso. Besonders reizt mich ja der zweite Band, in dem es ein Kapitel namens "Elegia per una donna vampiro - Il cinema fantastico in Italia 1957-1966" geben soll - wohl einer der ersten Texte, die es sich auf die Fahne schreiben, den italienischen Gothic-Horror der 50er und 60er in seiner Gesamtheit beleuchten zu wollen! -, und das ich liebend gerne einmal lesen würde.
Deshalb die Frage: Besitzt von euch zufällig jemand diese Bände (oder zumindest den zweiten), irgendwo vergraben in unter Wasser stehenden Kellerkatakomben, eingemauert in den Mordstuben verwunschener Villa, oder möglicherweise ganz trivial als PDF auf euren Festplatten?
Lieben Dank,
Salvatore!
- Salvatore Baccaro
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Re: Teo Mora - Storia del cinema dell'orrore [1977/78]
Dank meiner Universitätsbibliothek, die es tatsächlich geschafft hat, eine gebrauchte Ausgabe von Teo Moras Horrorfilmgeschichte aufzutreiben, konnte ich mir nun endlich einmal einen Eindruck von der Perspektive verschaffen, die dieser frühe Chronist des Schauerkinos auf die Phantastikproduktion seines Heimatlandes wirft.
Überrascht bin ich zunächst, wie wenig Raum der genuin italienische Horror letztlich in dem dreibändigen Opus einnimmt, nämlich gerade mal zwei Kapitel à jeweils etwa 30 Seiten, von denen das erste, "Elegia per una donna vampiro", das Goldene Gothic-Zeitalter bis 1966 absteckt, und das zweite, "Esorcismi made in Italy", die Zeit bis zum Jahr der Drucklegung 1977 behandelt. Von diesen, wie gesagt, schon recht wenigen Seiten muss man für den reinen Analyseteil dann nochmal einiges abziehen, da Mora zum größten Teil einfach nur die Plots der von ihm vorgestellten Filme rekapituliert. Sicher, im Jahre 1977 hat das durchaus seine Daseinsberechtigung, sind wir doch weit davon entfernt, mit einem einzigen Klick auf die Wikipedia in den Genuss detaillierter Handlungszusammenfassungen selbst obskurer Streifen zu gelangen, und natürlich kommt erschwerend hinzu, dass die Filme, die Mora präsentiert, zu diesem Zeitpunkt noch so gut wie gar nicht im Verdacht stehen, von irgendwem, ein paar versprengte Kritiker ausgenommen, ernst genommen zu werden. Daher fungierte Moras Buch seinerzeit zuallererst wohl als Nachschlagewerk für Produktionen, die man eben nicht innerhalb von 5 Minuten beim Online-Anbieter seines Vertrauens frei Haus bestellen konnte, und die, einmal durch die Bahnhofslichtspielhäuser getingelt, zuweilen für Jahre in der Versenkung verschwunden sind.
Irritierend ist es dennoch, dass Mora im Grunde nur den Filmen, die er als besonders wichtig erachtet, wenigstens ein paar über den reinen Plot hinausgehende Zeilen widmet - zumal gerade dann, wenn er, wie bei Margheritis DANSA MACABRE, die Inhaltszusammenfassung so weit treibt, dass er über mehrere Seiten hinweg sogar einzelne Dialoge des Films zitiert. Eine gewisse Hierarchisierung kann man jedenfalls schon in diesem frühen Stadium der Italo-Horror-Rezeption feststellen: Für Mora sind Freda und Bava die unumstößlichen Meister italienischer Phantastik. Freda schätzt er dafür, dass er die Sündenfälle seiner Figuren nicht von außen betrachtet, sondern uns durch die affektorientierte Inszenierung zur totalen Identifikation selbst mit einem nekrophilen Anästhesisten zwingt, sowie, dass er das Monströse nicht um Übernatürlichen, sondern in der menschlichen Seele selbst sucht; Bava demgegenüber erhält Lob für die Heterogenität seiner Filme und für den unbedingten Willen, jedweden Rationalisierungsansätzen den Riegel vorzuschieben. An dritter Stelle rangiert für ihn Antonio Margheriti, ein "seltsam unbeständiger Regisseur", der, laut Mora, genau so viel Glorreiches auf dem Kerbholz hat wie Unverdauliches, wobei er dessen CONTRANATURA für sein "unbestreitbares Meisterwerk" hält. Noch eine Stufe tiefer stehen sodann die talentierten Handwerker wie Massimo Pupillo oder Renato Polselli, dessen L'AMANTE DEL VAMPIRO er indes als einen "sehr schlechten" Film erachtet. Ganz unten in der Nahrungskette finden wir endlich Regisseure wie Antonio Boccacci, die oftmals nur einen einzigen Film fertigstellten, und die Mora offenbar für derart furchtbar hält, dass er ihnen selbst einen einzigen kurzen einordnenden Satz verweigert. Argento übrigens, der, würde man denken, sich 1977 auf dem Zenit seines Schaffens befindet, und der schon kurz darauf nachgerade zum Synonym für italienisches Horrorkino werden wird, handelt Mora lediglich ganz beiläufig ab, indem er einmal kurz SUSPIRIA namentlich erwähnt. Ansonsten macht er aus seiner Ablehnung des Giallo keinen Hehl, ein Genre, das er, ohne es weiter zu begründen, für "ästhetisch fragwürdig" hält. Überhaupt kann Mora mit der italienischen Leinwandphantastik nach 1966 wenig anfangen. Er spricht leidenschaftlich davon, dass das Horrorkino seines Heimatlandes so schnell aufblühte wie es dann wieder verschwand, dass es in den 70ern zu einem Sub-Subgenre innerhalb einer generell trostlosen Kinolandschaft verkümmerte, dass einige seiner wichtigsten Regisseure angesichts der Krise der Phantastik in Armut gestorben seien (Campogalliani), sich dem Fernsehen angedient haben (Cottafavi), oder in Schweigen verfielen (Freda). All die EXORCIST-Rip-Offs, die er am Ende des zweiten Kapitels regelrecht mechanisch aufzählt, sind für ihn unumstößliche Zeichen für die "stetig zunehmende Degeneration der italienischen Phantastik".
Das, was Mora indes an Gedanken zum Horrorkino der 60er bereithält, ist es durchaus wert, zur Kenntnis genommen zu werden - zumal, und ich kann mich nicht genug wiederholen, er einer der ersten Italiener überhaupt ist, die sich an einer systematischen Erfassung des geschmähten Phantastischen Kinos versuchen. Dass das Stiefelland über keinerlei literarische Gothic-Tradition verfügt, und man deshalb in verstärktem Maße nach angloamerikanischen Vorbildern schielt; dass letztlich die Krise Hollywoods in Kombination mit dem wirtschaftlichen Nachkriegsaufschwung zur Etablierung der Filone-Industrie beigetragen hat; dass der Neorealismus im Grunde nur ein Randphänomen darstellte, und das gemeine Volk lieber zu Herkules, Maciste oder Ursus strömte; dass der italienische Horror einerseits hochgradig derivativ ist, indem er Erfolgsmodelle insbesondere der britischen Hammer Studios oder von Cormans Poe-Filmen für AIP adaptiert, aus diesen Versatzstücke dann aber doch sein ganz eigenes Süppchen kocht; dass die ökonomische Bedeutung des Horrorfilms verschwindend gering gewesen ist; dass es in Italien an wirklichen Genrespezialisten fehlte, und selbst jemand wie Bava neben seinen Gothic-Heldentaten in tausend anderen Genres wilderte - all das sind Dinge, die heute zum Basiswissen gehören, wenn man beginnt, sich mit italienischem Genrekino zu befassen, die jedoch möglicherweise vor Mora noch nie so pointiert, so umfassend, so wertschätzend dem vermeintlich trivialen Film gegenüber zu Papier gebracht worden sind.
Weitere Höhepunkte der analytischen Skizzen, die er dann doch immer wieder rund um seine ermüdenden Plotwiedergaben einflicht, sind: Dass er in Pupillos 5 TOMBE PER UN MEDIUM Einflüsse des skandinavischen Stummfilms zu erkennen meint, (die mir bislang völlig entgangen sein müssen); dass er das Schloss Du Grand in Fredas und Bavas I VAMPIRI als "metaphorische Erweiterung" der darin lebenden Herzogin deutet; dass er schön herausstellt, wie sehr italienischer Horror nach einer Traumlogik funktioniert, die sich nicht mal an einer inneren Kohärenz die Finger schmutzig macht, sondern vielmehr Subjektives und Objektives gleichrangig nebeneinanderstellt; dass er bezüglich Bavas Liebe für Objekte schreibt, er würde immer erst einmal diese filmen, und erst danach "widerwillig" die Kameralinse auf seine Schauspieler richten, und im gleichen Atemzug dessen GLI ORRORI DEL CASTELLO DI NORIMBERGA dafür lobt, dass in dieser "narrativen Demotage" die "Formalismen bis zum Exzess" getrieben werden würden; dass er als Meister der Inhaltszusammenfassungen auffällig kleinlaut wird, wenn es darum geht, den Plot von Polsellis RITI, MAGIE NERE E SEGRETE ORGE NEL TRECENTO zu bündeln, (dabei hatte ich so sehr gehofft, endlich würde mir jemand mal dieses Drehbuch erklären)...
Überrascht bin ich zunächst, wie wenig Raum der genuin italienische Horror letztlich in dem dreibändigen Opus einnimmt, nämlich gerade mal zwei Kapitel à jeweils etwa 30 Seiten, von denen das erste, "Elegia per una donna vampiro", das Goldene Gothic-Zeitalter bis 1966 absteckt, und das zweite, "Esorcismi made in Italy", die Zeit bis zum Jahr der Drucklegung 1977 behandelt. Von diesen, wie gesagt, schon recht wenigen Seiten muss man für den reinen Analyseteil dann nochmal einiges abziehen, da Mora zum größten Teil einfach nur die Plots der von ihm vorgestellten Filme rekapituliert. Sicher, im Jahre 1977 hat das durchaus seine Daseinsberechtigung, sind wir doch weit davon entfernt, mit einem einzigen Klick auf die Wikipedia in den Genuss detaillierter Handlungszusammenfassungen selbst obskurer Streifen zu gelangen, und natürlich kommt erschwerend hinzu, dass die Filme, die Mora präsentiert, zu diesem Zeitpunkt noch so gut wie gar nicht im Verdacht stehen, von irgendwem, ein paar versprengte Kritiker ausgenommen, ernst genommen zu werden. Daher fungierte Moras Buch seinerzeit zuallererst wohl als Nachschlagewerk für Produktionen, die man eben nicht innerhalb von 5 Minuten beim Online-Anbieter seines Vertrauens frei Haus bestellen konnte, und die, einmal durch die Bahnhofslichtspielhäuser getingelt, zuweilen für Jahre in der Versenkung verschwunden sind.
Irritierend ist es dennoch, dass Mora im Grunde nur den Filmen, die er als besonders wichtig erachtet, wenigstens ein paar über den reinen Plot hinausgehende Zeilen widmet - zumal gerade dann, wenn er, wie bei Margheritis DANSA MACABRE, die Inhaltszusammenfassung so weit treibt, dass er über mehrere Seiten hinweg sogar einzelne Dialoge des Films zitiert. Eine gewisse Hierarchisierung kann man jedenfalls schon in diesem frühen Stadium der Italo-Horror-Rezeption feststellen: Für Mora sind Freda und Bava die unumstößlichen Meister italienischer Phantastik. Freda schätzt er dafür, dass er die Sündenfälle seiner Figuren nicht von außen betrachtet, sondern uns durch die affektorientierte Inszenierung zur totalen Identifikation selbst mit einem nekrophilen Anästhesisten zwingt, sowie, dass er das Monströse nicht um Übernatürlichen, sondern in der menschlichen Seele selbst sucht; Bava demgegenüber erhält Lob für die Heterogenität seiner Filme und für den unbedingten Willen, jedweden Rationalisierungsansätzen den Riegel vorzuschieben. An dritter Stelle rangiert für ihn Antonio Margheriti, ein "seltsam unbeständiger Regisseur", der, laut Mora, genau so viel Glorreiches auf dem Kerbholz hat wie Unverdauliches, wobei er dessen CONTRANATURA für sein "unbestreitbares Meisterwerk" hält. Noch eine Stufe tiefer stehen sodann die talentierten Handwerker wie Massimo Pupillo oder Renato Polselli, dessen L'AMANTE DEL VAMPIRO er indes als einen "sehr schlechten" Film erachtet. Ganz unten in der Nahrungskette finden wir endlich Regisseure wie Antonio Boccacci, die oftmals nur einen einzigen Film fertigstellten, und die Mora offenbar für derart furchtbar hält, dass er ihnen selbst einen einzigen kurzen einordnenden Satz verweigert. Argento übrigens, der, würde man denken, sich 1977 auf dem Zenit seines Schaffens befindet, und der schon kurz darauf nachgerade zum Synonym für italienisches Horrorkino werden wird, handelt Mora lediglich ganz beiläufig ab, indem er einmal kurz SUSPIRIA namentlich erwähnt. Ansonsten macht er aus seiner Ablehnung des Giallo keinen Hehl, ein Genre, das er, ohne es weiter zu begründen, für "ästhetisch fragwürdig" hält. Überhaupt kann Mora mit der italienischen Leinwandphantastik nach 1966 wenig anfangen. Er spricht leidenschaftlich davon, dass das Horrorkino seines Heimatlandes so schnell aufblühte wie es dann wieder verschwand, dass es in den 70ern zu einem Sub-Subgenre innerhalb einer generell trostlosen Kinolandschaft verkümmerte, dass einige seiner wichtigsten Regisseure angesichts der Krise der Phantastik in Armut gestorben seien (Campogalliani), sich dem Fernsehen angedient haben (Cottafavi), oder in Schweigen verfielen (Freda). All die EXORCIST-Rip-Offs, die er am Ende des zweiten Kapitels regelrecht mechanisch aufzählt, sind für ihn unumstößliche Zeichen für die "stetig zunehmende Degeneration der italienischen Phantastik".
Das, was Mora indes an Gedanken zum Horrorkino der 60er bereithält, ist es durchaus wert, zur Kenntnis genommen zu werden - zumal, und ich kann mich nicht genug wiederholen, er einer der ersten Italiener überhaupt ist, die sich an einer systematischen Erfassung des geschmähten Phantastischen Kinos versuchen. Dass das Stiefelland über keinerlei literarische Gothic-Tradition verfügt, und man deshalb in verstärktem Maße nach angloamerikanischen Vorbildern schielt; dass letztlich die Krise Hollywoods in Kombination mit dem wirtschaftlichen Nachkriegsaufschwung zur Etablierung der Filone-Industrie beigetragen hat; dass der Neorealismus im Grunde nur ein Randphänomen darstellte, und das gemeine Volk lieber zu Herkules, Maciste oder Ursus strömte; dass der italienische Horror einerseits hochgradig derivativ ist, indem er Erfolgsmodelle insbesondere der britischen Hammer Studios oder von Cormans Poe-Filmen für AIP adaptiert, aus diesen Versatzstücke dann aber doch sein ganz eigenes Süppchen kocht; dass die ökonomische Bedeutung des Horrorfilms verschwindend gering gewesen ist; dass es in Italien an wirklichen Genrespezialisten fehlte, und selbst jemand wie Bava neben seinen Gothic-Heldentaten in tausend anderen Genres wilderte - all das sind Dinge, die heute zum Basiswissen gehören, wenn man beginnt, sich mit italienischem Genrekino zu befassen, die jedoch möglicherweise vor Mora noch nie so pointiert, so umfassend, so wertschätzend dem vermeintlich trivialen Film gegenüber zu Papier gebracht worden sind.
Weitere Höhepunkte der analytischen Skizzen, die er dann doch immer wieder rund um seine ermüdenden Plotwiedergaben einflicht, sind: Dass er in Pupillos 5 TOMBE PER UN MEDIUM Einflüsse des skandinavischen Stummfilms zu erkennen meint, (die mir bislang völlig entgangen sein müssen); dass er das Schloss Du Grand in Fredas und Bavas I VAMPIRI als "metaphorische Erweiterung" der darin lebenden Herzogin deutet; dass er schön herausstellt, wie sehr italienischer Horror nach einer Traumlogik funktioniert, die sich nicht mal an einer inneren Kohärenz die Finger schmutzig macht, sondern vielmehr Subjektives und Objektives gleichrangig nebeneinanderstellt; dass er bezüglich Bavas Liebe für Objekte schreibt, er würde immer erst einmal diese filmen, und erst danach "widerwillig" die Kameralinse auf seine Schauspieler richten, und im gleichen Atemzug dessen GLI ORRORI DEL CASTELLO DI NORIMBERGA dafür lobt, dass in dieser "narrativen Demotage" die "Formalismen bis zum Exzess" getrieben werden würden; dass er als Meister der Inhaltszusammenfassungen auffällig kleinlaut wird, wenn es darum geht, den Plot von Polsellis RITI, MAGIE NERE E SEGRETE ORGE NEL TRECENTO zu bündeln, (dabei hatte ich so sehr gehofft, endlich würde mir jemand mal dieses Drehbuch erklären)...