Papaya – Die Liebesgöttin der Kannibalen
Papaya dei Caraibi
Italien 1978
Regie: Joe D‘Amato
Melissa Chimenti, Sirpa Lane, Maurice Poli, Nat Bush, Dakar, Maria Grazia Smaldone

- Papaya - Die Liebesgöttin der Kannibalen.jpg (65.45 KiB) 42 mal betrachtet
OFDB
PAPAYA beginnt damit, dass die Kamera eine wunderschöne junge Frau streichelt, die fast nackt am Strand liegt und verführerisch vor sich hinlächelt. Die Frau geht langsam über den Strand, dann liegt sie wieder eine Zeitlang, und irgendwann läuft sie zu einer einsamen Hütte in einem Wald, verfolgt von zwei dubiosen Finstermännern. In der Hütte liegt ein Mann, der sich über das Erscheinen der Frau freut. Man streichelt sich, man küsst sich, man vögelt, immer wieder spannungsfördernd unterbrochen von der Ansicht der beiden Männer, und irgendwann gleitet die Frau den Körper des Mannes hinunter, nimmt da was in den Mund – und beißt das Ding schnippschnapp ab!
Wenn PAPAYA so weitergehen würde, dann wäre dies ein ziemlich heftiger Erotik-Horror-Thriller vor dem Herrn. Sex und Gewalt vor tropischer Kulisse. Nackte Frauen, die nach dem vollzogenen Akt Männer blutigst kastrieren. Merkwürdige Gestalten, die hinter diesen Frauen herschleichen und eine zwielichtige Atmosphäre verbreiten. Hui, was für ein Heuler!
Allerdings geht PAPAYA anders weiter: Wir lernen Sara kennen, eine schöne und bevorzugt halbnackte Journalistin, die Vincent wiedertrifft, einen Freund aus früheren Tagen, und eigentlich möchte man erst mal eine Runde horizontal verbringen. Doch nach dem Einseifen und Duschen findet Sara im Hotelzimmer eine Leiche – Einen Kollegen von Vincent, der hier in seiner Eigenschaft als Ingenieur ein Atomkraftwerk bauen soll. Und zwar genau dort, wo die Insel am Schönsten ist. Zivilisation zu den Einwohnern bringen, so wird das genannt. Dass dies den Einwohnern nicht so recht schmeckt, dass sie in neue Häuser umgesiedelt werden, die ja viel schöner sind als die alten?
Um die Zivilisation kümmern wir uns, um die Tradition können sie sich selber kümmern, so drückt Vincent das aus, und die eigentliche Meinung der Menschen ist ihm scheißegal. Sara sieht das etwas anders, und irgendwann wird dann auch klar, dass der Tote in Vincents Hotelzimmer nicht der erste tote Ingenieur ist. Und dass Papaya, die Schönheit vom Beginn des Films, Angestellte des Kraftwerkkonzerns gezielt durch den Einsatz von Sex tötet.
Wenn PAPAYA sich auf Sex, Mord und Totschlag konzentrieren würde, dann, ja dann wäre dies ein Film nach dem sich alle B-Film-Basterds die Finger lecken würden. Und nach der Papaya-Darstellerin Melissa Chimenti gleich mit. Aber leider ist PAPAYA vollgestopft mit Dialogen, mit Landschaftspanoramen, mit noch mehr Dialogen, und mit viel Autofahren und doofen Dialogen. Selten einmal kommt Stimmung auf, aber wenn, dann ist Party angesagt. Da ist diese Feier des Roten Steins, ein Eingeborenenritual, dass Vincent zum herablassend lächeln bringt, ist dies doch nur dummer Aberglaube von ein paar Wilden, und sonst nichts. Aber auf der Suche nach diesem Ritual laufen Vincent und Sara zuerst lange durch völlig leere und desolate Gassen eines verlassenen Dorfes, und die Gassen werden dabei immer klaustrophobischer und unheimlicher. Als sie dann auf der Feier sind, völlig beömmelt von den Tänzern und den aufgeschnittenen Schweinen, und den wie hypnotisierten Musikern zuschauen, da wird auch hier die Stimmung immer dichter und finsterer, ein Netz aus Angst und Terror zieht sich spürbar um die beiden Westler zusammen, und nur weil Joe D’Amato die Szene viel zu früh beendet, werden wir niemals Zeuge einer Gruppensexorgie inmitten zweier frisch geschlachteter und ausgebluteter Schweine …
Trotzdem, es sind immer wieder dichte Momente dabei, bei denen sich die Meisterschaft D’Amatos zeigt. Und es hat gleichzeitig auch immer wieder diese langen und langweiligen Dialoge, welche die Handlung kein Stückchen voranbringen, sich aber den Begriff
Erklärbär recht eindeutig raushängen lassen. Die Bewohner des umgesiedelten Dorfes sehen aus und benehmen sich wie eine Bürgerrechtsbewegung bestehend aus Theologiestudenten, nicht wie Leute die Ingenieure ermorden, und genauso debattieren sie auch. Ein wenig mehr an Action hätte es da gerne sein dürfen. Sein sollen. Sein müssen …
Trotzdem, PAPAYA hat seine Momente. Momente mit Melissa Chimenti. Momente mit Sirpa Lane. Momente mit beiden zusammen. Und auch Momente voller Magie. Mit oder ohne den Damen. Es passiert halt einfach knapp 90 Minuten nichts, und trotzdem wird der Film nicht langweilig, und trotzdem bleibt der Zuschauer die ganze Zeit dabei, genauso wie der Regisseur. Der nämlich entspannt sich, freut sich, schweift mit den Gedanken sonstwohin, ist aber doch irgendwie immer beim Film. Und das konnte nur einer: Joe D’Amato, der Meister des konzentrierten cineastischen Nichts. Ein schöner Film. Trotzdem …
6/10