Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Alles, was nichts oder nur am Rande mit Film zu tun hat

Moderator: jogiwan

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Dick Cockboner
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Dick Cockboner »

buxtebrawler hat geschrieben: Fr 13. Mär 2026, 20:20
Dick Cockboner hat geschrieben: Fr 13. Mär 2026, 18:52
buxtebrawler hat geschrieben: Fr 13. Feb 2026, 10:45 „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“
:-o
Was für ein toller Titel... :pino:
Klingt sehr nach einer Lifestyle- Kolumne aus der "Brigitte". :pfeif:
Erstaunlich, wie gut du dich mit der Brigitte auskennst :pfeif:
:mrgreen:
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buxtebrawler
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von buxtebrawler »

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Henning Schöttke – Die Abenteuer der Kannibalin Latona

Der Hamburger Comiczeichner, Illustrator und Autor Henning Schöttke debütierte im Jahre 1983 mit seiner Graphic Novel „Latona“ im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“). Die rund 120 unkolorierten Seiten des großen Taschenbuchs sind handgelettert und im Gegensatz zu anderen frühen Semmel-Veröffentlichungen paginiert.

Latona ist eine sog. Wilde, eine im fernen Dschungel lebende Häuptlingstochter, die dort mit einem weißen Diamantensucher zusammenlebte. Nach dessen Tod reist sie in die Zivilisation, um dessen letzten Willen zu erfüllen und Diamanten an eine Vera Morales zu übergeben. Dabei lernt sie Max, einen jungen weißen Städter, kennen, der ihr erst hilft, sich zurechtzufinden, sich dann in sie verliebt und schließlich zurück in ihren Dschungel begleitet. Doch Latona, die ihren Max nur Utumba nennt, ist Kannibalin…

Schöttke trumpft mit schönen detaillierten Zeichnungen auf, eingebettet in eine sehr aufgeräumte Panelstruktur. Die Panels in flexibler Größe sehen auf dem großzügigen Seitenhintergrund zwar echt schnieke aus, manchem hätte ein etwas größerer Abdruck aber gutgetan. Ein paar wenige Rechtschreibfehler („hälst“ statt „hältst“) haben sich eingeschlichen, halten sich aber in sehr überschaubaren Grenzen. Die Geschichte unterhält zunächst mit Culture Clash und arbeitet mit Begriffen aus der fiktionalen Sprache Latonas. Max verknallt sich in die Kriegerin, während sie sich ihn schon als Braten vorstellt und wiederum missversteht, dass er sie „vernaschen“ will. Nach erledigter Diamantenübergabe bei Vera Morales und Sex mit Max will sie zurück in den Urwald, doch Max überredet sie, ihn mitzunehmen – ohne Visum, Schutzimpfung oder Reiseapotheke, wie er schließlich bemerkt. Was er nicht ahnt: Zurück in Latonas Dorf soll er gegessen werden.

Sie weiht ihn während der Reise ein, wie sie und ihr Volk in Einklang mit der Natur leben. Sie jagen Tiere, die sie grillen und verspeisen, kämpfen mit einem Krokodil… Max versucht, sie zu beeindrucken, bringt sich und sie damit aber öfter mal in Gefahr. Zwei Männer der vermeintlichen Vera Morales sind hinter ihnen her, weil sie mehr Diamanten und den Goldschmuck will. Einer von ihnen landet überm Feuer und wird verspeist, wobei Max Glauben gemacht wird, es handle sich um ein Sumpfschwein. Erst bei Ankunft kapiert Max, dass seine Angebetete eine Kannibalin ist.

„Die Abenteuer der Kannibalin Latona“ wird vom Culture-Clash-Spaß zum Abenteuer im Dschungel, inklusive gezeichneter Sexszenen. Eine quasi-feministische Geschichte, weil eine Ehrerbietung an starke, kräftige, selbstbewusste Frauen, zugleich durch die männliche Perspektive fetischiert. Und es geht um Cockringe. Das Ende ist ein offenes inklusive Ankündigung einer Fortsetzung, die aber offenbar leider nie erschien. Als Bonus finden sich die Entstehung eines Bilds in acht Phasen sowie ein Kurzporträt des Schöttkes.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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buxtebrawler
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von buxtebrawler »

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Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Das Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten

Dietmar Wischmeyers erstes „Logbuch“ stammt aus dem Jahre 1997 und lautete „Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Um eine der vielen Fortsetzungen handelt es sich bei diesem „Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten“, erschienen im Jahre 2002 im Münchner Ullstein-Verlag als rund 130 Seiten umfassendes Taschenbuch.

Satiriker Wischmeyer versammelt hier ungefähr 50 weitere seiner verächtlichen, bissigen Radiokolumnen, kulturpessimistische Polemiken aus spitzer Feder. Einschübe wie humoristisch absurde Namensfindungsversuche eines Paars fürs Kind oder eine leider nur mäßig witzig kommentierte Fotostrecke in der Buchmitte lockern die Kapitel auf. Wischmeyers Rundumschlag ist keiner Ideologie oder sonst irgendwem oder irgendetwas verpflichtet, was ihn sehr erfrischend macht. Es trifft nicht immer die Richtigen (Schlingensief?!), manches wirkt etwas weit hergeholt oder erzwungen, hier und da wäre vielleicht doch etwas Demut ratsam gewesen. Einiges ist aber auch verdammt gut beobachtet (Der Rumlatscher im Zug! Die homophoben Dauerpubertierenden!). Zudem findet sich einiges an Zeitkolorit, wodurch die Glossen mitunter aber auch etwas überholt wirken. Großartig: „Die Bibel in 15 Minuten“. Und mit dem Radiogespräch „Wohin steuert die SPD?“ wandelt Wischmeyer auf den Spuren Loriots.

„Das absolut Ekelerregende am deutschen Analcharakter ist ja sein Obrigkeitsduckmäusertum und dessen Kehrseite: das unkontrollierte Saurauslassen, sobald keiner mit der Knute daneben steht.“

Pointierte Abrechnungen mit den Schattenseiten deutscher Mentalität und Gesellschaft wie in obigem Zitat sind eine feste Säule der Tiraden Wischmeyers und zählen zu den Höhepunkten des Buchs, das mir ungeachtet ein paar weniger Silbentrennungs- und Zeichensetzungsfehler direkt Lust aufs nächste Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten macht – das natürlich in der immer breiter werdenden Regalzeile ungelesener Bücher längst bereitsteht, denn auch ich zähle zu den Bekloppten und Bescheuerten…
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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Blap
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Blap »

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IMG_20260320_085439.jpg (3.95 MiB) 245 mal betrachtet

• Die falsche Fährte (Henning Mankell, 1995)

Im Sommer des Jahres 1994 bekommt es Kommissar Wallander mit mehreren Fürchterlichkeiten zu tun. Zunächst übergießt sich eine junge Frau mit Benzin und verbrennt vor den Augen des Ermittlers. Kurze Zeit später findet man die Leiche eines ehemaligen Ministers auf, offenbar wurde er am Strand vor seinem Wohnsitz erschlagen. Kein gewöhnlicher Mord, denn das Opfer wurde mit einer Axt getötet und anschließend skalpiert. Während die Ermittlungen zunächst auf der Stelle treten, hat der Täter sein nächstes Opfer bereits fest im Visier. Ein zweites Tötungsdelikt lässt nicht lange auf sich warten und setzt das Team um Wallander massiv unter Druck ...

Der fünfte Wallander-Roman wirft uns mitten in einen schönen schwedischen Sommer, ein harscher Kontrast zu der thematisieren Mordserie. So sind die Tötungen grausam und gnadenlos, während Motiv und Enttarnung des Täters sogar noch erschreckender anmuten. Mankell thematisiert einmal mehr die allgemeine Verrohung der Gesellschaft, zumindest einzelner Teile der Gesellschaft, wirft erneut einen kritisch bohrenden Blick auf die Oberschicht Schwedens. Themen wie Korruption und Menschenhandel stehen als dicke Ausrufezeichen im Raum, Abgründe von entsetzlicher Tiefe.

Auch Wallanders Leben abseits seiner Polizeitätigkeit findet weiterhin statt. Vater, Tochter und seine Fernbeziehung sorgen für zusätzliche Griffigkeit, die dem Leser den Mensch Kurt Wallander noch näher bringt. Zorn über die Schrecklichkeit von Menschen und Systemen bleiben Wallanders Begleiter. Mankell entlässt uns dennoch mit einem feinen Moment kleiner Seligkeit aus dem fünften Roman um den kernigen Kriminalisten. Nein, kein Moment der Rache oder sonstiger Genugtuung gegenüber Bösewichtern oder anderem Gesindel, es ist ein wundervoller Moment an der Seite eines nahen Verwandten.

Erneut beide Daumen nach oben, ich freue mich schon jetzt auf Buch Nr. 6!
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Maulwurf
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Maulwurf »

Blap hat geschrieben: Fr 20. Mär 2026, 09:38 Der fünfte Wallander-Roman wirft uns mitten in einen schönen schwedischen Sommer, ein harscher Kontrast zu der thematisieren Mordserie. So sind die Tötungen grausam und gnadenlos, während Motiv und Enttarnung des Täters sogar noch erschreckender anmuten. Mankell thematisiert einmal mehr die allgemeine Verrohung der Gesellschaft, zumindest einzelner Teile der Gesellschaft, wirft erneut einen kritisch bohrenden Blick auf die Oberschicht Schwedens. Themen wie Korruption und Menschenhandel stehen als dicke Ausrufezeichen im Raum, Abgründe von entsetzlicher Tiefe.
Ich glaube, ich sollte mich auch mal mit Mankell beschäftigen. Zwei Romane stehen da, Die fünfte Frau und Die weiße Löwin, und an beide habe ich keine Erinnerungen. Aber das mit der Verrohung der Gesellschaft, das beschäftigt mich krimitechnisch gesehen ebenfalls. Ich lese seit einiger Zeit die Romane von Sjöwall und Wahlöö, natürlich in chronologischer Reihenfolge, und da ist diese Thematik ganz klar zu erkennen. Wie Dinge wie Morde an Kindern oder an Polizisten bereits Ende der 1960er in die Gesellschaft vordringen ...
Bei meinem über alles geliebten Arne Dahl sind wir dann in denn späten 90ern und frühen 00er Jahren, wo die Gewalt essentieller Bestandteil der (schwedischen?) Gesellschaft zu sein scheint. Mankell liegt zwischen Sjöwall/Wahlöö und Dahl, muss also ebenfalls her. Vielen Dank für den Tipp!! :prost:
Der Sieg des Kapitalismus ist die endgültige Niederlage des Lebens.
(Bert Rebhandl)
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Blap
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Blap »

Maulwurf hat geschrieben: Fr 20. Mär 2026, 10:37
Blap hat geschrieben: Fr 20. Mär 2026, 09:38 Der fünfte Wallander-Roman wirft uns mitten in einen schönen schwedischen Sommer, ein harscher Kontrast zu der thematisieren Mordserie. So sind die Tötungen grausam und gnadenlos, während Motiv und Enttarnung des Täters sogar noch erschreckender anmuten. Mankell thematisiert einmal mehr die allgemeine Verrohung der Gesellschaft, zumindest einzelner Teile der Gesellschaft, wirft erneut einen kritisch bohrenden Blick auf die Oberschicht Schwedens. Themen wie Korruption und Menschenhandel stehen als dicke Ausrufezeichen im Raum, Abgründe von entsetzlicher Tiefe.
Ich glaube, ich sollte mich auch mal mit Mankell beschäftigen. Zwei Romane stehen da, Die fünfte Frau und Die weiße Löwin, und an beide habe ich keine Erinnerungen. Aber das mit der Verrohung der Gesellschaft, das beschäftigt mich krimitechnisch gesehen ebenfalls. Ich lese seit einiger Zeit die Romane von Sjöwall und Wahlöö, natürlich in chronologischer Reihenfolge, und da ist diese Thematik ganz klar zu erkennen. Wie Dinge wie Morde an Kindern oder an Polizisten bereits Ende der 1960er in die Gesellschaft vordringen ...
Bei meinem über alles geliebten Arne Dahl sind wir dann in denn späten 90ern und frühen 00er Jahren, wo die Gewalt essentieller Bestandteil der (schwedischen?) Gesellschaft zu sein scheint. Mankell liegt zwischen Sjöwall/Wahlöö und Dahl, muss also ebenfalls her. Vielen Dank für den Tipp!! :prost:
Ich danke ebenfalls für die Tipps, habe Sjöwall/Wahlöö und Dahl gleich auf meine Liste gesetzt. :thup:

Wenn du Wallander erneut angehen möchtest, dann auf jeden Fall chronologisch vorgehen!
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Blap
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von Blap »

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IMG_20260323_105855.jpg (2.78 MiB) 197 mal betrachtet
• Die Tochter (Jessica Durlacher, 2000)

Max und seine Familie besuchen das Anne-Frank-Haus. Dort trifft er auf die reizvolle Sabine, bald entwickelt sich eine intensive aber auch mit Spannungen angereicherte Liebe. Irgendwann zieht Sabine bei Max ein, eines Tages ist sie ohne jede Vorwarnung unauffindbar verschwunden, möchte laut hinterlassener Nachricht auf nicht gesucht werden. Fünfzehn Jahre vergehen, wir befinden uns nun in den späten Neunzigern. Max verdient seine Brötchen als Verleger, auf der Buchmeese in Frankfurt am Main entdeckt unerwartet ein großes Werbeplakat mit Sabines Konterfei. Ein erneutes Aufeinandertreffen steht bevor ...

Jessica Durlacher erzählt eine wundervolle Liebesgeschichte, taucht den Leser in helles Licht, dunkle Schatten und gähnende Abgründe. Vor allem spielt die finstere Vergangenheit eine zentrale Rolle. Alle Protagonisten sind Juden, die Eltern der beiden Hauptcharaktere haben den Holocaust überlebt und noch immer mit den Erinnerungen an diese fürchterliche Zeit zu ringen. Diese Traumata wirken sich auch auf das Leben der nächsten Generation aus, belasten eine junge Liebe an und über ihre Grenzen.

Die Autorin wirft einen Blick auf das jüdische Leben nach der Schoa. Durlacher verliert sich dabei nie in der Beschreibung jüdischer Sitten und Bräuche. Nein, sie stellt die Charaktere angenehmerweise als Menschen mit ganz normalen Alltagsleben dar, bei denen Religion nur am Rande eine Rolle spielt. Erzählt wird aus Sicht von Max, der in Sabine offenbar die nahezu perfekte Partnerin gefunden hat, bis er plötzlich vor einem Verlust und vermutlich unlösbaren Rätsel steht.

Viel mehr möchte ich über diesen betörenden Roman gar nicht verraten. Nur noch soviel, dass ich die Zeichnung der Charaktere sehr faszinierend finde. Max und Sabine biedern sich dem Leser nicht an, manchmal kann ihr Verhalten gar für Irritationen sorgen, doch man bleibt ihnen stets in Sympathie und Empathie gewogen.

Dicke Empfehlung!
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karlAbundzu
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Beitrag von karlAbundzu »

Christiane F. - Mein zweites Leben
chrisF.jpg
chrisF.jpg (30.28 KiB) 182 mal betrachtet
Sozusagen die Fortsetzung von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Christiane F erzählt wie es ihr so nach der Zeit vor den Toren Hamburgs ging. Es war ja mitnichten so, wie es das Ende von Wir Kinder nahe legt, dass sie nur noch ab und an kiffte und ein gutes Leben suchte. Sie blieb weiterhin Junkie, zwischen H, Methadon, Entziehung. Der Unterschied ist, diesmal mit Geld (die Tantiemen von Wir Kinder und ganz kluge Anlagen scheinen wirklich ihr Leben zu finanzieren), also ohne Beschaffungskriminalität oder der Notwendigkeit, sich zu prostituieren.
Das Buch geht nicht chronologisch vor. Mal geht es um ihre Zeit in Griechenland, wo sie mit einem griechischen Hippie-Junkie umherzieht, dann wieder Hamburg in der Undergroundmusikszene, es geht um ihren Sohn, verschiedene Abtreibungen, später dann auch viel Paranoia.
Leider ist es vom Stil, als würde Christiane so drauf los erzählen, und das ist ohne Chronologie dann halt schwierig: Manchmal weiß man nicht, an welchen Punkt das gerade erzählte passiert, oder denkt, das kann in der Reihenfolge gar nicht sein.
Das spannende und faszinierende neben den Einblick in diese wirklich unangenehme Welt war ja, dass sie trotz des hohen Drogenkonsums und eigentlich kaum Bildung immer sehr reflektiert war, und ihre Situation sehr gut einschätzen konnte. Das geht in diesem Buch leider verloren. Und ihr fehlte ein guter Ghost (oder überhaupt) Writer. Die Co-Autorin Sonja Vukovic steuert Sachartikel zu: Die Geschichte Christianes kurz zusammen gefasst, die Situation von den Junkies im Methadonprogramm und was das eigentlich ist. Die sozialen Schwierigkeiten mit alten Junkies umzugehen. Das ist hier auch wieder gut zu sehen: Das im Prinzip nicht das Usen dich aus der Bahn schießt, sondern die Gesellschaft, die mit Ausgrenzung reagiert, und die Illegalität. So kann man, wie mit anderen Drogen auch, durchaus als User gut leben. Und in einer stabilen Situation ist sogar das Suchtrisiko nicht besonders hoch. Auch dazu gibt es einen Sachartikel.
Also insgesamt spannend, wenn man wissen will, wie Christiane F so nach dem ersten Buch so weiterlebte, leider aber schlecht geschrieben. Und gen Ende hin auch ziemlich bitter. Man merkt, dass das Leben mit H und mit anderen Usern ihr eigentliches zu Hause ist.
Nach diesem Buch hatte sie lange ein Blog, dann wieder Obdachlosenheim und Rumhängen mit Junkies am Herrmannplatz. Zuletzt hörte man von ihr 2023, der Plan: Mal wieder clean werden und aufs Land ziehen.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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FarfallaInsanguinata
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von FarfallaInsanguinata »

karlAbundzu hat geschrieben: Mo 23. Mär 2026, 15:31 Christiane F. - Mein zweites Leben
chrisF.jpg
...
Hatte ich vor langer Zeit aus der Bücherei ausgeliehen und fand es ähnlich wie du, leidlich interessant, aber eben schlechter und weit weniger fesselnd als das Original.
Co-Autorin Sonja Vukovic hat übrigens ein Buch über ihr eigenes Leben geschrieben. Empfehlung von mir, wenn dir die Themen sexueller Missbrauch und Essstörungen nicht zu anstrengend sind. Ich fands sehr gut!
81m1D6RD27L._SL1500_.jpg
81m1D6RD27L._SL1500_.jpg (213.82 KiB) 175 mal betrachtet
Diktatur der Toleranz

Die Zeit listete den Film in einem Jahresrückblick als einen der schlechtesten des Kinojahres 2023. Besonders bemängelt wurden dabei die Sexszenen, die von der Rezensentin als „pornografisch“ und „lächerlich“ bezeichnet wurden.
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buxtebrawler
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR-LOUNGE

Beitrag von buxtebrawler »

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Mawil/Michalke/Kleist/Naatz/Fil – Geschichten aus dem Comicgarten

Rund 220 unkolorierte Seiten stark ist dieses mittelgroße Paperback, das im Jahre 2002 offenbar in fünf verschiedenen Covern bei Berlin Comix erschien. Fünf miteinander befreundete Berliner Comiczeichner, u.a. der noch am Anfang seiner Karriere stehende Mawil und der damals bereits recht renommierte Kleist, zeichneten und schrieben die experimentelle Funny-Sammlung „Geschichten aus dem Comicgarten“. Zur Entstehung lese man das famos selbstironische Vorwort – wenngleich einmal dahingestellt sei, ob das dort beschriebene Konzept, innerhalb einer bestimmten Zeitvorgabe eine bestimmte Anzahl Comicseiten zu schaffen, also total spontan drauflos zu zeichnen, tatsächlich exakt so gegriffen hat.

Bei Michalkes kurzem Liebesdrama um Fuchsi und Fiesi in einfachem Strich hat es aber diesen Anschein; ebenso bei Mawil, der seinen Hasi in eine irre Justizposse stürzt, den Duracelhasen sterben lässt und sich selbst beim Nachdenken zeichnet, zwei Seiten nur mit schwarzen Panels füllt, die eine Ohnmacht ausdrücken sollen, mit Kommissar Hunter, den Schlümpfen, Goofy und Micky Maus bekannte Figuren auffährt und die eigentlichen Ereignisse ausspart, nur nachträglich von einer Figur behaupten lässt.

Von Fil stammt das Herzstück in drei Akten, ebenfalls voller bekannter Figuren: Lolek und Bolek, Catwoman, Werner, die Schlümpfe, Rudolf Scharping, Hulk bzw. Halk, Speedy Gonzales, ein Panzerknacker… und (Achtung!) das Filhuhn! (Tusch!) Damit nicht genug, das Bienchen ruft „Zeter und Mordillo“ – genau mein Humor. Fast überrascht war ich, dass Fil tatsächlich ein pointiertes Ende seiner Geschichte findet. Für Michalke wiederum ist der Comicgarten ein Urlaubsland, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird und ein Rockabilly, der sich für ultracool hält, sein Fett wegbekommt. Naatz zeichnete eine Bulle-von-Tölz-Persiflage mit viel Mundart und Seitenhieben gegen Fickmangas, Pokémons und japanische Vergangenheitsbewältigung.

Und last but not least ist der Comicgarten für Kleist ein Knast, aus dem es zu entkommen gilt – doch im Comicuntergrund ist man zwar frei, hat aber nichts zu beißen. Eine bissige Parabel auf die Comicverlagsbranche inklusive wieder zahlreicher bekannter Figuren und am Ende einem frühen Seitenhieb gegen Computerautomatisierungen, was heutzutage KI wäre, gezeichnet in hübsch düsterem Stil und mit filmischen Perspektiven, die an Ausbrecherkinofilme erinnern.

Das ist alles angenehm und (zumindest mir) nie zu schräg und in jedem Falle besser als Geschichten aus dem Paulanergarten. Wer mag, darf trotzdem ein Weizen dazu genießen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.
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