Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Alles, was nichts oder nur am Rande mit Film zu tun hat

Moderator: jogiwan

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buxtebrawler
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Frank Schäfer – Metal Antholögy: Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen

Nach „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ aus dem Jahre 2010 und „Talking Metal“ (2011) komplettierte der Braunschweiger Autor, Journalist und Ex-Metal-Gitarrist Frank Schäfer im Jahre 2013 mit „Metal Antholögy – Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen“ seine Metal-Buch-Trilogie für den Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Allen drei Werken ist gemein, dass Lemmy Kilmister den Schutzumschlag ziert. Nachdem „Talking Metal“ ausschließlich aus Interviews mit Szene-Protagonistinnen und -Protagonisten bestand, mischt Schäfer hier wieder Platten-, Festival- und Musikbuch-Rezensionen mit Coming-of-age-Anekdoten und Vergangenheitsbewältigung, in die er Songempfehlungen situativ einflicht, Band-/Musiker-Kurzbiographien, jüngeren persönlichen Geschichten, Beobachtungen usw. miteinander – rund 260 zwischen zwei feste Buchdeckel gebundene Seiten und 81 Kapitel lang sehr abwechslungsreich und pointiert, aber nur witzig, wenn intendiert.

Wie oft bei Schäfer dreht es sich dabei nicht ausschließlich um das, was man sich heutzutage unter Metal vorstellt, der Mann hat auch ein Faible für Musik der 1970er und noch frühere. So finden sich auch hier immer wieder Ehrerbietungen an THIN LIZZY, eine seiner Lieblingsbands. Manches hat nur sehr am Rande überhaupt mit Musik zu tun, beispielsweise wenn er ausgehend von einem Zahnarztbesuch auf Italo-Film-Erlebnisse zu sprechen kommt. Einer meiner Höhepunkte ist sein Bericht von VICIOUS RUMORS live in Gifhorn. Aus der Vorstellung seiner 59 favorisierten Livealben habe ich mir das eine oder andere zum Reinhören notiert, VENOMs „Eine kleine Nachtmusik“ darf man hier aber nicht erwarten – BLIND GUARDIANs famose „Tokyo Tales“ leider auch nicht, was mich etwas überrascht hat.

Schäfer testet ein Rock-Gesellschaftsbrettspiel und spricht sich witzigerweise im nächsten Kapitel gegen ebensolche aus. Musiker Jari Antti kommt zu Interview-Ehren. Im schön geschriebenen Abriss über die Eidgenössen KROKUS hätte er auf den AC/DC-Vergleich hin vielleicht noch schreiben können, dass sie nach ihrer zwischenzeitlichen Versoftung in den 1980ern wieder metallischer wurden, vgl. das Album „Heart Attack“. Ein weiterer Höhepunkt ist sein Erlebnisbericht vom Besuch einer Plattenbörse. Er beschreibt sein erstes Mal – bzw. das Drumherum – und huldigt Tony Jasper sowie dessen Heavy-Metal-Show im Radioprogramm der ‘80er, den er ebenfalls interviewt. Nicht so zwingend finde ich die mehrseitige schlichte Auflistung von Songs, die „Metal“ im Titel tragen.

Ansonsten stellt er die eine oder andere Band jüngere Band vor und beschreibt das Gitarrenspiel diverser Gitarristen mit einigen musiktheoretischen Fachbegriffen, geht also über das übliche in Musikzeitschriften gebotene Niveau hinaus. Ein weiteres Steckenpferd ist das Schreiben über andere, die über Musik geschrieben haben – diesmal über Lester Bangs, was einen weiteren Höhepunkt des Buchs darstellt und mit dem er gemein hat, als Musikkritiker weit mehr als reine Gebrauchsliteratur zu erzeugen. Folgerichtig wird Schäfer auch auf Lesungen eingeladen, die er hier rekapituliert. Eine fand sogar auf einer dieser unsäglichen Wacken-Kreuzfahrten statt. All dies und mehr wird von einem diesmal verhältnismäßig hohen (Schwarzweiß-)Bildanteil aufgelockert, der unter anderem Fotos und Scans historischer Eintrittskarten zeigt. Bei manchen Kapiteln handelt es sich sogar um reine Fotostrecken, deren Material sich jedoch nicht durchweg für farblose Abbildung oder die Verkleinerung auf Briefmarkengröße eignet; zudem habe ich einen Doppler entdeckt.

Weitere kritische Anmerkungen: Tony Iommi hat Lymphdrüsen-, nicht Blutkrebs, und HELLOWEEN spielten anfänglich Speed Metal, nicht Thrash Metal – das würde ich schon gern unterscheiden. Das eine oder andere Kapitel kommt mir auch wie üblich aus vorausgegangenen Büchern Schäfers verdächtig bekannt vor. Davon unabhängig habe ich die Lektüre aufgrund Schäfers persönlich geprägten und kreativen Schreibstils, seines sympathischen Humors und gerade auch seiner steten Sicht über etwaige Tellerränder hinaus einmal mehr genossen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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karlAbundzu
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Beitrag von karlAbundzu »

Rose McGowan: Mutig
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Eine Mischung aus Autobiographie und Enthüllungsbuch. Rose McGowan, edgy Serienstar, independent Filmdarstellerin, Partnerin berühmter Männer und eine Frau, die ihren Mund bei metoo aufmachte.
Kindheit bei einer christlichen Sekte, die aus der Hippieszene entstand, in Italien verbracht, Jugend dann in den USA, mal beim Vater, mal bei der Mutter, mal bei der Tante, eine Zeitlang auf der Straße. Meist umgeben von gewalttätigen und/oder toxischen Männern. Und selbst als es mit der Schauspielerei losging, war sexuelle Belästigung und Übergriffigkeit immer da. Da gab es Szenarien, die angenehmer waren, einzelne Personen, die sie unterstützten, doch meist wurde sie benutzt oder hintergangen auch von den Leuten, denen sie vertraute. Die Beschreibung der Vergewaltigung durch Weinstein ist dabei kaum zu ertragen, den Verrat durch Rodriguez bitter, zumindest Manson hat sich während ihrer Beziehung korrekt verhalten, nur hinterher leider nicht. Es werden nicht immer Namen genant, ich glaube, wenn man es bei den Schauspielern wissen will, ist es leicht zu googeln. Interessant, dass gerade Aaron Spelling gut bei weg kommt.
So deckt sie die eklige Hülle Hollywoods auf, und das jeder, der mitspielte, auch von einigem wusste.
So beschreibt sie auch ihren weg daraus, ihrer wechselhaften Beziehung zu ihrem Vater.
Angenehmerweise trennt sie da auch oft Produkt von den Bedingungen, auch wenn sie Planet Terror ein wenig überbewertet. Und wie so oft bei solchen Befreiungswegen bekommt man auch einen so und nicht anders muss es sein Gefühl, der allerdings nachvollziehbar ist.
Insgesamt auch gut und spannend geschrieben und ein wichtiger Appell. Im Prinzip wird das Problem der toxischen Männlichkeit ja wieder schlimmer.

Cixin Liu/Rodolfo Santullo: Meer der Träume
Cixin_Liu_03_Meer_der_Traeume_lp_Cover_900px.jpg
Cixin_Liu_03_Meer_der_Traeume_lp_Cover_900px.jpg (436.1 KiB) 392 mal betrachtet
Cixin Liu ist mir auf der Suche nach guter aktueller SciFi empfohlen worden, und die Trisolaris-Trilogie habe ich verschlungen. Schöne Mischung aus Hard Sci Fi, Philosophisches, Moralisches und Sozialkritik. Der Splitter-Verlag veröffentlichte eine Reihe mit Einzelbänden, die sich jeweils eine Kurzgeschichte von ihm vornahmen. Hier eine Geschichte über einen Freizeit-Eis-Künstler, der sich mit einem intergalaktischen Eiskünstler austauscht, dieser inspiriert das gesamte Wasser der Erde für ein Kunstwerk nutzt.
Moderne europäische Zeichnungen treffen auf Liu-typische Themen und Erzählweisen.
Ist mit 88 Seiten ein recht kurzes Vergnügen, aber dafür eben ein großes Vergnügen: Zeichnungen und Geschichte gefallen.
Die anderen müssen auch mal her.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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buxtebrawler
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Kay Czucha – Fliegende Piranhas

„Fliegende Piranhas“ aus dem Jahre 1983 ist eine weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Mit seinem Umfang von rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unnummerierten) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch reiht es sich nahtlos ins damalige Verlagsprogramm ein.

Cartoonist Kay Czucha versammelt hier Cartoons und Kurzcomics im gröberen Karikaturstil – vom sich verschwenderisch über zwei Seiten erstreckenden riesigen Einzelbild bis zur sechspaneligen Seite. Manche querformatige Zeichnung hätte sich im ebensolchen Format gedruckt besser gemacht als im Hochformat. Viel satirische Politik- und Systemkritik sowie Verballhornung einer reaktionären Exekutive und eines bigotten Klerus, beseelt vom damaligen Zeitgeist innerhalb der progressiven Linken und Anarchos, hinterlassen einen positiven Eindruck. Demgegenüber stehen viele alberne bis lahme Gags, die es eben auch in dieses Buch schafften, das man zudem sehr schnell durchgeblättert hat.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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buxtebrawler
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Beitrag von buxtebrawler »

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Christine Coring – Das Levikon

Dieses im Jahre 2021 im Münchner Kunstmann-Verlag erschienene, rund 210-seitige Taschenbuch ist eine Mischung aus einer Sammlung mehr oder weniger kurioser und für Nichtmuttersprachler nicht gleich verständlicher Wörter und Redewendungen – teils vornehmlich regional auftretend oder als veraltet bzw. jugendsprachlich geltend – und einem Vokabelheft zum Selbstausfüllen.

Es möchte zum einen Freude am Umgang mit Sprache vermitteln, indem es für im Grunde kuriose Wortschöpfungen und den Metapherreichtum des Deutschen sensibilisiert, und zum anderen ganz konkrete Hilfestellung denjenigen bieten, die häufig nur Bahnhof verstehen. Zudem ruft es dazu auf, es eigenhändig zu erweitern, wenn man selbst etwas aufschnappt. Das ist ein lobenswerter Ansatz, den das Buch mit seinem bunten Layout unterstreicht. Besonders gelungen ist die humorige grafische Gestaltung vieler Wörter, die ihre Bedeutung dadurch visualisieren.

Wer es jedoch nicht selbst vollschreiben und nur kurzweilig unterhalten werden möchte, wird schnell feststellen, dass er eben etliche fast leere Seiten gekauft hat. Hier und da runzelte ich dann auch etwas mit der Stirn: Jemanden zu zeigen, was eine Harke ist, bedeutet nicht, schlicht jemandem zu zeigen, wie man etwas richtig macht, sondern eine absolute Demonstration eigener Überlegenheit. Manche Begriffe habe ich noch nie gehört, Wörter wie „wehleidig“, „Dings“, „Kerzendocht“, „apathisch“, „Gräte“ oder „Weiche“ sollte man wiederum nun wirklich niemandem erklären müssen. Mancher Abschnitt ist auch enttäuschend knapp geraten: „Zinnober“ und „Bahö“ sind enthalten, „Bohei“ fehlt. „Astrein“ ja, das besonders schöne pseudoitalienische „picobello“ nein. Sich blümerant zu fühlen bedeutet nicht unbedingt Unwohlsein, und „verschlimmbessern“ bezieht sich nicht ausschließlich auf die Optik von etwas.

Ein besonderes Augenmerk wurde auf regionale Begriffe gerichtet. Schön, dass auch die deutschsprachigen Nachbarn aus Österreich und der Schweiz zum Zuge kommen. Alles in allem ist das unsortierte und ohne Inhaltsverzeichnis oder Index auskommende Buch aber ein ziemliches Durcheinander. Gelernt habe ich dennoch etwas, z.B. dass das perverse Wort „Fleischpflanzerl“ gar nicht Österreichisch, sondern Bayrisch ist.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Blap
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Blap »

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IMG_20260305_093701.jpg (2.07 MiB) 301 mal betrachtet
• Endstation Venedig (Donna Leon, 1993)

In Venedig wird die Leiche eines jungen Mannes aufgefunden, offenbar wurde er mit einem Messer erstochen. Bald kommt die Identität des Opfers ans Tageslicht, es handelt sich um ein Mitglied des amerikanischen Militärs. Die Ermittlungen führen Commissario Brunetti nach Vicenza, zum dort ansässigen Stützpunkt der US-Streitkräfte. Nach und nach zeichnet sich ein erschreckendes Bild ab, der Tod des jungen Soldaten war weit mehr als ein gewöhnlicher Mord ...

Erneut schildert uns die Autorin herrliche Momente aus dem Milieu der Lagunenstadt, zeigt uns Brunetti als pulsierenden Teil dieses Umfeldes. Dem stehen Verstrickungen und kriminelle Machenschaften gegenüber, die hinter schönen Fassaden lauern und sich bis in höchste Kreise der Gesellschaft ziehen. So mangelt es nicht an Systemkritik, inklusive des Themas Umweltzerstörung durch extrem giftige Schadstoffe. Obschon mache Nebenfigur für Schmunzler sorgt, siehe Brunettis vertrottelter Vorgesetzer Patta, ist der Roman von ernster Natur und zeigt dem Ermittler die Grenzen seiner Stellung innerhalb und außerhalb des Polizeiapparates auf. Interessant bleibt die nicht einfache Beziehung Brunettis zu seinem einflussreichen Schwiegervater. Ich bin darauf gespannt, ob diese Thematik in den nächsten Büchern vertieft wird.

Das zweite Buch um Brunetti verleiht dem Protagonisten und seinem Umfeld noch mehr Konturen. Die Freude auf den nächsten Band ist ungebrochen, gleichwohl werde ich mich zunächst nach Ystad zu Wallander begeben. ... und der Simmel-Entzug muss ebenfalls zur Ruhe gebracht werden.
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buxtebrawler
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Rolf Boyke – Die gesemmelten Abenteuer von Hanni und Kutte

Aus dem Jahre 1984 stimmt diese weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch immer jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Sie umfasst wie gewohnt rund 150 unkolorierte, handgeletterte (und leider erneut unnummerierte) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch – und passt mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung einmal mehr zum Verlagsprogramm wie das Bierchen zum Fußball: Perfekt.

Auf den ein- bis fünfpaneligen, standardmäßig vier Panels im, wann immer nötig, flexiblen Grid umfassenden Seiten finden sich humorige bis satirische Geschichtchen und Geschichten im Funny-Stil um das Paar Hanni und Kutte aus der Anarchoszene, das in einem besetzten Haus lebt und sich gegen das Abrissunterfangen wehrt. Die erste längere Geschichte dreht sich um Beziehungskisten sowie gebetene und ungebetene Gäste – und überzeugt mit köstlichem Humor. In der nächsten längeren Erzählung wollen die beiden spontan in den Urlaub fahren, woraus leider nur Camping auf dem Lande inklusive zahlreicher Widrigkeiten sowie Begegnungen mit einer Neo-Hitlerjugend und dem Militär wird. Grandios und vermutlich aktueller denn je. Und der dritte längere Schwank aus dem Leben unserer Titelhelden wird als Liebedrama angekündigt und nimmt Esoterikgeschwurbel aufs Korn. Hanni lässt sich wahrsagen, sie werde einen tollen Typen kennenlernen. Daraus resultiert eine furiose Geschichte über Suff und Eifersucht.

Am Schluss ist das besetzte Haus dann leider abgerissen worden, bis dahin aber präsentierte sich die ja oft bei Semmel vertretene (ich nenne sie mal) linksalternative Szene erfrischend selbstironisch. Onepager und Kurzgeschichten fungieren als Intermezzi dieses wiederentdeckungswürdigen, hintergründigen Spaßes.

Zeichner und Autor Boyke hatte zuvor für „Hinz & Kunz“ gezeichnet und sein Semmel-Stelldichein durch seine Mitarbeit an „Friede · Freude · Eierkuchen“ gegeben. Ich freue mich schon auf seine weiteren Arbeiten für den Kieler Kultverlag.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von buxtebrawler »

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Neue Pullover Comics

Hierbei handelt es sich um eine weitere Kompilation des Kieler Semmel-Verlachs. Mittlerweile schrieb man das Orwell-Jahr 1984 und der Verlag trat inzwischen mit seiner kultgewordenen „Verlach“-Schreibweise auf dem Buchumschlag auf. Der Band vereint auf den gewohnten rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unpaginierten) Seiten im großen Taschenbuch Comic-Beiträge der Künstler Brösel, Volker Reiche, Bernd Pfarr, Fritsche, Drühl und Michael Gutmann.

Pullover also – auf dieses Thema für eine Comiczusammenstellung muss man erst mal kommen. „Der Pilz“ ist wilder Slapstick Brösels um das zusammenlebende Paar aus Wolf Wolfgang und Bär Dietlof, beide anthropomorph, und Wolfgangs neuen Pullover, auf dem ihn die Abbildung eines Pilzes nervt. Größere Panels und einfachere Zeichnungen finden sich bei Bernd Pfarr, dessen anthropomorphe, sich als Maurer verdingende Ente Dulle einen Pullover braucht – was zu einer etwas arg harmlosen Verwechslungsgeschichte gerät. Der Erwin-Ärmel-Onepager erinnert mich an den hessischen Badesalzhumor. Völlig genial: Brösels quasi dialoglose, zumindest schriftfreie Geschichte über mediale Beeinflussung durch das Fernsehen, die surreal wird. Drühl dröselt in hochwertigem Zeichenstil die Geschichte der Pullover auf – als handle es sich bei ihnen um parasitäre Lebewesen, die irgendwann eine unheilige Allianz mit den Menschen eingingen. Per grobschlächtigerem Zeichenstil schickt Fritsche seinen Käptn Pulver auf die Jagd nach dem wollenen Vlies. Die Geschichte entpuppt sich jedoch als Traum dieses versoffenen alten Seefahrers, in dem er sogar vom weißen Hai gefressen wird, der ihn prompt wieder auswürgt.

Auf einen Wortspiel-Quickie Brösels folgt noch einmal Dulle, der jemanden beauftragt, das Grab seiner Mutter während seiner Abwesenheit zu pflegen und den Grabstein mit einem Pullover zu polieren – naja... Gutmann ist mit einem satirischen Modejournal über Männer in Pullovern vertreten und zeichnete ferner ein etwas müde pointiertes Gespräch auf der Straße. Brösel und Reiche arbeiteten für den Frankfurter Heinz zusammen, der mit seinem Kumpel Ossi an die Nordsee schüsselt und eine Wattwanderung mit ihm unternimmt. Heinz findet dort einen alten Pullover und man picknickt; Ossi besorgt Flens und man lässt es sich gutgehen. Die Dialoge finden ausschließlich im Dialekt statt, aus der Mundart ergibt sich der eigentliche Witz dieser Geschichte.

Und als Fan befunde ich: Sollte man allein schon aufgrund der Beiträge Brösels im Comicregal stehen haben.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von karlAbundzu »

C. K. McDonnell - Relight My Fire
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relight-my-fire-gebundene-ausgabe-c-k-mcdonnell.jpeg (85.93 KiB) 175 mal betrachtet
Der vierte Band der Stranger Times Reihe. Die Stranger Times ist eine Wochenzeitschrift, die von unheimlichen Phänomenen berichtet. Von niemanden so recht Ernst genommen, aber klar, da passieren einige Dinge in und um Manchester, die mit unheimlich nur allzu unzureichend beschrieben werden können.
Ich mag die Reih eund die Figuren sehr. Der Titel ist ja immer einem Song entliehen, dass es in Manchester, Englands heimliche Musikhauptstadt, spielt, ist kein Zufall. Und um Musik geht es hier auch direkt: Ein ehemaliger Indy-Rock-Star arbeitet heimlich an einem Comeback, versucht seinen ehemaligen Songschreiben aufzutauen, und verbündet sich mit einer ziemlich mächtigen Mad Scientist Witch.
Wieder wunderbar und sehr humorvoll geschrieben, die Stranger Times Mitarbeiter*innen werden vom Autor geliebt, das spürt man, neu im Team ist ein wortkarger Ghul.
So ist es neben der Story auch eben eine Satire auf den Musikzirkus und den Starrummel, das hat McDonnell sehr genau beobachtet und auseinander genommen. Einzig schade fand ich, dass sich zu Beginn ein wenig Aufklärung um die Figur Stella andeutet, es aber dabei bleibt und man nicht viel mehr über sie erfährt.
Ich bleibe dran, der fünfte Band müsste auch schon auf deutsch draußen sein.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Dick Cockboner »

buxtebrawler hat geschrieben: Fr 13. Feb 2026, 10:45 „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“
:-o
Was für ein toller Titel... :pino:
Klingt sehr nach einer Lifestyle- Kolumne aus der "Brigitte". :pfeif:
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von buxtebrawler »

Dick Cockboner hat geschrieben: Fr 13. Mär 2026, 18:52
buxtebrawler hat geschrieben: Fr 13. Feb 2026, 10:45 „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“
:-o
Was für ein toller Titel... :pino:
Klingt sehr nach einer Lifestyle- Kolumne aus der "Brigitte". :pfeif:
Erstaunlich, wie gut du dich mit der Brigitte auskennst :pfeif:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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