The Future - Miranda July (2011)

Moderator: jogiwan

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Salvatore Baccaro
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The Future - Miranda July (2011)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Originaltitel: The Future

Produktionsland: USA/Deutschland 2011

Regie: Miranda July

Darsteller: Miranda July, Hamish Linklater, David Warshofsky, Isabella Acres, Joe Putterlik


Was tun, wenn man als Paar Mitte Dreißig das Gefühl hat, in eine Lebens-, Beziehungs- und Sinnkrise geraten zu sein? Nein, Sophie, die Kinder als Tanzlehrerin unterrichtet, und Jason, der als Kundenberater für eine Computer-Hotline arbeitet, entscheiden sich nicht dafür, sich zu trennen, ihre verhassten Jobs an den Nagel zu hängen oder Eltern zu werden. Es scheint ihnen vielmehr das Naheliegendste, ein Kätzchen aus dem örtlichen Tierheim zu adoptieren. Dieses heißt Paw-Paw, (vermutlich, weil ihm eine Vorderpfote fehlt), und soll, laut Tierheimpersonal, nur noch wenige Monate zu leben haben: Sollten sich Sophie und Jason dafür entscheiden, die arme Kreatur bei sich aufzunehmen, wäre die Mieze außerdem bis zu ihrem Lebensende auf Intensivpflege angewiesen. Einen Monat muss sich das Paar aber noch gedulden, bis es Paw-Paw mit nach Hause nehmen darf, - solange braucht die Katze nämlich, um sich gesundheitlich genug aufgerappelt zu haben, in eine neue Umgebung integriert werden zu können.

Diesen Monat wiederum nutzen Sophie und Jason letztlich aber dann doch dafür, ihre freudlosen Existenzen umzukrempeln: Sie lassen sich den Internetzugang sperren und machen sich unabhängig voneinander auf einen Selbstfindungstrip. Jason, der sich nicht länger täglich stundenlang mit Software-Problemen seiner Anrufer herumschlagen möchte, entscheidet sich spontan dafür, für ein Umweltprojekt von Haustür zu Haustür zu ziehen, um den Bewohnern Los Angeles‘ die Idee schmackhaft zu machen, im Dienst des Klimaschutzes eine Baum-Patenschaft zu übernehmen. Seine Erfolgsrate ist allerdings genauso niedrig wie diejenige Sophies, die überstürzt ihre Tanzschule verlässt, um eine Karriere als YouTube-Star in Angriff zu nehmen: Jeden Tag plant sie ein experimentelles Tanzvideo auf der Plattform hochzuladen, und damit zur erfolgreichen Influencerin zu werden, wobei sie jedoch genauso sehr an ihren eigenen hohen Ansprüchen scheitert wie an den vernachlässigbaren, ihr Selbstbewusstsein untergrabenden Klickzahlen.

Während sich Sophie und Jason räumlich und emotional immer weiter voneinander distanzieren, treten zwei Zufallsbekanntschaften in ihre Leben: Ein alter Mann namens Joe ist es, den Jason kennenlernt, als er ihm einen gebrauchten Fön abkaufen möchte, und mit dem er eine Art väterliche Freundschaft knüpft, bei der ihm Joe vor allem Lebensweisheiten bezüglich der Liebe mit auf den Weg gibt, - seit sechzig Jahren ist er mit seiner Frau verheiratet, und er verspricht Jason, dass die ersten Jahren einer Beziehung, also genau die Zeit, die er gerade mit Sophie durchmacht, die schwierigsten seien. Sophie indessen stößt auf der Rückseite eines Aquarells, das Jason gekauft hat, auf die Telefonnummer des alleinerziehenden Marshall, mit dem sie zunächst einzig per skurriler Telefonate kommuniziert, um sich dann aber Hals über Kopf in eine vor allem körperlich geprägte Affäre zu stürzen. Und derweil sitzt Paw-Paw auf sein zukünftiges Herrchen und sein zukünftiges Frauchen wartend im Tierheim und hofft, dass Sophie und Jason sie bei all ihrem privaten Trubel nicht vergessen haben, denn sollte die Katze nicht nach Ablauf von dreißig Tagen abgeholt worden sein, droht ihr die Einschläferungsspritze…

Eine bunte Wundertüte ist dieser zweite Langfilm der US-amerikanischen Multimedia-Künstlerin Miranda July, die musiziert, schreibt, performt und manchmal eben auch bei einem Streifen wie THE FUTURE Regie führt, bei dem nur die Oberfläche einen herkömmlichen Spielfilm suggeriert, und der sich mit zunehmender Laufzeit vielmehr als bunte Wundertüte entpuppt, in der so viele Themen, Emotionen, Ideen zusammengewürfelt wurden, dass man sie kaum alle aufzählen kann. THE FUTURE ist witzig und verstörend zugleich, bewegt sich nah am Zeitgeist und verabschiedet sich dann wieder komplett in ein nach ganz eigenen Gesetzen funktionierendes Universum: Jason verfügt über die Fähigkeit, die Zeit anzuhalten, und führt Zwiegespräche mit dem Vollmond; Sophie, (gespielt von July selbst), wiederum legt eine der ergreifendsten Tanzperformances hin, die ich seit langem gesehen habe, wenn sie förmlich mit einem sie verfolgenden gelben T-Shirt verschmilzt; und in Zwischensegmenten berichtet uns Katze Paw-Paw, (von der wir nur die überdimensionalen Pfoten zu sehen bekommen und die ebenfalls mit Julys verzerrter Stimme spricht), von ihren Gedanken und Gefühlen: Dass sie es vermisse, durch die Wildnis zu streunen, sich aber damit abgefunden habe, nunmehr zu Sophie und Jason in eine Stadtwohnung zu ziehen; dass sie ihre Zeit vor allem mit Warten zubringe, selbst dann noch, als Sophie und Jason es nicht geschafft haben, sie rechtzeitig abzuholen, noch als Gespenst weiter im Tierheimkäfig auf ihre Entlassung harre; dass sie dann doch irgendwann loslasse, ihren eigenen Tod akzeptiere, sich in Nichts auflöse.

Dabei ist THE FUTURE aber stets immer nur einen leichten Tick neben der Spur konventionellen Filmemachens und konventioneller Weltbetrachtung, wirkt nie prätentiös oder bemüht in seinem Weirdness-Faktor: Gerade die Gefühle, die unsere Helden durchmachen, dürften allen bekannt sein, die jemals in einer Beziehung gesteckt haben, deren Motor zu stottern beginnt, oder die sich jemals gefragt haben: Wofür lebe ich eigentlich und wie könnte es anders gehen? Wenn überhaupt, könnte man THE FUTURE vorwerfen, keinen richtigen Fokus zu besitzen, weil hier andauernd die Zeitebenen durcheinandergewürfelt werden, weil etliche disparate Szenarien durchgespielt werden, wie man sich vom Hamsterrad freimachen kann, von Aktivismus über innere Emigration bis hin zu Sexorgien mit älteren Männern, weil July keine klare Botschaft zu besitzen scheint, sondern einfach nur Dinge darstellt, ohne belehrenden oder parteiergreifenden Zeigestock. Aber was will ich schon mit einem Fokus, wenn ich einen solch leichtfüßigen, zum Experiment neigenden, aber nie verkrampft artifiziellen Liebesfilm frei von Kitsch, dafür überhäuft mit umso mehr weltklugen Absurditäten bekommen kann?
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Salvatore Baccaro
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Re: The Future - Miranda July (2011)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Arkadin
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Re: The Future - Miranda July (2011)

Beitrag von Arkadin »

Salvatore Baccaro hat geschrieben: Mo 23. Aug 2021, 17:19 Sie lassen sich den Internetzugang sperren (...) um eine Karriere als YouTube-Star in Angriff zu nehmen: Jeden Tag plant sie ein experimentelles Tanzvideo auf der Plattform hochzuladen, und damit zur erfolgreichen Influencerin zu werden,
Ich habe so eine Idee, warum das nicht funktioniert hat. :wink: :kicher:
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Maulwurf
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Re: The Future - Miranda July (2011)

Beitrag von Maulwurf »

Viel kenne ich von ihm bislang noch nicht, aber kann es sein, dass mich THE FUTURE an die Filme von Michel Gondry erinnert? Diese liebenswerte Abgedrehtheit und dieses kindlich-hemmungslose "spielen" mit den filmischen Formen, das habe ich so auch in SCIENCE OF SLEEP - ANLEITUNG ZUM TRÄUMEN gesehen. THE FUTURE scheint mir auf jeden Fall eine Sichtung wert zu sein - Vielen Dank für den Tipp! :D
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Salvatore Baccaro
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Re: The Future - Miranda July (2011)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

Arkadin hat geschrieben: Mo 23. Aug 2021, 23:34
Salvatore Baccaro hat geschrieben: Mo 23. Aug 2021, 17:19 Sie lassen sich den Internetzugang sperren (...) um eine Karriere als YouTube-Star in Angriff zu nehmen: Jeden Tag plant sie ein experimentelles Tanzvideo auf der Plattform hochzuladen, und damit zur erfolgreichen Influencerin zu werden,
Ich habe so eine Idee, warum das nicht funktioniert hat. :wink: :kicher:
Haha. Als das mit den Videos losgeht, summt das Netz allerdings schon wieder...
Maulwurf hat geschrieben: Di 24. Aug 2021, 05:37 Diese liebenswerte Abgedrehtheit und dieses kindlich-hemmungslose "spielen" mit den filmischen Formen
Den Gondry-Film kenne ich nicht, aber die Beschreibung trifft THE FUTURE schon ganz gut, - auch wenn das Ende weniger verspielt, sondern wirklich herzzerreißend ist...
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Salvatore Baccaro
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Re: The Future - Miranda July (2011)

Beitrag von Salvatore Baccaro »

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Inzwischen habe ich mir nun auch Miranda Julys Erzählband "No One Belongs Here More Than You" aus dem Jahre 2007 besorgt und innerhalb weniger Tage verschlungen. Der Ton dieser insgesamt sechzehn Short Stories ist durchaus mit dem zu vergleichen, den ihr (Spiel-)Film THE FUTURE anschlägt: Es wimmelt vor skurrilen Figuren, die sich an fixen Ideen, pathologischen Phantasien, aus der Reihe tanzenden Obsessionen festklammern; von Momenten, in denen eintönig-triste Alltage durch das Hereinbrechen manchmal sexueller, manchmal erhabener, manchmal zutiefst verstörender Wunder, Transzendenzerfahrungen, zwischenmenschlicher Begegnungen aus den Angeln gehoben werden; teilweise in einem Satz kann die Atmosphäre von naiver Unbekümmertheit zu abgründigen Tunnelblicken umschlagen, manchmal steht beides gleichwertig nebeneinander. Da die meisten Geschichten von Ich-Erzählerinnen in einem wiederkehrenden lakonischen Tonfall und in einer fragmentarischen Struktur vorgetragen werden, wirkte es auf mich über weite Strecken so, als würde ich weniger isolierte Kurzgeschichten lesen, sondern skizzenhafte Tagebuchnotizen ein und derselben Figur, obwohl die Episoden inhaltlich freilich dann doch eine große Bandbreite an Szenarien abdecken: Ein New-Age-Hippie-Ehepaar, das sich auseinandergelebt hat und dessen Beziehung einen letzten Höhepunkt feiert, als man sich als Statisten am Set eines Pädophilen-Melodramas verdingt; eine Frau, die als Teenagerin eine Sexbeziehung mit einem Schattenwesen eingeht, diese irgendwann im Laufe ihrer Jugendzeit aufkündigt, weil sie sich nach einem Liebhaber aus Fleisch und Blut sehnt, und dann eine Liebesenttäuschung nach der nächsten erlebt; ein Single-Mann, der sich in die Schwester seines Arbeitskollegen verknallt, obwohl er sie nie gesehen hat, und obwohl diese, was ein offenes Geheimnis ist, gar nicht existiert, da sie der Arbeitskollege erfunden hat, um seinerseits die Liebe des Single-Manns abzuschöpfen, in den er heimlich verknallt ist. Manche Texte haben mir besser gefallen als andere, - zumeist die längeren (circa 30 bis 40 Seiten) besser als die kürzeren (5 bis 10 Seiten), die dadurch naturgemäß sehr bruchstückhaft ausgefallen sind, - und vielleicht kann man es bemängeln, dass der Stil nicht wirklich varriiert und sich vieles auch thematisch ein bisschen deckungsgleich zueinander verhält, mancher Satz 1:1 zwischen einzelnen Texten alternieren könnte, doch insgesamt ist das durchaus eine kleine literarische Sensation gewesen, in die eigenartige Welt Julys abzutauchen, die man am ehesten vielleicht noch als "schwarzhumorigen Magischen Realismus mit sachten gesellschaftskritischen Tendenzen" umschreiben könnte.
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