bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Rollerball

„Was willst du mit Büchern?“

Die US-Sportaction-Dystopie „Rollerball“ aus dem Jahre 1975 basiert auf einer Kurzgeschichte William Harrisons, der auch das Drehbuch zu diesem von Norman Jewison („In der Hitze der Nacht“) inszenierten Film verfasste.

„Es spielt keine Rolle, was du willst!“

Wir schreiben das Jahr 2018: Es gibt keine Staaten und keine Parteien mehr, stattdessen haben sich globale Konzerne die Welt untereinander aufgeteilt und stehen auch nicht mehr in Konkurrenz zueinander. Dem Volk geben sie Brot und Spiele, letzteres in Form des Rollerball-Sports, der sich aus Elementen aus Hockey mit schwerer Metallkugel, Rollschuhlauf und Motorradrennen zusammensetzt – ein Sport, der regelmäßig schwere Verletzungen bis hin zu Toten fordert. Zudem herrschen die Konzerne über das Wissen der Menschheit, das zentralisiert und in ihrem Sinne bereinigt wurde. All dies funktioniert auch deshalb prächtig, weil die Menschen zwangskollektiviert und jeglicher Individualität beraubt wurden. Damit einher geht, dass sich auch im Sport keine Idole und Stars herausbilden, sondern die Spieler als ebenso entindividualisiert und austauschbar gelten. Eine Ausnahme bildet Jonathan E. (James Caan, „Der Pate“) aus dem Houstoner Team, der zu einem der erfolgreichsten und langjährigsten Rollerball-Spieler avancierte und auf entsprechende Publikumsreaktionen stößt, was den Mächtigen ein Dorn im Auge ist. Konzernchef Bartholomew (John Houseman, „Die 3 Tage des Condor“) fordert ihn daher zum Rücktritt auf, dem sich Jonathan jedoch verweigert. Auf die Obrigkeit ist er ohnehin nicht sonderlich gut zu sprechen, seit man ihm seine Frau wegnahm. Bartholomews Gesuch bringt ihn erst recht dazu, die Verhältnisse infrage zu stellen und Nachforschungen anzustellen, die ihm nach und nach die Augen öffnen. Um Jonathan doch noch loszuwerden, ändert man die Regeln des Sports, um ihn zu zermürben oder gar zu töten…

Worauf die USA derzeit hinarbeiten, ist in „Rollerball“ bereits abgeschlossen. Jewison beginnt seinen Film mit einem fast in Echtzeit ablaufenden Rollerball-Match, in das viel inszenatorische Finesse gelegt wird. Eine Duschszene zeigt uns die Spieler ohne ihre martialischen Rüstungen (und auch ohne alles andere), bevor sich die eigentliche Handlung entfaltet. Deren langsames Erzähltempo steht im Kontrast zu den rasanten Sportszenen, die in einem brutalen, aber mitreißenden Spiel gegen Tokio wiederaufgenommen werden. Natürlich ist auch Finalspiel wirklich heftig, zwischen den Partien herrscht aber vornehmlich lahmes Drama vor.

Das ist unverständlich, denn mit seiner Prämisse bietet der Film eigentlich mehr als genug Ansätze, seine Dystopie mit einem gewissen Tiefgang zu erzählen. Das bestehende System wird jedoch mehr behauptet als gezeigt, und auch Jonathans reizvolle Hintergrundgeschichte verharrt in vielen Andeutungen, nichts wird emotional ausgekostet. „Rollerball“ verspielt viel Potential. Dass es ihm in seiner Ausrichtung um (von den Konzernen garantierten) Wohlstand und individuelle Freiheit als entgegengesetzte Pole geht, lässt er immerhin durchblicken und macht damit deutlich, dass er vor der Gefahr durch Zwangskollektivierung warnt statt durch Solidarität untergrabenden Hyperindividualismus. Wohlstand und Individualismus als Widerspruch zu definieren, ist natürlich Teil der autoritären Konzernpropaganda; wie gut (vermeintlicher) Individualismus Herrschenden im Kapitalismus in die Hände spielen kann, sollte die Realpolitik vermutlich erst ein paar Jahre später unter Beweis stellen.

Doch zurück zum Film: Dieser wurde interessanterweise zu großen Teilen in München gedreht, nämlich in der 1972 für Olympia errichteten Rudi-Sedlmayer-Halle und zumindest für Außenszene an der BMW-Konzernzentrale und dem BMW-Museum. Für die musikalische Untermalung wählte man hauptsächlich klassische Musik, die überraschend stimmig ausfällt und dem Film einen großen Teil seiner Atmosphäre sichert. Schauspielerisch hat inszenierungsbedingt kaum jemand die Gelegenheit, besonders hervorzustechen, im Mittelpunkt steht quasi durchgehend James Caan. Mit dem Gefühl, dass etwas fehlt, erinnert mich „Rollerball“ ein wenig an „Soylent Green“, mit seiner Schwerpunktsetzung auf die Inszenierung des eigentlich kritisierten Sports an „Running Man“, mit seiner Autoritäts- und Totalitarismuskritik aber natürlich auch positiv an „1984“ und Konsorten.
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Ready Player One

„Zieht das Leben dich runter?“

Nach „Die Verlegerin“ verfilmte US-Blockbuster-Regisseur Steven Spielberg („E.T. – Der Außerirdische“) Ernest Clines dystopischen Science-Fiction-Roman „Ready Player One“, der voller popkultureller Referenzen steckt und zum Bestseller avancierte. Cline hat zusammen mit Zak Penn seinen eigenen Roman zum Drehbuch für Spielbergs mit 140 Minuten überlange Verfilmung adaptiert, die im Jahre 2018 als 3D-Film in die Kinos kam und sich in einigen Punkten recht stark von der literarischen Vorlage unterscheidet.

„Scheiße, das ist Chucky!“

Im Jahre 2045 hat die Menschheit es geschafft, ihre irdische Heimat derart zu zerstören und soziale Zerwürfnisse zu produzieren, dass die Menschen größtenteils in eine virtuelle Online-Alternative zur Realität fliehen, in ein Netzwerk namens OASIS. Man gibt sich Pseudonyme und Avatare und verbringt dort seine Freizeit, entwickelt Freund- und Feindschaften und erlebt Abenteuer. Erschaffen wurde OASIS vom vor fünf Jahren verstorbenen Nerd James Halliday (Mark Rylance, „Intimacy“), der ein Easter Egg implementierte: Wem es gelingt, drei virtuelle Schlüssel zu finden, erbt OASIS. Dessen Nutzerinnen und Nutzer verbünden sich zu Clans oder suchen auf eigene Faust nach jenen verheißungsvollen Items. Einer von ihnen ist der in einem Trailerpark in Columbus, Ohio lebende Waisenjunge Wade Watts (Tye Sheridan, „Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse“), der sich in OASIS Parzival nennt, und mit seinen Freunden Art3mis (Olivia Cooke, „Vollblüter“) und Aech (Lena Waithe, „Master of None“) OASIS erkundet. Als es Wade tatsächlich gelingt, des ersten Schlüssels habhaft zu werden, schreckt er große Teile des Netzwerks auf, unter anderem die finstere Organisation IOI um den skrupellosen Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn, „Das Jahr meiner ersten Liebe“), die aus unlauterem Interesse nach der Macht über die virtuelle Realität strebt. Und IOI ist durchaus bereit, kurzen Prozess mit ihrer Konkurrenz zu machen – nicht nur virtuell…

„Jeder, der gewinnt, verliert...“

Ich habe Clines 2011 erschienenes Buch nie gelesen, aber es scheint im Literatursegment zu den herausregenden Vertretern der Retrowelle zu gehören, zugleich aber weit mehr als das, nämlich eine dystopische Warnung vor einer alles andere als weit entfernt scheinenden Zukunft zu sein. Als Kinofilm sei letzteres etwas abgeschwächt worden, heißt es, der Film sei auch weit weniger düster als der Roman, das Protagonisten-Figurenensemble sei anders und die Handlung weiche mal mehr, mal weniger ab. Nun gut.

„Die Realität ist das Einzige, was real ist.“

Wir finden eine Postapokalypse light vor, light im Sinne einer (noch) nicht beinahe ausgerotteten Menschheit, auch wenn vieles andere längst komplett im Dutt ist. Wade alias Parzival erläutert zu Beginn die Hintergründe aus dem Off. So viel zur filmischen Realität. OASIS hingegen steht für den totalen Eskapismus, die Fluchtmöglichkeit aus der realen Welt. Und in dieser spielt der Film hauptsächlich. Durch den CGI-Einsatz in der Kino-Neuzeit sahen Filme immer mehr aus wie Videospiele; „Ready Player One“ ist quasi die Endstufe dieses Phänomens, ernennt es gar zu seiner Prämisse. Und das macht es tatsächlich leichter, es zu akzeptieren. Eine nicht ungefähre Rolle spielt dabei sicherlich auch, dass der Film dabei wahrlich fantastisch aussieht. Was Zuckerberg mit seinem Metaverse vorschwebt, ist im Jahre 2045 Normalität geworden, de facto auch eine Art Allmacht böser, skrupelloser Techkonzerne, die sich eben nur noch nicht OASIS, dessen Entwickler leicht komödiantisch karikiert wird, einverleiben konnten. Doch auch nerd’sche Allmachtsfantasien verarbeitet der Film, zumal es bei der Suche nach dem Easter Egg ja nun auch nicht darum geht, OASIS zu vergesellschaftlichen.

Auch der Handlung geht es um etwas anderes. Da wäre zum einen die Avatar-Romanze, eine zunächst rein virtuelle Liebelei, die wie so vieles in diesem Film handfester werden wird – denn auch die Gefahr verlagert sich aufgrund von zu hoher Datenfreigiebigkeit vom Netz in die Realität –, zum anderen ein popkultureller Referenzen- und Zitate-Overkill, der damit begründet und gerechtfertigt wird, dass sich durch die Auseinandersetzung mit Hallidays Interessen und Sozialisation die Schlüssel finden lassen, der durch Spielbergs Regie gar eine selbstreferenzielle Ebene erhält und der nicht zuletzt als von der Handlung losgelöst funktionierender Nostalgie-Trip durch vor allem Kino und Videospiele von den 1970ern bis in die 1990er-Jahre und in Teilen sogar darüber hinaus funktioniert – womit dieser Film auch gut zum ‘80er-Rollback-Trend passte.

Das Besondere aber: „Ready Player One“ funktioniert auch umgekehrt, also losgelöst von aller Nostalgie, theoretisch selbst wenn man (wie vielleicht der/die eine oder andere ganz junge Zuschauer/in) keine einzige Referenz erkennt und keines der Zitate zuordnen kann. Das spricht für den Stoff und für Spielbergs Regie, wenngleich diese einmal mehr nicht frei von Kitsch und Pathos ist. Ähnlich wie man in einem Adventure-Spiel nicht alle Anspielungen wahrnehmen oder begreifen muss, fesselt „Ready Player One“ über seine volle Laufzeit, macht Spaß und hält mit Überraschungen – beispielsweise jener angenehm progressiven Idee, dass sich Wades Online-Kumpel Aech im wahren Leben als Mädchen entpuppt – bei der Stange. Seine Kritik an der in dieser nahen Zukunft weitestgehend abgeschlossenen Entwicklung wechselt zwischen Plakativität und Subtext. Vieles ist eindeutig zu sehen und somit klar; wie genau es dazu kommen konnte und welche antidemokratischen und wenig humanistischen Verwerfungen damit einhergingen, findet sich angesichts all des Spektakels eher zwischen den Zeilen, bildet aber zugleich das Fundament des Films.

Diese Gewichtung zugunsten eines knallbunten Science-Fiction-Abenteuer mit all seinen Schauwerten mag nicht jedem schmecken, zählt aber zum Konzept dieses Films. Eine zugleich futuristische und nostalgische Blockbuster-Dystopie eben, die Vergangenes hegt und pflegt und (leider vergebens) davor warnt, falsch abzubiegen, ohne die virtuellen Verlockungen kleinzureden. Alle popkulturellen Bezüge aufzulisten, würde den Rahmen sprengen, daher hier nur jene, die mir besonders positiv aufgefallen sind: „Zemeckis‘ Zauberwürfel“, der die Zeit um 60 Sekunden zurückdreht, eine ganze „Shining“-Zitatesequenz sowie die Erwähnung das Paradoxons, dass Stephen King Kubricks Verfilmung nicht leiden kann, die Vermittlung von Wissen zur Atari-2600-Spielkonsole, eine schöne Anspielung auf die absurde Comicregel, dass niemand Superman erkennt, wenn er sich eine Brille aufsetzt und einen Anzug anzieht, eine an „Tron“ erinnernde Szene und nicht zuletzt die Ehrerbietung an „Adventure“-Programmierer Warren Robinett, der das erste Easter Egg in einem Videospiel versteckte. Schade nur, dass „Masters of the Universe“ überhaupt nicht vorkommen.

Das Ende ist ziemlich dick aufgetragen, Spielberg eben, und insgesamt wäre etwas weniger vielleicht mehr gewesen, denn in dieser Form rauscht doch vieles an einem vorbei. Dennoch finden sich ruhige, emotionale Momente und durchaus auch Tiefgang in „Ready Player One“, sodass der positive Eindruck bei Weitem überwiegt.
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Haunter – Jenseits des Todes

„Hör auf, Türen zu öffnen, die geschlossen bleiben sollten!“

Mit dem kleinen, französisch-kanadisch koproduzierten Mystery-Thriller „Haunter – Jenseits des Todes“, die US-Regisseur Vincenzo Natali („Cube“) inszenierte, integrierte man im Veröffentlichungsjahr 2013 die 1980er geschmackvoll in ein Zeitschleifensujet und gab damit einen Vorgeschmack auf den kurz darauf um sich greifenden Retro-Filmtrend.

Die Teenagerin Lisa (Abigail Breslin, „Little Miss Sunshine“) sieht sich in einer Zeitschleife gefangen: Sie erlebt ein und denselben Tag des Jahres 1985 im Haus ihrer Familie täglich aufs Neue, ist aber die Einzige in ihrer Familie, die dies bemerkt. Mutter Carol (Michelle Nolden, „RED - Älter. Härter. Besser.“) und Vater Bruce (Peter Outerbridge, „Land of the Dead“) sowie Bruder Robbie (Peter DaCunha, „Jersey Devil“) gehen den immergleichen, wenig aufregenden Tätigkeiten nach, wobei mit Edgar (David Knoll, „The Strain“) Robbies imaginären Freund mit am Esstisch sitzt. Damit nicht genug: Sobald Lisa für sich allein ist, wird sie Zeugin gruseliger Phänomene. Mit einem Oiuja-Brett versucht sie einer möglichen Spur nachzugehen, und tatsächlich ändert sich plötzlich der gewohnte Ablauf – und jemand nimmt Kontakt zu ihr auf…

Das nebelverhangene Haus riecht bereits optisch zehn Meter gegen den Wind nach haunted, während Postpunk-Fan Lisa in ihrem Siouxsie-and-The-Banshees-Pulli im Hausinnern erst unter den ständigen Wiederholungen und schließlich den unheimlichen Erscheinungen leidet. Diese fallen wohlig-gruselig aus, Jumpscares sind die Ausnahme. Ich hoffe, dass ich nicht zu viel vorweggreife, wenn ich eine inhaltliche Nähe nicht nur zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“, sondern auch zu „The Others“ attestiere. Letztere wird variiert und ergänzt um diverse Bekanntschaften, die Lisa nach und nach macht (und den Murmeltier-Aspekt zurückdrängen), einen Identitätswechsel und die Einführung einer neuen, zukünftigen Zeitebene. Lisa kommt einer Mordserie auf die Spur und wird sich schließlich ihrer Aufgabe in diesem unheimlichen Spiel bewusst, die alles andere als leicht zu erfüllen ist.

Die Populärkultur des Jahres 1985 äußert sich in Form eines The-Smiths-Plakats sowie durch Pacman, Walkie Talkies, die bereits genannte Postpunk-Ikone Siouxsie, den unvermeidlichen Zauberwürfel, die TV-Serie „Mord ist ihr Hobby“, Ronald Reagan, Joy Division, The Cure und, äh, Peter und der Wolf, das sich auch im Soundtrack wiederfindet. Nettes Detail: Lisas Familie besitzt einen Beta- anstelle eines VHS-Rekorders. Wer jene Dekade miterlebt hat, dürfte (trotz Reagan) nostalgische Gefühle entwickeln.

Atmosphärisch punktet „Haunter“ hauptsächlich mit einer mal mehr, mal weniger stark betonten und ausgespielten Melancholie, angereichert mit sanften Schauern und geheimnisvoller Spannung. Unterm Strich ergibt das eine schön durchdachte und konstruierte Variation des Zeitschleifenthemas, die sich mit Haunted-House-Charakteristika zu einem großen Puzzle zusammensetzt, zu dem auch Stephen McHattie („Watchmen“) und Eleanor Zichy („Skins“) ihr schauspielerisches Scherflein beitragen. Mit Abigail Breslin konnte man eine tolle Hauptdarstellerin gewinnen, die ihre Rolle prima meistert. Für Natali-Verhältnisse – der Regisseur ist eher für originelle Stoffe bekannt – ist „Haunter“ allerdings beinahe nicht mehr als gut gemachte Konfektionsware. Die Verquickung von ‘80er-Rollback, Zeitschleife und Haunted House ist vermutlich das einzig wirklich Neue, aber da ich alle drei Sujets mag, gefällt mir auch dieser Film gut.
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Gladbeck

„Sie bellen, aber sie beißen nicht...?“

Im August 1988 war ich neun Jahre alt. Wenn ich nicht gerade draußen oder drinnen spielte, saß ich auch gern mal vor der Glotze. Und so wurde ich, wie Millionen anderer Bundesbürgerinnen und -bürger auch, Zeuge des Gladbecker Geiseldramas, über das die Medien quasi live berichteten. Fasziniert und gebannt saß ich vorm Fernseher, wusste, dass da gerade etwas ganz Besonders passiert und ahnte bald, dass ganz Deutschland inklusive seiner Institutionen jene Tage nicht so schnell vergessen würde. Es war vielleicht das initiale Ereignis, das mein Vertrauen in Exekutive und Medien erschütterte.

„Es geht hier um Menschenleben!“

Zahlreiche Dokumentation versuchten sich in den Folgejahren an einer Aufarbeitung des Geschehenen und drei Spielfilme erzählen die tödlichen Ereignisse und das behördliche sowie medienmoralische Versagen nach. Der dritte von ihnen ist der erste, den ich bisher sah, und zugleich der längste: Regisseur Kilian Riedhofs („Der Fall Barschel“) schlicht „Gladbeck“ betitelter, für die ARD produzierter Zweiteiler aus dem Jahre 2018 – also anlässlich des 30-jährigen Jubiläums – bringt es auf fast drei Stunden Laufzeit.

„Ich weiß nicht, ob das Hilfe ist, was Sie da machen!“

Mit Banküberfällen ist das ja so eine Sache: Verbrecher wie Deutsche Bank und Konsorten um ein bisschen Kohle zu erleichtern, ist moralisch sicher kaum verwerflich. Unschön wird’s, wenn man dabei Unschuldige durch Drohungen, sie zu verletzen oder gar zu töten, nachhaltig traumatisiert oder das Ganze sogar in eine Geiselnahme mündet – so geschehen in Gladbeck. Und wenn tatsächlich jemand sein Leben lassen muss, ist endgültig Schluss mit lustig.

„Tot sein ist schöner als wie ohne Geld.“

Riedhofs Film stellt die Ereignisse (und die sonnigen August-/Hundstage des Jahres 1988) in Spielfilmform nach und ist dabei kein Doku-, sondern ein Kriminaldrama mit Thriller-Elementen. Eine Texttafel informiert zu Beginn darüber, dass es fiktionale Elemente enthalte, was angesichts der sich offenbar sehr akribisch an die Realität haltenden Handlung fast wie eine Entschuldigung wirkt, dass eben nicht alles zu 100 Prozent authentisch sein kann. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und Regisseur Riedhof orientieren sich weitestmöglich an Untersuchungsausschussberichten, die sie studiert haben, und Gesprächen mit Zeitzeuginnen und -zeugen; Dialoge sind, soweit überliefert, 1:1 wiedergegeben, Ex- und Interieur eine Zeitreise in die ‘80er.

„Ich will nach vorne kommen, ich will leben.“

Der mit präzisen Orts- und Zeitangaben arbeitende Film beginnt aus Polizeiperspektive und zeigt den dilettantischen Einsatz, für den mit Blaulicht und Martinshorn angerückt und somit die Geiselnahme provoziert wird. Wir erfahren, dass Hans-Jürgen Rösner (Sascha Alexander Gersak, „Im Angesicht des Verbrechens“), einer der Bankräuber und Geiselnehmer, sich bereits zwei Jahre lang auf der Flucht vor der Polizei befand, diese sich aber nicht traute, ihn zu verhaften. Zusammen mit seinem Freund Dieter Degowski (Alexander Scheer, „Sonnenallee“) überfällt er nun also eine Filiale der Deutschen Bank, doch die Tat erweist sich als nicht so einfach wie geplant und wird zur Geiselnahme. Die Täter richten sich in ihrer Bauernschläue per Geisel an die Presse, Hans Meiser und andere Journalisten telefonieren mir nichts, dir nichts mit ihnen. Ein Polizeipsychologe versucht mit Rösner und Degowski deren Sprache zu sprechen und es entbrennt ein polizeiinterner Disput darüber, ob man einen Zugriff wagen sollte. Man ist sich uneins, schlecht vorbereitet und offenbar mit der Situation überfordert. Dabei geht es um zwei längst enttarnte, stadtbekannte Kleinkriminelle, die sich nun ebenfalls in einer für sie ungewohnten Lage befinden.

„Ich scheiß‘ auf mein Leben, und das mein‘ ich jetzt im Ernst…“

Als die Gangster zum vereinbarten beobachtungsfreien Abzug das Gebäude verlassen, prasselt ein Blitzlichtgewitter der anwesenden Journaille auf sie ein, und der Einsatzleiter macht erst mal Feierabend. Und von nun wird alles noch viel schlimmer werden. So weit, so bekannt. Neu ist: Riedhof gibt den späteren Todesopfern ein über die bekannten Aufnahmen hinausgehendes Gesicht, einen Hintergrund, ein Leben. Silke Bischoff (Zsá Zsá Inci, „Die wilden Hühner“) führt er als Figur beim Wohnungsstreichen mit ihrem Freund ein, die Rainbirds laufen mit ihrem Megahit „Blueprint“ dazu. Sie wird beim Stretching und mit ihren Großeltern gezeigt und wie sie sich den Film „The Ripper“ für einen Videoabend leiht. Auch die Familie des 15-jährigen italienischen Jungen Emanuele de Giorgi (Riccardo Campione, „Tatort: Tyrannenmord“) lernen wir nicht nur als spätere Geisel kennen. Natürlich ist das nicht nur Ehrerbietung an die Opfer, sondern auch eine filmische Emotionalisierungsmaßnahme.

„Vor allem mein Kumpel ist brandgefährlich…“

Das Chaos, das Polizei und Medien anrichten, deckt der Film recht detailliert ab: Zuständigkeits- und Kompetenzgerangel seitens der Grünröcke, u.a. weil Rösner und Degowski es wagen, mehrere Bundesländergrenzen (in einem föderalen Staat!) zu überschreiten, falsch eingeschätzte Situationen, ausgeschlagene Vermittlungsangebote, Versäumnisse einfachster Standards wie Absperrungen und Räumungen, verschenkte Zugriffsmöglichkeiten, die die Chose wohl unblutig beendet hätten, Pannen, eine völlig idiotische Festnahme der zu den Gangstern hinzugestoßenen Marion Löblich (Marie Rosa Tietjen, „Halt auf freier Strecke“), der Freundin Rösners, woraufhin Emanuele sterben musste (auch weil kein Rettungswagen bereitstand…), am Ende eine Attacke nach Rambo-Manier mitten auf der Autobahn, bei der das Leben der Geiseln dann scheißegal war und Bischoff ihres verlor. Zu lange hatte man sich von zwei ehemaligen Sonderschülern, die seit mittlerweile drei Tagen völlig übermüdet und auf Pillen das Land in Atem hielten, vorführen lassen, damit musste jetzt Schluss sein – koste es, was es wolle. Dass die Gangster kurz davor waren, ihre Geiseln freizulassen: geschenkt.

Bis dahin immer dabei: Journalisten. Wie ein Schwarm Fliegen umkreisen sie die Gangster und deren Geiseln, wann immer sie die Gelegenheit dazu haben. Und die gibt ihnen die Polizei quasi permanent. Die Täter geben „Pressekonferenzen“, profilieren sich vor laufenden Kameras, Journalisten zünden ihnen Zigaretten an und besorgen ihnen Kaffee, steigen zu ihnen ins Auto und fahren mit ihnen mit, werden gegenüber der Polizei zum Sprachrohr der Gangster und vermitteln vor allem nie den Eindruck, dass sie ein Interesse daran hätten, dass die Sache bald endet – im Gegenteil: Der deutsche Sensationsjournalismus hatte einen seiner absoluten Höhepunkte gefunden und ließ ihn nicht mehr von der Angel, behinderte die Arbeit der Polizei, inszenierte ein Medienspektakel und wurde von einem neutralen Berichterstatter zum Mitspieler. Fairerweise muss ergänzt werden: Da sich die Polizei selbst nicht in der Lage sah, mit Rösner und Degowski zu kommunizieren und zu vermitteln, übernahmen auch dies Journalisten.

Nicht mehr und nicht weniger zeigt dieser Film, jede dramaturgische Übertreibung wäre unnötig gewesen, wofür – nicht, dass das hier untergeht – auch die Gangster sorgen, vor allem, wenn Rösner sich trotz vieler relativ lichter Momente als Oberfiesling geriert und im gekaperten Bus voller Kinder und Jugendlicher ausgerechnet das kleinste Mädchen – Emanueles Schwester (Giolina Ardent, „Bella Block: Am Abgrund“) – ruppig behandelt und als potenzielles Opfer vorführt, oder wenn Degowski ständig demonstrativ Silke Bischoff seine Knarre an den Kopf drückt. Visuell ist „Gladbeck“ auch dadurch interessant, dass er Perspektiven durch Ferngläser, Monitore, TV-Kameras etc. und dokumentarisch anmutende Kameraeinstellungen und -bewegungen verwendet. Schauspielerisch gibt es nichts zu beanstanden, alle Mitwerkenden zeigen beeindruckende Leistungen. Generell ist „Gladbeck“ derart gut gemacht, dramaturgisch gar nah an der Perfektion, dass er auch für Thriller-Fans als Unterhaltungsfilm funktionieren würde – was ich keinesfalls despektierlich meine. Nur wenig der realen Ereignisse wurde, so weit ich das beurteilen kann, weggelassen. Texttafeln informieren am Ende darüber, was aus einigen der dargestellten Personen wurde.

Was „Gladbeck“ – wohl nachvollziehbarerweise zugunsten der Opferperspektive – unbeachtet lässt, sind nähere Hintergründe zu den Tätern, ihre Lebensläufe, die dazu beitrugen, sie zu Tätern zu machen. Auch bleibt unerwähnt, dass bis dahin noch kein Raubüberfall mit Geiselnahme in Deutschland oder gar europaweit zu Todesopfern geführt hatte, was vielleicht manch Verhalten ein wenig erklären könnte. Rösner bestreitet bis heute, die tödliche Kugel auf Bischoff abgefeuert zu haben. Der Film präsentiert die gerichtlich anerkannte Version, nach der sich der tödliche Schuss wohl als unbeabsichtigte körperliche Reaktion löste, als Rösner im Kugelhagel der Polizei von mehreren Projektilen getroffen wurde. Dass er Bischoff tatsächlich hätte töten wollen, erscheint in der Tat sehr unwahrscheinlich. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass, hätte Rösner in dieser Situation aufgehört, mit seiner Waffe herumzufuchteln, Bischoff womöglich noch leben würde.

Letztlich starben zwei unschuldige junge Menschen – Emanuele de Giorgi und Silke Bischoff – völlig sinnlos. Es ging übrigens ursprünglich um 120.000 DM, die Rösner und Degowski aus der Bankfiliale erbeutet hatten – eine Summe, die für die Deutsche Bank bekanntlich nicht einmal Peanuts sind, aber offenbar trotzdem mehr wert waren als zwei Menschenleben. Auch dies erzählt dieser Film einem nicht, sondern muss man sich selbst zusammenreimen.

Einen Reim auf das Geschehene machten sich fortan auch Politik, Exekutive und Medien. Die polizeiliche Einsatzkoordination wurde reformiert und man geht in vielen brenzligen Situationen intelligenter vor, zugleich sitzt der Finger offenbar wieder wesentlich lockerer am Abzug. Die Medien sahen sich aufgrund der Debatte gezwungen, ihr Verhalten zu reflektieren. Seriösere Vertreter änderten ihre Kodizes, der übliche Abschaum von Springer und Konsorten hingegen machte weiter wie bisher oder setzte sogar noch einen drauf, schied gar noch widerwärtigere Bastarde aus und die (a)sozialen Netzwerk im World Wide Web besorgten den Rest.

Mit dem Verfassen dieser Filmbesprechung tat ich mich sehr schwer, da sie unmöglich von den wahren Ereignissen zu trennen ist. So laufe ich sicherlich Gefahr, weniger den Film als dessen reale Hintergründe zu bewerten. Und diese wühlen mich nach wie vor auf und machen mich wütend. Wenn es dieser ambitionierten öffentlich-rechtlichen Filmproduktion also gelingt, diese berechtigte, zielgerichtete Wut mit ehrlicher Anteilnahme zu verbinden und die Erinnerung auch 30 Jahre später aufrechtzuerhalten, macht sie wohl vieles richtig.
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